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Luisa Neubauer ist eine der Hauptorganisatorinnen der deutschen „Fridays for Future“-Bewegung.

Fridays for Future

Luisa Neubauer: „Wir können Krisen also ernst nehmen, wenn wir wollen!“

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Luisa Neubauer über Corona, neue Formen von „Fridays for Future“ - und darüber,  was wir aus der aktuellen Situation für den Kampf für mehr Klimaschutz lernen können.

Frau Neubauer, die Corona-Pandemie lässt die Sorge ums Klima gerade in den Hintergrund treten. Inwiefern betrifft diese Infektionswelle Sie persönlich?

In vielen Dimensionen – einerseits bleibe ich zu Hause, habe dutzende Termine, Lesungen, Reisen bis nach dem Sommer gecancelt. Meine Rolle als Aktivistin ist heute auch eine ganz andere. Und privat mache ich mir natürlich große Sorgen um meine Großmutter und andere ältere Verwandte, um einen engen Freund, der hochgradig gefährdet ist, um meine Mutter, die als Krankenschwester täglich einer Ansteckung ausgesetzt ist und hautnah erlebt, wie ein Gesundheitssystem an seine Grenzen gerät – auf dem Rücken von Menschen wie ihr.

Die Pandemie wird den Fridays-for-Future-Protest in der bisherigen Form, mit Streiks und mächtigen Demonstrationen, wohl auf Monate hinaus unmöglich machen. Wie wollen Sie Ihr Engagement jetzt fortsetzen?

Wir machen weiter – jetzt halt anders. Als Teil einer Bewegung, die Massenmobilisierungen organisiert, sind wir als Fridays for Future jetzt auch ganz neu gefordert. Wir haben alle Streiks abgesagt, rufen zum Zuhausebleiben auf, organisieren online Bildungsangebote und helfen schwachen Bevölkerungsgruppen.

Luisa Neubauer: Die großen Krisen werden uns auch zu Corona-Zeiten einholen

Haben Sie Angst, dass die Corona-Krise die Debatte um das Klima auf lange Zeit aus dem Bewusstsein verdrängt und damit Ihre Erfolge zunichtemacht?

Ich habe Angst um die Menschen rund um die Welt und in meinem direkten Umfeld, die gerade durch Corona in Gefahr sind. Ja, zusätzlich ist es natürlich beunruhigend zu wissen, dass uns die großen Krisen des Planeten auch zu Corona-Zeiten einholen werden. Auch wenn wir alle mit den Gedanken gerade woanders sind, wird der Amazonas dieses Jahr brennen, wird es Überschwemmungen und Extremwetter geben. Wir werden als Gesellschaft und als Menschheit ganz schön wachsen müssen an dieser doppelten Herausforderung. Jetzt hat eben nicht mehr nur der Planet Fieber, sondern die Menschen auch.

Andererseits könnte sich diese Pandemie sogar positiv auf das Klima auswirken. Immerhin sinken gerade die weltweiten Emissionen, Flugzeuge bleiben am Boden. Kann man das sagen, ohne zynisch zu wirken?

Nein, das kann man nicht sagen. Die Klimakrise ist Folge jahrzehntelanger fossiler Ausbeutung des Planeten. Gerade jetzt sinken die Emissionen zwar, aber das ist ein kurzfristiger, unbeabsichtigter Nebeneffekt einer schrecklichen Krise. Echter Klimaschutz folgt Plänen und Zielsetzungen, setzt Maßnahmen nachhaltig um. Das brauchen wir – keine spontanen Emissionseinbrüche, geboren aus einem Chaos.

Luisa Neubauer: Was man aus der Corona-Krise lernen kann

Könnte man mit Abstand aus der Corona-Krise etwas für die Bewältigung der Klimakrise lernen? Immerhin geht es jetzt viel um Solidarität und darum, dass Menschenleben mehr zählen als wirtschaftliche Interessen.

Oh ja, das ist sehr interessant. Wir können Krisen also ernst nehmen, wenn wir wollen! Und wir können ungeahnte Solidarität und Bereitschaft zu handeln zeigen. Im besten Falle machen wir diese Krisenerfahrung zu einer Krisenbewältigungserfahrung und konservieren diese Erfahrungen für die Klimakrise. In all dem Chaos, all dem Leid und der Belastung kann das doch ein zarter Hoffnungsschimmer sein.

In Ihrem Buch „Vom Ende der Klimakrise“, das Sie zusammen mit Alexander Repenning vor Corona geschrieben hatten, erwähnen Sie, dass Sie eigentlich nie Klimaaktivistin hätten werden wollen. Wie ging und geht es Ihnen jetzt mit dieser Rolle?

Zur Person

Luisa Neubauer, 23, ist eine der Hauptorganisatorinnen der deutschen „Fridays for Future“-Bewegung. Die Aktivistin ist Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen.

Nach wie vor ambivalent. Ich habe ganz hautnah miterlebt, wie Menschen ein Land auf den Kopf gestellt haben, zumindest diskursiv. Das ist natürlich unglaublich bewegend. Das heißt, wenn Menschen zu mir sagen, die Menschen würden sich nie verändern, dann sage ich: Hey, macht die Augen auf und seht euch an, was wir alles geschafft haben! Das ist ein Teil von mir. Und der andere stellt fest: Jetzt war ich in den Ministerien und Parlamenten, habe mit den Präsidenten gesprochen und mit den CEOs, war beim Weltwirtschaftsforum. Ich bin bis in diese Machtzentren gelangt, und noch immer stehen wir ganz am Anfang. Das ist eine sehr irritierende Erfahrung.

Luisa Neubauer: Die Geschichte lehrt uns, dass sozialer Wandel chaotisch verläuft 

Sie haben auch persönliche Ziele für diesen Weg hintangestellt, so haben Sie es mal erwähnt.

Ich habe mich an dem Tag, an dem wir unseren ersten großen Streik in Berlin organisiert haben, für einen Masterstudiengang an einer sehr guten englischen Universität beworben. Sehr lange war das für mich ein zentraler Pfeiler für meine Zukunftsplanung. Ich wurde dann tatsächlich angenommen – und ich habe abgelehnt. Die Uni fand das so ungewöhnlich, dass ich gefragt wurde, ob ich nicht einen Gastbeitrag über diese Entscheidung schreiben wollte, weil so etwas so selten vorkommt. Das habe ich aber dann übrigens nicht gemacht.

Sie sagen, Fridays for Future habe noch nicht genug erreicht? Muss der Protest radikaler werden?

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen Radikalität und Gewaltbereitschaft gleichsetzen – und das wäre Unsinn.

Sagen wir: Entschlossenheit.

Dann denken viele Menschen an zivilen Ungehorsam. Das wäre in meiner Wahrnehmung zu kurz gegriffen, das ist eine mögliche Aktionsform von vielen. Dass auf Straßenprotest zwangsläufig Ungehorsam folgen muss, geht an bewegungspolitischen Realitäten vorbei. Plus: Die Geschichte lehrt uns, dass sozialer Wandel nicht linear verläuft, sondern eben chaotisch – nirgends wird das sichtbarer als jetzt in der Corona-Krise. Sie verändert die Bedingungen und Umstände fundamental. Während wir gefragt sind, in aller Ernsthaftigkeit und Sensibilität auf die Pandemie einzugehen, geht es für die Klimabewegung nebenbei darum, Ressourcen und Erfahrungen wirkungsvoll einzusetzen und klugen politischen Protest zu organisieren, wenn die Zeit dafür reif ist. Anlass zur Hoffnung gibt es durchaus: Wenn man bedenkt, was wir binnen eines Jahres alles mobilisiert haben, wenn man das nimmt und multipliziert mit dem, was wir gelernt haben, dann gibt es keinen Anlass zu verzagen.

Luisa Neubauer: Viele Menschen sind bereit, sich gegen Corona oder die Klimakrise zur wehr zu setzen

Schon vor der Pandemie verzeichneten die Demonstrationen in Deutschland aber weniger Teilnehmer.

Dafür verzeichneten die globalen Streiks immer mehr Teilnehmer. Wir haben auch ein Bedürfnis nach Reflexion und nach strategischer Überlegung. Deshalb ist klar, dass wir nicht ständig Massenevents mobilisieren – das galt vor der Pandemie, und es gilt jetzt noch mehr. Ich finde es sehr wichtig, dass auch politische Regenerationszeit eingeplant wird. Dazu kommt, dass Zahlen nur ein Teil von ganz vielen Faktoren sind, die darüber entscheiden, wie groß der Druck sein kann.

Welche Faktoren sind es noch?

Es geht darum, den Protest einzubetten in eine Erzählung, die Menschen berührt. Wir haben eine große, unfassbar starke politische Masse in Deutschland, die bereit ist, sich zur Wehr zu setzen, sei es gegen rechts außen oder die Klimakrise oder jetzt auch gegen diese Pandemie. Die Leute sind da, die sind präsent, ob auf der Straße oder woanders.

Interview: Thorsten Fuchs

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