So wird eine Studie zur Sexualerziehung zitiert, die „große Unterschiede“ im Inhalt und der Aktualität der Lehrpläne konstatiert.
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So wird eine Studie zur Sexualerziehung zitiert, die „große Unterschiede“ im Inhalt und der Aktualität der Lehrpläne konstatiert.

Sexualität

Gesund leben: Die Angst, nicht der Norm zu entsprechen

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Der „Teen Health Report“ offenbart große Unsicherheiten von Jugendlichen bei Fragen, die die Gesundheit betreffen.

  • Unwissenheit beim Thema Gesundheit ist groß
  • Tendenziell scheinen Mädchen in Gesundheitsfragen besser informiert als Jungen
  • „Teen Health Report“ soll fortan jährlich erscheinen
  • Die Welt der Jugendlichen in den 1970er, 80er und 90er Jahren war eine grundlegend andere als heute. Es gab keine Social-Media-Kanäle, keine Präsentation des eigenen Lebens auf Instagram, keine Smartphones und nicht einmal das Internet mit seiner unerschöpflichen Flut an Informationen. Doch die Unsicherheiten und Ängste in dieser Lebensphase sind die gleichen geblieben und zum Teil sogar noch größer geworden. Über alle gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen hinweg hielt sich, scheinbar unbeeindruckt vom Zeitgeist, eine Konstante: Für junge Menschen war und ist Dr. Sommer aus der „Bravo“ eine Instanz, wenn es um Fragen der Sexualität geht – und das auch noch mehr als 50 Jahre, nachdem die legendäre Ratgeber-Rubrik erstmals in der Jugendzeitschrift erschien. Die Fragen haben sich nur wenig geändert – was heutige Leserinnen und Leser interessiert, hat auch schon ihre Großeltern beschäftigt, als die noch Teenager waren.

    Trotz Aufklärung auf allen Kanälen (oder was dafür gelten mag) scheint das Unwissen über das, was sich im Körper während der Pubertät abspielt, groß zu sein. Auch bei Fragen der Verhütung gibt es Unsicherheiten. Das ist das Ergebnis des „Teen Health Reports“, einer Bestandsaufnahme des Gesundheitswissens von Jugendlichen. Vorgelegt haben den Bericht der Verein „Healthcare Frauen“, ein Netzwerk weiblicher Führungskräfte im Gesundheitswesen, und die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung (ÄGGF), in der sich rund 80 Medizinerinnen und Mediziner dafür engagieren, Schülerinnen und Schülern Wissen zu vermitteln.

    „Teen Health Report“ offenbart eine alarmierende Unkenntnis von Jugendlichen

    Der „Teen Health Report“ offenbart eine zum Teil alarmierende Unkenntnis von Jugendlichen bei essenziellen, sie berührenden Gesundheitsthemen. Gerade angesichts der schier unbegrenzten Masse verfügbarer Informationen von unterschiedlichem Wert scheint vielen die Orientierung zu fehlen; wesentliche Fragen bleiben unbeantwortet. Demnach klären sich 48 Prozent der Jugendlichen über Wikipedia auf, fast die Hälfte der 14 bis 17 Jahre alten Jungen nutzt zudem Sexfilme als Aufklärungsmedium. „Eine erschreckend hohe Zahl“, sagt die Heidelberger Ärztin Angela Liedler, Mitgründerin des Vereins „Healthcare Frauen“ und eine der Autorinnen des „Teen Health Reports“: „Den Jugendlichen wird das Bild vermittelt, als würde Hardcore-Pornografie die normale Sexualität darstellen.“

    Als Informationsquelle nutzen zwar nur noch 60 000 Leserinnen und Leser die Printausgabe der „Bravo“ (seit 1998 ist die verkaufte Auflage um mehr als 90 Prozent zurückgegangen). Doch über Youtube und Whatsapp erreicht das Magazins laut „Teen Health Report“ heute immer noch rund 1,7 Millionen Jugendliche.

    Ein Thema, das viele Mädchen umtreibt, ist die Periode. Laut aktuellem Bericht fühlt sich die Hälfte mit der Menstruationshygiene überfordert. Vor allem Mädchen aus Familien mit Migrationshintergrund hätten oft Schwierigkeiten, mit Tampons umzugehen, sagt Angela Liedler. Rund 70 Prozent der Jugendlichen benutzen laut „Teen Health Report“ beim ersten Geschlechtsverkehr ein Kondom, acht Prozent jedoch gaben an, beim ersten Mal überhaupt nicht verhütet zu haben.

    „Es gibt bei Jugendlichen sehr viel Halbwissen“, sagt Silke Schrader von der auf Gesundheitsthemen spezialisierten Agentur „Wefra Life“ und eine der Autorinnen des „Teen Health Report“. Tendenziell scheinen Mädchen in Gesundheitsfragen besser informiert zu sein als Jungen, für sie wirke es sich laut Bericht zum Vorteil aus, dass sie eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt aufsuchen können, während eine vergleichbare Anlaufstelle für Jungen fehle. Männliche Jugendliche wüssten deshalb oft nicht einmal, dass sie eine Prostata haben oder an welchen Arzt sie sich bei Beschwerden im Genitalbereich wenden können, heißt es.

    Auch tauschten sich laut der Untersuchung Mädchen eher mit ihren Freundinnen oder auch mit ihrer Mutter aus – während Jungen unter Gleichaltrigen eher Coolness und Stärke ausstrahlen wollten und zu Hause die Väter Gespräche über Sexualität eher mieden. Grundsätzlich gebe es bei vielen Eltern den „Reflex“, dass für Aufklärungsfragen die Schule zuständig sei, sagt Liedler.

    Tatsächlich sollte der Schule beim Thema Sexualität und Gesundheitswissen eine wichtige Rolle zukommen. „Sie kann aktuell ihrem Bildungsauftrag aber nicht überall gerecht werden“, steht im „Teen Health Report“. So wird eine Studie zur Sexualerziehung zitiert, die „große Unterschiede“ im Inhalt und der Aktualität der Lehrpläne konstatiert. Laut dieser Untersuchung schnitt das Saarland am besten ab, Niedersachsen am schlechtesten.

    Gesundheit: Ein zentrales Thema stelle für viele die Frage dar, ob sie „normal“ seien

    Die „Ärztliche Gemeinschaft zur Gesundheitsförderung“ versucht, mit Informationsveranstaltungen in Schulen die Lücke zu schließen, die Lehrer, Eltern, Freunde und Internet nicht abdecken können. Das Angebot richtet sich an Klassen ab der Stufe fünf und hier vornehmlich an Grund-, Haupt-, Real-, Gesamt-, Berufs- und Förderschulen. „Bei Jugendlichen aus bildungsferneren Schichten ist der Bedarf im Allgemeinen größer“, sagt Angela Liedler. 2018 erreichten die Medizinerinnen und Mediziner bei mehr als 5200 Veranstaltungen rund 76.000 Schülerinnen und Schüler. Weil die Schwelle für intimere Fragen sinkt, wenn man „unter sich“ ist, finden die Veranstaltungen in reinen Mädchen- und reinen Jungengruppen statt, Lehrerinnen und Lehrer müssen draußen bleiben. „Die Jugendlichen haben Hemmungen und Angst vor schlechten Benotungen, wenn Lehrkräfte dabei sind“, erklärt Angela Liedler.

    Die Fragen, mit denen die Ärztinnen und Ärzte konfrontiert sind, belegen die Verunsicherung der Jugendlichen. Ein zentrales Thema stelle für viele die Frage dar, ob sie „normal“ seien, sagt Silke Schrader. Das hat Heranwachsende zwar schon immer beschäftigt, erlangt aber in einer Zeit der leichten Zugänglichkeit pornografischer Bilder und der Omnipräsenz scheinbar perfekter Körper in den sozialen Medien besondere Virulenz. Diese „Pseudorealität“ könne gerade in der Pubertät „Selbstzweifel und Verunsicherung“ hervorrufen, bis hin zum Gefühl der Unzulänglichkeit, den vermeintlichen Normen nicht zu entsprechen“, heißt es im Bericht. „Diese Generation ist viel stärker unter Druck als frühere “, sagt Silke Schrader.

    Verhütung war stets ein großes Thema bei Jugendlichen und ist es heute noch. Als erfreulich bewertet der Report, dass der größte Teil der jungen Menschen zwischen 14 und 25 Jahren sehr genau auf Verhütung achte, wie eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab.

    Doch auch dieses Gebiet wird oft von falschen Vorstellungen geprägt. Zwar seien 97 Prozent der sexuell aktiven und 80 Prozent der bisher nicht sexuell aktiven Mädchen bewusst, dass es die Pille danach zur Notfallverhütung gibt. Die Hälfte wisse jedoch nicht, dass man das Medikament in der Apotheke bekomme. Auch abwegig erscheinende Befürchtungen sind keineswegs selten – etwa jene, dass man später ein behindertes Kind zur Welt bringe, wenn man als junges Mädchen die Pille nimmt. Oder dass man etwa von häufiger Selbstbefriedigung schwanger werden könne.

    Von Chlamydien haben nur die wenigsten gehört

    Des Risikos, sich beim Geschlechtsverkehr mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken, sind sich die Jugendlichen eingeschränkt bewusst. Knapp die Hälfte der 17-Jährigen sind gegen eine Infektion mit Humanen Papillomviren – bestimmte Typen können Gebärmutterhalskrebs begünstigen – geimpft. Weniger bekannt sind Chlamydien, die unter anderem die Ursache für Erkrankungen der Schleimhäute im Augen-, Atemwegs- und Genitalbereich sein können. In einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2016 gaben nur zwölf Prozent aller Befragten über 16 Jahren an, diese Erreger zu kennen, sie rangieren weit hinter dem HI-Virus, Syphilis und Gonorrhöe, die fast der Hälfte bekannt sind. Das allerdings steht in umgekehrtem Verhältnis zur tatsächlichen Situation: Schätzungen zufolge sind mindestens zehn Prozent der 17-Jährigen mit Chlamydien infiziert.

    Sexuelle Gewalt – auch das ist ein wichtiges Thema der Sexualbildung: Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass in einer durchschnittlichen Schulklasse in Deutschland zwei Kinder Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch oder sexueller Gewalt haben. Als besondere Risikoquelle erweist sich dabei das Internet. Ebenso schockierend wie diese Zahl klingt die Tatsache, dass sich laut „Teen Health Report“ nur ein knappes Drittel der betroffenen Mädchen direkt nach dem Geschehen jemand anvertraut, ein weiteres Drittel spricht immerhin nach ein paar Tagen darüber. Mädchen mit niedrigerem Bildungsniveau falle es schwerer, über das Erlebte zu sprechen. Jungen vertrauten sich nach sexuellem Missbrauch oder sexueller Gewalt noch seltener einem anderem Menschen an.

    Der „Teen Health Report“ soll fortan jährlich erscheinen, zudem wollen die „Healthcare Frauen“ und die Ärztliche Gesellschaft für Gesundheitsförderung einen „Teen Health Day“ etablieren, als Termin wird der 23. September angepeilt.

    Über die gesund leben 

    • Die gesund leben ist eine regionale Publikumsmesse der Mediengruppe Frankfurt mit 70 Ausstellern, 55 Expertenvorträgen, 16 Stunden Fitnessprogramm, kostenfreien Gesundheitschecks und Informationen rund um Gesundheit, Fitness, Ernährung, Lifestyle, Reisen, Wellness & Beauty. 
    • Sie findet vom 29.02.-01.03.2020 in der Jahrhunderthalle Frankfurt statt. 
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    Von Pamela Dörhöfer

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