Gesundheit

Neue Therapie gegen Lungenkrebs lässt Patienten hoffen - Doch es gibt ein entscheidendes Problem

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Ein Netzwerk verschiedener Krebszentren soll Patienten mit Lungentumoren zugute kommen. Denn es gibt eine neue Behandlungsmethode gegen Lungenkrebs.

  • Rauchen ist nach wie vor die Hauptursache für Lungenkrebs.
  • Jetzt rücken genetische Veränderungen in den Fokus der Wissenschaft
  • Jetzt gibt es neue Behandlungsmethoden gegen Lungenkrebs

Frankfurt - Nicht nur Raucher bekommen Lungenkrebs – auch wenn Tabakkonsum die Hauptursache für dieses bösartige, nach wie vor häufig tödliche Leiden bleibt. Doch tatsächlich haben manche Lungenkrebskranke nie oder allenfalls gelegentlich geraucht; diese Gruppe macht etwa 15 Prozent der Patienten aus, sagt der Onkologe Martin Sebastian vom Universitätsklinikum Frankfurt.

Oft waren diese Menschen regelmäßig dem Qualm anderer oder in ihrem Beruf krebserregenden Schadstoffen ausgesetzt. Aber auch genetische Veränderungen können als Ursache von Lungenkrebs eine Rolle spielen. Solche Mutationen sind in jüngster Zeit zunehmend in den Fokus der Wissenschaft gerückt. So wurden für den sogenannten „nicht-kleinzelligen Lungenkrebs“ – die am häufigsten vorkommende Form des Lungenkarzinoms – in den vergangenen Jahren mehrere genetische Veränderungen entdeckt, die für das Entstehen und schnelle Wachsen bösartiger Tumore verantwortlich sein können.

Lungenkrebs: Molekulare Therapie kann helfen

In der Medizin werden sie als „Treibermutationen“ bezeichnet. Je nachdem, welche genetische Veränderung vorliegt, kann eine der modernen molekularen Therapien helfen, das Leben von Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs zu verlängern. Zu diesen neuen Behandlungsmethoden gehören zum Beispiel Antikörper, die sich nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip gezielt gegen veränderte Proteine auf den Tumorzellen richten, oder die Immuntherapie in Form von „Checkpoint-Inhibitoren“. Dabei handelt es sich um Substanzen, die im körpereigenen Abwehrsystem Bremsen lösen sollen, die der Tumor zuvor aktiviert hat, um nicht angegriffen zu werden.

Husten kann ein Hinweis für Lungenkrebs sein - oft wird die Krankheit allerdings zu spät erkannt. 

Noch bis Anfang der 2000er Jahre gab es weniger Optionen zur Behandlung von fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, sagt Martin Sebastian. Patienten konnte nach der Operation – sofern ihr Tumor noch auf diesem Weg zu entfernen war – nur eine Chemotherapie auf Platinbasis, eventuell kombiniert mit einer Bestrahlung, angeboten werden. Die neuen Therapien haben die Überlebenszeit dieser Patienten deutlich verbessert, sagt der Frankfurter Mediziner, bei Tumoren mit der häufigsten genetischen Veränderung, der sogenannten IGFR-Mutation zum Beispiel „von etwa eineinhalb Jahren mit Chemotherapie auf fünf bis sechs Jahre“. Dabei sollen die auf molekularer Ebene zielgerichtet wirksamen Methoden insgesamt besser verträglich sein als die herkömmliche Behandlung mit Zellgiften.

Lungenkrebs-Diagnostik: Nicht alle Krankenhäuser verfügen über moderne Technik

Allerdings gibt es wie generell in der Krebsmedizin das Problem, dass der Fortschritt der vergangenen Jahre nicht allen Patienten zugänglich ist: etwa, weil das Krankenhaus, in dem sie behandelt werden, diese Methoden und vor allem für deren Einsatz nötige molekulare Diagnostik nicht anbietet. Denn die neuen personalisierten Therapien wirken nur bei bestimmten genetischen Veränderungen. Weist der Tumor diese nicht auf, bleibt die Behandlung nutzlos. Ob ein Lungenkarzinom zum Beispiel auf Antikörper oder Checkpoint-Inhibitoren anspricht, ist jedoch weder im Röntgenbild noch im Kernspintomographen zu sehen, das lässt sich allein mit Hilfe modernster molekularer Diagnostik feststellen. Viele Krankenhäuser in Deutschland verfügen über diese Möglichkeiten nicht und bieten deshalb nach wie vor nur eine Chemotherapie an, auch wenn die Patienten möglicherweise von einer molekular zielgerichteten Therapie besser profitieren könnten.

Steigende Fallzahlen

In Deutschland erkranken laut Robert-Koch-Institut jedes Jahr mehr als 55 000 Menschen neu an Lungenkrebs. Insgesamt hat keine andere Krebserkrankung hat im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte so stark zugenommen.  Die Überlebenschancen bei Lungenkrebs sind im Vergleich zu anderen Tumorerkrankungen schlecht: Bei Männern ist Lungenkrebs die mit Abstand häufigste krebsbedingte Todesursache, bei Frauen wiederum die zweithäufigste. Nur 21 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer leben fünf Jahre nach der Diagnosestellung noch.

Um Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligen Lungenkrebs in Deutschland flächendeckend den Zugang zu einer standardisierten molekularen Diagnostik und den neuen Therapien zu bieten, haben sich 13 onkologische Spitzenzentren und weitere hauptsächlich universitäre Krebszentren im „nationalen Netzwerk genomische Medizin (nNGM) Lungenkrebs“ zusammengeschlossen.

Kliniken oder Praxen können diesem Verbund beitreten und dann für ihre Patienten die molekulare Diagnostik an den großen Zentren in Anspruch nehmen. Dafür müssen sie dann unter anderem die bislang vorliegenden Befunde sowie Blut- und Gewebeproben an das entsprechende Zentrum schicken. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass Patienten auch dann eine umfassende Diagnostik und die für sie passende, beste Therapie bekommen, wenn sie nicht an einem der großen Krebszentren behandelt werden.

Lungenkrebs: Molekulare Diagnostik beim Senckenbergischen Institut für Pathologie in Frankfurt

Viele Krankenkassen unterstützen die molekulare Diagnostik und Beratung mit einer pauschalen Vergütung, so dass weder für die Patienten noch für die zuweisenden Ärzte Kosten entstehen. Gefördert wird der Aufbau des Netzwerks von der Stiftung Deutsche Krebshilfe.

Im Großraum Frankfurt etwa ist das nNGM-Zentrum am Universitäten Centrum für Tumorerkrankungen am Universitätsklinikum Frankfurt angesiedelt. Für die molekulare Diagnostik ist das Dr. Senckenbergische Institut für Pathologie zuständig. Dort untersuchen die Pathologen unter der Leitung von Peter Wild als Erstes Gewebe- und Blutproben um festzustellen, um welche Form von Lungenkrebs es sich handelt. Meist entsteht er durch Veränderungen der Schleimhäute (dann spricht man von Plattenepithelkarzinom) oder der Drüsenzellen (Adenokarzinom). Aufgrund ihres Erscheinungsbildes werden diese Tumore als nicht-kleinzelliger Lungenkrebs bezeichnet, mit etwa 85 Prozent aller Lungenkrebserkrankungen ist er die häufigste Form, sagt Gernot Rohde, Leiter des Schwerpunkts Pneumologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Daneben gibt es noch den kleinzelligen Lungenkrebs, der vom endokrinen Hormondrüsen-System ausgeht. Die neuen Therapien können ausschließlich beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom angewandt werden.

Im nächsten Schritt folgt eine zweistufige molekularpathologische Diagnostik, bei der das Erbgut und die Proteine des Tumormaterials auf genetische Veränderungen untersucht werden. Speziell für Lungenkrebs wurde eine Analyse entwickelt, die genau diejenigen 18 Gene abdeckt, in denen am häufigsten Mutationen bei Lungenkrebs auftreten.

Nach Abschluss der Diagnostik erhält der behandelnde Arzt ein molekularpathologisches Gutachten und eine Therapieempfehlung, die auf den individuellen Befund abgestimmt ist. Auf Wunsch können Fälle auch in der Molekularen Tumorkonferenz am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen Frankfurt besprochen werden. Solche Tumorkonferenzen gibt es an allen Krebszentren, dort diskutieren Fachleute aus den verschiedenen medizinischen Gebieten die Befunde und die bestmögliche Behandlung. Auch besteht für Patienten über das neue Netzwerk die Möglichkeit, an Studien teilzunehmen, in denen Therapien getestet werden. (Von Pamela Dörhöfer)

Obwohl die Medizin große Fortschritte gemacht hat, wird die Zahl der Krebstoten laut Experten steigen. Immerhin: Die Verfahren zur Krebserkennung werden präziser und schonender.

Rubriklistenbild: © Christin Klose/dpa-tmn

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