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Anschieben statt warten: In Deutschland wird jede fünfte Geburt eingeleitet.
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Anschieben statt warten: In Deutschland wird jede fünfte Geburt eingeleitet.

Medizin

Fatale Dosis

Das Medikament Cytotec ist für seine Nebenwirkungen bekannt. Trotzdem wird es bei Geburten zur Einleitung der Wehen genutzt.

Eine Frau stirbt wenige Tage nach der Geburt ihres Sohnes. Sie hatte das wehenfördernde Mittel Cytotec bekommen und wurde schlecht überwacht. Ihre Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn Medikamente verwendet werden, für die es keine Regulierung gibt.

Als Alexander Mike seine schwangere Freundin Alissa umarmt, weiß er nicht, dass es das letzte Mal sein wird. Gegen Mitternacht verlässt er das Krankenhaus. Alissa hat in den Stunden zuvor mehrmals ein Medikament bekommen, das künstliche Wehen auslösen kann. Die Ärzte befürchten, dass sie eine Schwangerschaftsvergiftung hat, daher soll die Geburt eingeleitet werden.

Es ist spät, Alissa soll sich ausruhen. Was in dieser Nacht weiter passiert, ist im Geburtsprotokoll und in Gerichtsakten festgehalten. Alexander hat sie über Jahre hinweg gesammelt.

Als Alissa „schmerzhafte Wehen“ spürt, geht sie in den Kreißsaal. Wenige Minuten später schmerzt der Rücken, ihr ist übel. Sie läuft zur Toilette, bricht zusammen. Eine Schwester und eine Ärztin stützen sie auf dem Weg in den Kreißsaal, weil sie zu schwach ist. Die Herztöne des Kindes sind schlecht, sein Herz schlägt langsam. Die Ärzte vermuten, dass sich die Plazenta vorzeitig gelöst hat. Sie fahren Alissa in den OP, Notfallkaiserschnitt.

Niklas kommt schwach zur Welt. Er hat während der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen und muss beatmet werden. Alissas Bauch wird genäht, sie verliert viel Blut, wird noch einmal operiert. Einige Tage später stirbt sie an Multiorganversagen.

„Wehensturm“ bekannte Nebenwirkung des Medikaments Cytotec

„Ich war bei ihr bis zum letzten Herzschlag“, sagt Alexander, heute 32 Jahre alt, die Haare silbern. Niklas flitzt ab und zu durchs Wohnzimmer. Er ist fünf, spricht wenig, es fällt ihm schwer, sich zu fokussieren. Manchmal hat Alexander das Gefühl, sein Sohn lebe in seiner eigenen Welt. Alexander erzählt diese Geschichte, um andere Frauen vor dem zu schützen, was Alissa erlebt hat.

Wie alle Medikamente in der Geburtshilfe kann Cytotec Komplikationen auslösen. In seltenen Fällen kann die Gebärmutter reißen. Eine bekannte Nebenwirkung ist der Wehensturm, bei dem Wehen extrem dicht ohne spürbare Pausen aufeinander folgen, was dazu führen kann, dass das Kind nicht mehr genug mit Sauerstoff versorgt wird und Schaden nehmen kann, wenn Ärzte zu spät reagieren. Den Unterlagen zufolge litt Alissa in der Nacht der Geburt unter einem Wehensturm.

Eines der Gutachten zu ihrem Tod hat der Facharzt Georg Gerstner geschrieben. Für ihn besteht „kein Zweifel, dass dieser bedauerliche mütterliche Todesfall verbunden mit dem kindlichen Geburtsschaden durch die ärztliche Geburtseinleitung mit Cytotec verursacht war“. Das Medikament sei zu hoch dosiert gewesen, man habe die Frau schlecht überwacht und zu spät reagiert.

Mutter bekommt das dreifache der empfohlenen Dosis von Cytotevc

Ein Strafverfahren in dem Fall wurde vor Kurzem gegen eine Geldauflage eingestellt. Ein Zivilverfahren läuft. Die Klinik möchte sich zu den Vorwürfen nicht äußern und verweist auf den Rechtsstreit. Alexander heißt anders, wegen des laufenden Verfahrens ist sein Name hier geändert.

Alissa bekam zur Einleitung der Wehen das Medikament Cytotec verabreicht. Die sechseckige Tablette enthält als Wirkstoff Misoprostol. Dieser ist effektiv und es kommt seltener zu einem Kaiserschnitt als bei alternativen Medikamenten in der Geburtshilfe. Das zeigt eine Analyse des unabhängigen Cochrane-Instituts. Die Experten empfehlen alle zwei Stunden eine Dosis von 25 Mikrogramm. In manchen Ländern empfehlen Geburtshelfer 50 Mikrogramm alle vier Stunden.

Recherchen von BuzzFeed News und dem Bayerischen Rundfunk (BR) zeigen, dass diese Empfehlungen in Deutschland mitunter deutlich überschritten werden. So war es auch bei Alissa. Innerhalb von neun Stunden hat sie dreimal 100 Mikrogramm Misoprostol in Form von Cytotec bekommen – fast das dreifache der empfohlenen Dosis.

Behörden überwachen kontrollieren Handeln der Ärzte im Umgang mit Cytotec nicht

Nur selten stirbt eine Frau bei der Geburt. So selten, dass man nicht sicher sagen kann, ob es bei der einen oder der anderen Einleitungsmethode häufiger passiert. Für Alexander wird trotzdem immer die Frage bleiben, ob Alissa noch leben würde, wenn die Ärzte verantwortungsvoller mit Cytotec umgegangen wären.

In Deutschland wird jede fünfte Geburt eingeleitet, ein Großteil der Kliniken verwendet dafür Cytotec. In der Packungsbeilage jedoch findet sich kein Hinweis auf die Anwendung in der Geburtshilfe, weil es nur als Magenmedikament zugelassen ist. Der Hersteller sieht keine andere Anwendung vor. Ärzte können aber im sogenannten Off-Label-Use Medikamente verschreiben, die für die Anwendung nicht zugelassen sind. Sie müssen Patienten dann über die Risiken aufklären. Behörden kontrollieren ihr Handeln dabei nicht.

Das Problem: Eine Tablette Cytotec enthält 200 Mikrogramm Misoprostol. In der Geburtshilfe braucht man nur ein Viertel oder ein Achtel dieser Dosis. „Eine Tablette ohne Bruchrillen mit einem spitzen Gegenstand in vier oder acht Stücke zu zerteilen ist nahezu unmöglich“, sagt Ralph Heimke-Brinck von der Uniklinik Erlangen. Der Wirkstoff sei zudem nicht gleichmäßig in der Tablette verteilt: „Wenn man dann 30 oder 40 Prozent mehr Wirkstoff hat, kann es zu einer Überdosierung mit Nebenwirkungen kommen. Im schlimmsten Fall kann das dann zu Schädigungen des Kindes führen oder die Gebärmutter kann reißen.“ Die Apotheker des Uniklinikums Erlangen stellen aus diesem Grund ein eigenes, genau dosiertes Präparat her.

Cytotec-Tabletten werden oft zerteilt – Überdosierungen können die Folge sein

So handhaben es viele Apotheken, aber nicht alle Kliniken verwenden diese Präparate. „Einige zerschneiden die Tablette, andere zerbröseln sie oder lösen das Medikament in Wasser auf, das ist ganz uneinheitlich“, sagt Christiane Schwarz vom Lehrstuhl für Hebammenwissenschaften an der Universität Lübeck. Sie befragte dafür 400 Hebammen zu Cytotec. Ein großer Teil gab an, gute Erfahrungen mit dem Mittel gemacht zu haben. 40 Prozent der Befragten aber berichteten, dass man Schwangeren geteilte Tabletten verabreiche. Die Studie ist nicht repräsentativ, zeigt aber ein breites Stimmungsbild aus deutschen Kliniken. Schwarz glaubt, dass heute weniger Klinikpersonal die Tabletten teilt als zum Zeitpunkt der Befragung, doch die Dunkelziffer sei unklar.

Nachdem die Süddeutsche Zeitung und der BR im Frühjahr über Komplikationen im Zusammenhang mit Cytotec berichtet hatten, liegen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) fast 400 Verdachtsmeldungen zu dem Medikament vor. BuzzFeed News und der BR konnten einen Auszug einsehen: Berichte von Müttern, Meldungen von Ärzten, Fälle aus der Wissenschaft. Grundlage dieser Meldungen ist der Verdacht, dass Cytotec eine Nebenwirkung verursacht haben könnte. Eine Kausalbeziehung ist im Einzelfall nicht bewiesen. Die Daten sind teils lückenhaft, deuten aber daraufhin, dass mitunter Dosen von 100 Mikrogramm Misoprostol verabreicht wurden.

Mütter berichten von Nebenwirkungen bei Cytotec

Mehrere Frauen berichten über den Abfall der Herztöne des Kindes, schmerzhafte Wehenstürme und einen vermuteten Sauerstoffmangel während der Geburt. Auch schwere Komplikationen im Zusammenhang mit Cytotec sind darunter: 19 Gebärmutterrisse, zwei verstorbene Mütter und drei verstorbene Babys. Die Zahl der schwerwiegenden gemeldeten Verdachtsfälle veranlasste die Überwachungsbehörde BfArM im März, ein Warnschreiben an Ärzte zu verfassen. Darin heißt es, dass die Tablette nicht zur Teilung vorgesehen sei, weil daraus eine „ungenaue Dosierung“ resultieren könne. Außerdem gebe es alternative zugelassene Medikamente zur Geburtseinleitung.

Friedrich Wolff, ehemaliger Leiter der Frauenklinik Krankenhaus Holweide in Köln, bewertet als Gerichtsgutachter immer wieder Fälle, in denen Cytotec verabreicht wurde und es zu Problemen kam. Es geht dabei meist um Fragen der Dosierung und mangelnde Überwachung. Wolff hat selbst mehr als 200 Geburten ausgewertet und festgestellt, dass hohe Dosen zu mehr Komplikationen führten. Alle Frauen hatten als erste Dosis 50 Mikrogramm Misoprostol bekommen. Eine Hälfte bekam danach die gleiche Dosis noch einmal, die andere Hälfte 100 Mikrogramm. „Bei der hohen Dosierung haben zehn Prozent der Frauen einen Wehensturm bekommen, der das Kind gefährden kann“, sagt Wolff. Bei niedriger Dosierung sei das so gut wie nie vorgekommen. Zentral sei eine gute Überwachung. „In den Händen eines Erfahrenen ist Cytotec ein ganz wertvolles Medikament, aber in den Händen eines Unerfahrenen kann es lebensgefährlich sein.“

Neue Leitlinie zur Geburtseinleitung soll Mütter und Neugeborene schützen

Im Dezember hat die deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe eine neue Leitlinie zur Geburtseinleitung herausgegeben: Sie empfiehlt eine engere Überwachung der Frau, lässt bei der Dosierung aber Spielraum: Empfohlen wird lediglich, Dosen von mehr als 100 Mikrogramm zu vermeiden. Deutsche Ärzte hätten viel Erfahrung mit Misoprostol, begründet Sven Kehl diese Entscheidung. Er leitet die Geburtshilfe an der Klinik Erlangen und hat an den Leitlinien mitgearbeitet. Nicht alle Schwangeren seien gleich, man wolle individuell auf sie eingehen.

Kontakt

Die Reporter:innen von BuzzFeed News – wie die Frankfurter Rundschau Teil der Ippen-Gruppe – recherchieren weiter zum Thema. Wenn Sie Hinweise geben wollen, schreiben Sie bitte an die Autorin: katrin.langhans@buzzfeed.de

„Ich glaube, wenn sie alle Gesundheitsbehörden dieser Welt befragen, dann werden die einen 25, die anderen vielleicht 50 Mikrogramm zur Geburtseinleitung empfehlen, aber nicht mehr“, sagt Andrew Weeks, Professor für internationale Frauenheilkunde an der Universität Liverpool. Weeks bewertet mit Kollegen den Wirkstoff Misoprostol für das Cochrane-Institut. Studien, in denen Frauen mehr als 50 Mikrogramm bekommen haben, schließen die Autoren aus der Analyse aus: Die Rate der Wehenstürme sei „inakzeptabel“.

Mittlerweile haben sich 60 Familien in Deutschland zusammengeschlossen, sie wollen Schwangere mit der Seite Cytotec-Stories über Risiken im Umgang mit dem Medikament informieren. Sie fordern eine Regulierung der Anwendung durch Behörden.

Aber die Überwachungsbehörde BfArM ist machtlos. Sie kann Verdachtsmeldungen sammeln und Briefe an Ärzte schreiben. Aber sie kann keine Tablette für eine Anwendung verbieten, die sie niemals zugelassen hat. (Katrin Langhans)

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