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Tilmann Kohlhaase mit dem Sandmann, mit dem er elf Fernsehfolgen drehte. Rolf Oeser

Sandmännchen

Der Mann unserer Träume

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Seit 1959 hat die DDR-Kultfigur viele Wandlungen erlebt – heute wird das Sandmännchen 60 Jahre alt. Auch Tilmann Kohlhaase durfte als Regisseur seiner Fantasie freien Lauf lassen.

„Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit. Wir sehen erst den Abendgruß, ehe jedes Kind ins Bettchen muss, Du hast gewiss noch Zeit!“

Das Lied für „Unser Sandmännchen“ komponierte Wolfgang Richter, Musikredakteur beim DDR-Kinderfernsehen, in Windeseile, denn zwischen den ost- und westdeutschen Fernsehanstalten entbrannte vor 60 Jahren ein Wettkampf, wer zuerst mit seiner Sandmann-Produktion auf Sendung geht.

Als dann das Sandmännchen am 22. November 1959 erstmals im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde – und zwar acht Tage vor dem West-Sandmännchen, ahnte wohl niemand, dass die Figur als eine von nur ganz wenigen ostdeutschen Filmstars zum Wendegewinner werden würde, der den Kindern in Deutschland bis heute den Abendgruß und seine Gute-Nacht-Geschichten überbringt. Als Exportschlager schaffte es der Sandmann sogar ins kubanische Fernsehen, wo er ebenfalls zeitweise zu sehen war.

„Der Sandmann ist ein Dinosaurier“, sagt Regisseur Tilmann Kohlhaase, der selbst behutsam Hand an die Filmfigur legte, um sie nach der Wende „kompatibel für das Jahr 2000 zu machen“, wie es damals beim Rundfunk Berlin-Brandenburg geheißen hat. Insgesamt produzierte er elf Folgen mit dem Ost-Sandmann – obwohl der 58-Jährige selbst im Ruhrgebiet mit dem West-Sandmann aufwuchs, dessen Kennzeichen eine blaue Schirmmütze ist.

„Mein Kontakt zum Rundfunk Berlin-Brandenburg entstand in der megaspannenden Umbruchszeit nach der Wende während eines Kinderfilmfestivals in Gera, wo ich in der Jury saß“, berichtet Tilmann Kohlhaase, der mittlerweile als Professor an der Hochschule Darmstadt für Animation und Computerspielproduktion verantwortlich ist.

Film ab für den verspielten Sandmann: Szene aus einer Produktion von Tilmann Kohlhaase.

Auf die Frage, ob das Ost-Sandmännchen zu DDR-Zeiten stark von der Ideologie des Sozialismus durchdrungen gewesen sei, antwortet Kohlhaase, „dass die Geschichten viel mehr von der Zeit aufgeladen waren. So finden sich etwa die für die 1960er Jahre typischen, erzieherischen Belehrungen auch in den Sandmann-Sendungen.“

Aktuelle Themen, die damals aufgegriffen wurden, waren beispielsweise die Messe Leipzig oder die Raumfahrt. Da der Sandmann über einen großen Fuhrpark verfügt, um seinen Traumsand an die Kinder auszuliefern, lag es nahe, dass die Puppe auch selbst eine Raumkapsel besteigt. Aber selbstverständlich seien auch Errungenschaften wie die Platten-Neubausiedlungen in Berlin-Marzahn gezeigt worden – als ein Aushängeschild der DDR. „Der Sandmann bringt die große weite Welt ins Kinderzimmer. Damit steht er in der künstlerischen Tradition von Filmemachern, die mit ihren Stoffen zum Nachdenken über die Gesellschaft anregen“, sagt Kohlhaase.

Für ihn als Regisseur war von Anfang an klar, dass er respektvoll mit dem Sandmännchen umgehen wollte. „Die Figur sollte wiedererkennbar sein.“

Andernfalls hätten sicherlich Generationen von Kindern und Eltern vehement protestiert, wenn ihr geliebter Protagonist sein Verhalten oder Aussehen radikal geändert hätte.

Statt der väterlichen, unfehlbaren Autorität, die dem Ur-Sandmann innewohnt, wollte Kohlhaase die Figur kindlicher erscheinen lassen. Daher verpasste er ihm behutsam etwas längere Haare und einen unordentlicheren Bart. „Außerdem sollte er nicht schon immer auf Anhieb alles wissen, sondern auch Neues lernen.“ Kohlhaase gestattete dem notorischen Alleskönner und Alleswisser kurzerhand auch mal, auf den Hintern zu fallen.

Der Sandmann in der Szene „Sandmann mit Telefax und Telewittchen“ aus dem Jahr 1959. 

Darüber hinaus verlagerte er den Ort der Handlung dorthin, „wo Kinder spielen und ihre Fantasie auf die reale Welt stößt. Ich wollte in der erzählerischen Struktur mehr erlauben “, sagt er. Beispielsweise verwandelt sich in einer Folge vor dem Sandmann eine Sandwüste in ein Meer, in dem sich Delfine und andere Lebewesen tummeln. Oder Kreidefiguren auf der Straße entwickeln plötzlich ein Eigenleben und werden lebendig. Und an Weihnachten fliegt der Sandmann auf einer Libelle in Form einer Taschenlampe zu den Kindern, die sich nachts unter einer Bettdecke ein Buch vorlesen.

Tilmann Kohlhaase animierte auch digitale Kastanienfiguren vor einer realen Herbstwald- Kulisse, während die Sandmann-Figur sich weiterhin in altbewährter Stop-Motion-Technik bewegt. Dabei wurde die Figur von einer speziell dafür ausgebildeten Animatorin nur minimal verändert. Durch die schnelle Aneinanderreihung sehr vieler einzelner Aufnahmen entsteht bei dieser Trickfilm-Methode beim Betrachter die Illusion von Bewegung.

„Das erfordert viel Geduld, da es mühselig ist. Pro Tag haben wir im Schnitt drei bis zehn Sekunden Filmmaterial fertig gedreht“, erinnert sich Kohlhaase.

Aus seiner Sicht birgt das Sandmännchen noch viel Potenzial, Erstseher auch in Zukunft an die wundervolle Welt der Filme heranzuführen. Als ein Vorschulformat ist der Sandmann übrigens bei Zwei- und Dreijährigen ein Hit, während er oft schon unter Sechsjährigen wieder out ist.

Neben dem Versprechen nach Schlaf transportiert das Sandmännchen ein Stückchen heile Welt in den Kreis der Familie – und das seit Generationen. „Es ist ein schönes Ritual, wenn die Familie vor dem Fernseher abends zusammenkommt, bevor dann anschließend die Kleinen ins Bett gehen“, betont Tilmann Kohlhaase. Gerade aktuell, wo uns so viele schlechte Nachrichten erreichten, „sind Träume wichtig“.

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