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Nach einer Trennung ist es wichtig, die Kinder nicht in der Luft hängen zu lassen, sondern ihnen ein Gefühl der Geborgenheit zu geben.

Trennung

„Loyalitätskonflikte mit Eltern sind Gift für die Seele des Kindes“

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Bindungsforscher Claus Koch spricht im Interview über glückliche und unglückliche Trennungskinder und über folgenschwere Fehler, die Eltern besser nicht begehen sollten.

Claus Koch, 69, ist Gespächstherapeut und gründete vor vier Jahren das Pädagogische Institut Berlin, um etwa an Schulen traumatisierte Flüchtlingskinder zu betreuen. Er hat Philosophie und Psychologie in Heidelberg und Paris studiert und war bis 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch beim Beltz-Verlag. Parallel dazu lehrte er an der Universität Bielefeld und veröffentliche viele wissenschaftliche Beiträge zur Bindungstheorie. Claus Koch hat vier Kinder und hat selbst eine Trennung hinter sich. 

Herr Koch, Sie haben berechnet, dass es in Deutschland jedes Jahr rund 180 000 neue Trennungskinder gibt. In jeder fünften Familie wächst also ein Kind mit nur einem Elternteil auf. Wie kommt das?
In den Fünfziger- und Sechzigerjahren sind Paare wegen der Kinder zusammengeblieben, selbst wenn die Ehe gescheitert war. Das lag daran, dass Scheidung ein Stigma war, sowohl im kirchlichen Kontext als auch bei Nachbarn, in Kitas und Schulen. Aber das hat sich ab Mitte der Sechzigerjahre geändert, da sind die Scheidungsraten hochgegangen, sie liegen in Deutschland aktuell bei 35 Prozent. In Großstädten betragen sie sogar zum Teil weit über 50 Prozent. Ein neuer Trend ist übrigens, dass sich Eltern trennen, wenn die Kinder volljährig sind; der Anteil unter verheirateten Paaren beträgt rund 15 Prozent.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Kinder?
In Schulklassen und Kitagruppen sind heute oft die Hälfte Trennungskinder. Das bedeutet, dass der Druck nachgelassen hat und sich Eltern viel schneller trennen, wenn Beziehungen nicht mehr funktionieren. Die betroffenen Kinder fühlen sich nicht mehr als Minderheit ausgegrenzt, weil andere das gleiche Schicksal haben wie sie. Es ist für sie ein normaler Vorgang; sie werden deshalb nicht mehr schief angesehen. Außerdem können sich die älteren Kinder austauschen über die Folgen der Trennung. Weil Scheidungen so häufig vorkommen, haben Kinder heute im Fall von Konflikten zwischen Eltern aber wesentlich mehr Angst, dass genau das eintreten könnte. Dabei gehören Konflikte zu Beziehungen dazu, und im besten Fall lernen Kinder auch für ihre eigenen späteren Paarbeziehungen, dass man mit ihnen produktiv umgehen kann.

Bindungsforscher Claus Koch.

Für Sie ist es alarmierend, dass fast die Hälfte aller Scheidungskinder nach einer gewissen Zeit vaterlos aufwächst. Welche Ursachen hat es?
Knapp die Hälfte der Kinder wächst bei ihren alleinerziehenden Müttern auf; in der Schweiz und Österreich ist das ähnlich. Denn dominant ist weiterhin das sogenannte Residenzmodell, bei dem der Vater nach der klassischen Regelung die Kinder jedes zweite Wochenende, einmal in der Woche und in den Ferien sieht. Im Gegensatz zu Skandinavien ist das Residenzmodell bei uns weit verbreitet; in rund 80 bis 90 Prozent der Fälle wird es praktiziert. Weil der Vater bei diesem Modell nicht so präsent ist, bricht die Hälfte von ihnen nach zwei bis drei Jahren den Kontakt zum Kind völlig ab. Für die Entwicklung der Kinder ist das alles andere als gut, weil Eltern immer eine Vorbildfunktion haben. Besonders Jungen leiden darunter, wenn der Vater verschwindet, weil das männliche Vorbild fehlt. Manchmal nimmt auch der Lebenspartner der Mutter eine gewisse Vaterrolle ein. Das kann aber in jeder Familie ganz unterschiedlich sein.

Aus welchen Gründen ziehen sich die Väter zurück?
Das Residenzmodell führt häufig zu einem gewissen Entfremdungseffekt zwischen Vätern und ihren Kindern. Oft fühlen sich Väter von ihrer Ex bevormundet, wann und wo und wie lange sie ihre Kinder sehen dürfen. Oder der Vater wohnt weiter weg. Aus diesen und anderen Gründen lässt dann irgendwann der Wunsch nach, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. In Amerika heißen sie übrigens Disney-Väter, weil es nur noch um Events und Spaß geht wie beim Besuch von Zoo oder Freizeitpark – wodurch das Kind vom Alltag des Vaters so gut wie nichts mehr mitbekommt. Aus diesem Grund plädieren heute vor allem die Väter, aber auch Psychologen, Juristen und Sozialarbeiter für das Wechselmodell. Streng genommen bedeutet das, dass das Kind eine Woche lang beim Vater und eine Woche bei der Mutter ist.

Sind Sie auch ein Befürworter des Wechselmodells?
Das lässt sich nicht so einfach oder kategorisch beantworten. Das Wechselmodell ist in Skandinavien und einigen Staaten in den USA sehr verbreitet; rund die Hälfte der Sechs- bis Zwölfjährigen ist im Wechsel jeweils eine Woche bei der Mutter und dann beim Vater. Dort sind die Bedingungen dafür oft besser als bei uns, weil alle Kinder von klein auf ganztags betreut werden. Gehen die Kinder aber halbtags zur Grundschule oder wird eines krank, ist es auch abhängig vom Wohlwollen des Arbeitgebers, ob man eine Woche für das Kind präsent sein kann. Es bedarf eines guten sozialen Zusammenspiels, damit das Wechselmodell gelingt. 

Gibt es auch Fälle, wo das Wechselmodell gar nicht funktioniert?
Für Säuglinge bis zum Alter von 15 Monaten ist das Modell überhaupt nicht geeignet: Die drehen vollkommen ab, wenn sie ständig ihren Ort wechseln müssen. Dazu gibt es eine Studie aus den USA. Jüngere Kinder bis zum Alter von fünf Jahren wiederum brauchen einen sicheren Hafen, eine Basisstation, ganz einfach, weil eine Trennung ihr Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit durcheinanderbringt. Ich plädiere dafür, dass man in diesen Fällen das strikte Residenzmodell erweitert um ein oder zwei Wochentage, damit das Kind und der Vater den Alltag zusammen verbringen können. Dazu kommt, dass das Wechselmodell voraussetzt, dass sich die Eltern der Kinder nach wie vor halbwegs verstehen.

Was braucht es, damit die Erziehung von Trennungskindern gelingt?
Am besten gelingt es beim Co-Parenting, wenn sich zuvor schon beide Eltern um die Erziehung gekümmert haben. Ein wichtiger Faktor ist, dass die Betroffenen es schaffen müssen, die Eltern- von der konfliktbesetzten Paarebene zu trennen.

Glücklich werden nach der Trennung – ist das für Kinder überhaupt wieder möglich?
Ja, es gibt dazu zwei große Studien aus den USA und eine aus Deutschland. Demnach unterscheiden sich rund 70 Prozent der älteren Trennungskinder später nicht von den anderen. Die US-Forscherin E. Mavis Hetherington hat nachgewiesen, dass sich bei 15 Prozent der Kinder später psychische Probleme aber eindeutig auf die Trennung zurückführen lassen.

Claus Koch: Trennungskinder, Patmos-Verlag, 2019, 224 Seiten, 18 Euro.

Welche psychischen Probleme resultieren daraus auf lange Sicht?
Eine Trennung kann sich auf die Bindungssuche in späteren Beziehungen auswirken, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass es dramatisch schiefgehen kann – mit viel Gebrüll und Geschrei. Trennungskinder begleitet häufig die Angst, dass die neue Beziehung wieder kaputt geht. Oder sie suchen sich One-Night-Stands aus Angst, dass eine Beziehung sowieso nicht andauert. Viele bilden auch eine sogenannte Zurückweisungssensibiltät aus; zum Beispiel haben sie Angst, im Gespräch dem Chef ihre Meinung zu sagen oder den Partner zu kritisieren, weil sie glauben, dann sofort zurückgewiesen zu werden. Nachgewiesen ist, dass eine Mehrzahl der Kinder psychische Probleme entwickelt, wenn sich die Eltern vor Gericht um sie streiten. Nicht bei allen, aber bei vielen reichen sie dann bis ins Erwachsenenalter.

Was für existenzielle Gefühle und auch Ängste löst eine Trennung in Kindern aus?
Alle Kinder haben existenzielle Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Geborgenheit, nach Resonanz, nach Anerkennung, Vertrauen und Selbstwirksamkeit. Wenn Eltern sich trennen, werden diese Bedürfnisse getriggert. Alle Kinder fragen sich bei einer Trennung, ob die Eltern noch da sind, wenn sie sie brauchen. Hören sie mich noch, oder sehen sie mich nicht mehr? Kinder spüren auch, ob sie so akzeptiert werden, wie sie sich gerade fühlen – traurig oder aggressiv. Und sie fragen sich, ob sie noch wertvoll sind. Vor der Trennung haben ihnen die Eltern versichert, dass sie alles für die Kinder tun. Aus diesem Gefühl heraus springen sie ins Wasser, wenn das Kind hineinfällt, oder machen sich Sorgen, wenn es nicht nach Hause kommt.

Wie können Eltern den Kindern helfen, mit dieser Situation umzugehen?
Eltern, die sich trennen, sollten den Kindern, auch den Jugendlichen unbedingt ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Man sollte bestimmte Rituale beibehalten, etwa dass jemand da ist, wenn das Kind nach Hause kommt, oder sich beim Abendessen erzählen, was man am Tag erlebt hat. Extreme Ängste entstehen, wenn das Kind aufwacht und niemand da ist. Aber das machen die wenigsten Eltern. Und sie sollten den Kindern bedingungslose Liebe geben nach dem Motto: So wie ihr seid, seid ihr gut. Statt die Kinder zu verwöhnen, sollten Eltern ihnen das Gefühl geben, dass sie selbst etwas bewirken können. Gerade Alleinerziehende sollten Kinder nicht zu Partnern oder Vertrauenspersonen machen. Und nach zwei, drei Wochen sollte das Kind, das kurzfristig wieder Nähe und Wärme braucht, auch wieder im eigenen Bett schlafen.

Oft wünschen sich Kinder, dass die Eltern zusammenbleiben.
Ein ganz wichtiger Punkt für Kinder ist dabei das Ohnmachtsgefühl, das sie erfahren. Denn sie können nichts dagegen unternehmen, dass die Eltern sich trennen. Es ist eine prägende Erfahrung, mit den eigenen Wünschen abgelehnt zu werden. Wenn sie sich trennen, verstoßen Eltern gegen die goldene Regel, dem Kind immer etwas Gutes zu tun, denn sie nehmen in Kauf, dass das Kind zunächst einmal sehr unglücklich ist. Dabei geht es keinesfalls um Schuld.

Warum entwickeln so viele Trennungskinder Schuldgefühle, suchen die Verantwortung für den Bruch bei sich?
Die Reaktion erscheint erst mal paradox, denn es sind ja die Eltern, die sich ständig streiten oder Konflikte untereinander haben und sich schließlich trennen: Bis zum Alter von zwölf Jahren aber geben sich Kinder sehr oft selbst die Schuld dafür. Die Kinder haben es als ganz fest verankert erlebt, dass die Eltern immer zusammen sind, beim Einschlafen oder im Urlaub. Dass Liebe zu Ende geht und zur Trennung führt, können insbesondere jüngere Kinder gar nicht nachvollziehen. Also versuchen sie eine Erklärung zu finden. Das ist ähnlich wie bei Erwachsenen, wenn etwa jemand mit dem Auto verunglückt, der ihnen sehr nahesteht. Viele fragen sich, ob sie es nicht hätten verhindern können. Noch viel intensiver läuft das Ganze bei Kindern ab. Auf der Suche nach den Gründen landen sie oft bei sich, da sie sehr feinfühlig sind und oft auch Sätze mitbekommen haben wie: ,Wenn die Kinder nicht wären, wäre ich schon lange weg.‘ Oder: ,Hier ist ja nur Chaos, ich ziehe aus.‘ Das ist für Kinder ein Anhaltspunkt, dass sich die Eltern vertragen würden, wenn sie nicht da wären und ihnen nicht zur Last fielen. Mit magischem Denken versuchen sie die Trennung ungeschehen zu machen – etwa indem sie versprechen, immer brav zu sein.

Was können Eltern in so einem Fall tun?
Ganz einfach, sie müssen die Verantwortung übernehmen. Sie sollten offen vor den Kindern mit der Trennung umgehen, nichts verheimlichen und so tun, als ob der Vater nur länger im Urlaub sei. Am besten ist, den Kindern direkt zu sagen: ,Wir haben beschlossen, uns zu trennen, weil wir uns so oft streiten.‘ Vielleicht auch, weil ein neuer Partner da ist. Es ist also wichtig, den Kindern zu sagen, dass sie nicht schuld sind an der Trennung, sondern dass das eine Entscheidung von Mama und Papa ist, die ihnen sehr leid tut für die Kinder, aber sie damit nichts zu tun haben, weil sie sich falsch verhalten haben.

Welche Kardinalfehler sollten Eltern, die nicht mehr zusammenleben, unbedingt vermeiden?
Es bringt nichts, den Kindern etwas vorzumachen – die sind viel schlauer, als man denkt, und spüren es sofort. Sonst läuft man Gefahr, dass die kindliche Fantasie die wildesten Spekulationen anstellt. Immer wieder begegnen mir als Therapeut Loyalitätskonflikte mit Eltern, die Gift sind für die Seele des Kindes. Das passiert, wenn die Eltern sich gegenseitig schlechtmachen oder fragen, wen das Kind lieber hat oder wo es lieber wohnt. Kinder lieben aber beide Eltern und sind sehr loyal, auch deswegen, weil sie Angst haben, dass der Vater und die Mutter sie im Fall einer Trennung verlassen könnten. Sie wissen dann oft nicht mehr, wem sie was erzählen dürfen, und fressen alles in sich rein. Kinder müssen auch ihre Probleme offen äußern können, und das geht nur, wenn sie Vertrauen in beide Eltern haben, dass diese nur das Beste für sie wollen. Kinder sehen sich auch immer als Teil beider Eltern. Wenn ein Kind hört, dass der Vater mit einer Schlampe abgehauen ist, versteht es das auch immer als Angriff auf sich selbst. Macht man den Vater schlecht, macht man auf indirekte Weise auch das Kind schlecht. Dasselbe gilt natürlich umgekehrt auch für die Mütter.

Viele Eltern belastet die Trennung psychisch sehr stark, sie plagen aber auch Alltagssorgen. Wohnen, Job, Geldsorgen und Kindererziehung sind oft nicht leicht zu vereinbaren. Was tun?
Untersuchungen zeigen, dass die ersten sechs Monate bis eineinhalb Jahre die schwierigsten für Eltern und Kinder sind, weil das Leben neu organisiert werden muss. Man braucht eine neue Wohnung, oder es gibt Veränderungen im Job. Oft geht für einige Monate Zeit ein Stück Erziehungskompetenz verloren, weil die Eltern so sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Trennungen verlaufen meist asymmetrisch, meist gibt es Täter und Opfer. Am besten ist, den Kindern in so einem Fall zu sagen, dass man traurig ist, aber immer für sie da ist, wenn sie einen brauchen oder, wenn das nicht geht, jemand anderes, den sie mögen. Das klappt am besten, wenn beide Eltern das Angebot machen. Junge Eltern kümmern sich in der Regel vor der Trennung beide um das Kind, dann klappt es auch nach der Trennung am besten, dass beide ihm vermitteln, geliebt zu werden und aufgehoben zu sein. Co-Parenting ist ein wichtiger Schutzfaktor für das Kind.

Interview: Franziska Schubert

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