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Freiheit statt Zwang: Erzieher Merlin Sperling mit Katinka (oben) und Vera. 

Gleichberechtigung

„Wir leben den Kindern andere Rollenbilder vor“

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Wickeln, trösten, kuscheln: In der Frankfurter Unikita kümmern sich überdurchschnittlich viele Männer um die Kinderbetreuung.

  • In der Uni-Kita in Frankfurt arbeiten überdurchschnittliche viele Männer
  • Auf Geschlechtergerechtigkeit wird hier besonders geachtet
  • Aufgaben werden „geschlechtssensibel“ verteilt

Als Merlin Sperling mit den Kitakindern die großen Baumodule zum Spielen wegräumen will und die Gruppe fragt, warum sie das machen, antwortet ihm die sechsjährige Katinka: „Damit die Reinigungskraft besser putzen kann.“ Darüber freut sich der Erzieher sehr. Schließlich gebe es ja nicht nur Putzfrauen, sondern auch Männer, die putzen.

Rollenbilder: Auch Männer können klassische Frauenrollen übernehmen

Der 31-Jährige lebt den Kindern in der Frankfurter Unikita vor, dass auch Männer die vermeintlich klassischen Frauenrollen übernehmen können: „Ich nehme die Kinder auf den Arm und tröste sie; denn auch Männer können körperliche Nähe und Liebe geben“, sagt er. 

Das sei wichtig für das Bindungsverhalten: „Kinder brauchen emotionale Sicherheit, wenn sie weinen. Dadurch bekommen sie Power, um sich ihre Lebenswelt wieder mit einem Lächeln zu erschließen.“ Dazu passt, dass in der Kita oft Väter ihren Nachwuchs während der dreiwöchigen Eingewöhnungsphase begleiten.

Uni-Kita in Frankfurt: Team aus fünf Frauen und fünf Männern kümmert sich um Betreuung

Für Sperling ist der professionelle Umgang mit Kindern und Eltern wichtig: Das basisdemokratisch organisierte Team der Unikita, die sich seit der Gründung 1971 im Studierendenhaus auf dem Campus in Bockenheim befindet, beschäftigt sich viel mit pädagogischer Theorie. Darüber hinaus werden Entscheidungen von allen zusammen gefällt; auch der Vorstand des freien Trägers der Jugendhilfe wird vom Team gewählt.

Bei der Betreuung setzt das Team, dem fünf Frauen, fünf Männer und eine Praktikantin angehören, auf Freiheit statt auf Zwang: „Im Alltag gehen wir sehr stark vom Kind aus“, sagt Sperling. So können Kinder selbst entscheiden, wer sie in einem einsehbaren Bereich wickeln soll. Wenn sie es partout nicht wollen, wird nachgeschaut, ob es einen Verhandlungsspielraum gibt oder ob die Windel unbedingt gewechselt werden muss. „Falls das Kind noch nicht sprechen kann, sagen wir den Eltern dann Bescheid. Das ist auch wichtig für das Kind“, ergänzt die Erzieherin Carla Meinhardt (49). Dass Kinder als „Experten für ihren eigenen Körper“ ernst genommen werden, beuge auch Missbrauch vor.

Deshalb besteht das Team auch nicht darauf, dass die ein- bis sechsjährigen Kinder, die altersgemischt betreut werden, zu Mittag essen müssen. „Wenn sie möchten, bekommen sie immer Brot. Hier verhungert niemand.“ Und die Kinder bestimmen auch selbst, wann sie schlafen wollen. „Sind die Kleinen müde, schlafen sie oft schnell auf dem Arm ein.“

Zum Konzept gehört auch, dass sich die 47 Kinder hauen dürfen, allerdings ohne Gegenstände. Manchmal diene ein Schubs nur zur Kontaktaufnahme. Und wenn jemand gehauen wird, merkt er, dass das wehtut. In solchen Fällen gehe es meist um was, sagt Meinhardt. „Die Kinder klären ganz viel unter sich, es ist ihr Streit.“ Auch die Eltern fänden das theoretisch super, aber wenn das Kind blaue Flecken hat, sehe es doch etwas anders aus. „Auch von Schulen bekommen wir die Rückmeldung, dass unsere Kinder eine gute, offene Streitkultur zeigen.“

Uni-Kita in Frankfurt versucht Aufgaben „geschlechtssensibel“ aufzuteilen

Dass in der Kita grundsätzlich jeder alles kann, ändert aber nichts daran, dass „Kinder zwischen drei und sechs Jahren ihre Geschlechtsidentität finden und ihre eigenen Rollenbilder oft sehr intensiv ausleben, auch wenn wir Erwachsene etwas anderes vorleben“, sagt Carla Meinhardt. Bei manchen Mädchen sind dann radikal Rosa, Tüll oder Puppen angesagt. „Wir versuchen den Kindern klarzumachen, dass es keine richtigen oder falschen Geschlechtszuschreibungen gibt, aber wenn ein Spruch wegen Jungs mit langen Haaren gemacht wird, schreiten wir schon ein.“

Frieda, 5 Jahre: Mädchen und Jungen haben gleich viel Wert und können alles gleich gut. Wir spielen gemeinsam, wir rennen ums Kinderzentrum oder fangen uns gegenseitig. Ein Vorbild für mich ist meine Freundin Jette, die hat so tolle Einfälle. Später möchte ich Tierärztin werden.

Geschlechtsneutrale Erziehung wie sie in der Stockholmer Vorschule „Egalia“ praktiziert werde, war dem Team aber zu extrem. „Dennoch versuchen wir Aufgaben geschlechtssensibel aufzuteilen. Wir achten darauf, dass Männer die Kinder auch wickeln, trösten oder mit ihnen kuscheln und Frauen auch Löcher in die Wand bohren oder das Lagerfeuer anzünden“, berichtet Carla Meinhardt. 

Sie erwische sich trotz besseren Wissens manchmal dabei, davon auszugehen, dass Mädchen beispielsweise verständiger seien. „Oder wenn die Kinder auf Bäume klettern, ängstigt sich man schneller, dass das Mädchen herunterfallen könnte.“ Merlin Sperling betont, dass niemand frei von Vorurteilen sei, „aber wir können uns bewusst sein, dass Vorurteile für andere verletzend sein können“.

Von Frankziska Schubert

Ein Beispiel aus einer anderen Kita zeigt ebenfalls: männliche Betreuer in Kitas sind wichtig für die Kinder. In Kitas und Tagespflege arbeiten jedoch noch immer kaum Männer. Seit Jahren wird um sie geworben - doch die Geschlechterklischees sind hartnäckig. 

Studien und Umfragen zum Erziehermangel, zu fehlenden Kita-Plätzen und Sorgen der Eltern gibt es viele - jetzt hat die OECD mal die Erzieher selbst befragt. Ergebnis: Sie sind gut ausgebildet, lieben ihren Job, aber fühlen sich wenig wertgeschätzt.

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