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Da lebte er noch: Lonesome George 2007 im Nationalpark Galapagos.

Lonesome George

„Menschen, ey“

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George, die ausgestorbene Riesenschildkröte, über sein Entdecktwerden im Jahr 1971, Nussnougatcreme, Biosprit und ein Problem namens Homo sapiens.

Lonesome George starb 2012 im Alter von etwa 100 Jahren in der Forschungsstation der Charles Darwin Foundation auf den Galapagos-Inseln westlich von Ecuador. George war das letzte bekannte Individuum seiner Unterart der Galapagos-Riesenschildkröte. Seit 1971 hatten die Wissenschaftler vergeblich versucht, Nachkommen von ihm zu züchten.

Die Riesenschildkröte Lonesome George wurde zum tragischen Helden, zur Symbolfigur für die Galapagos-Inseln und für den Artenschutz. Nach seiner Einbalsamierung in New York, wo er anschließend einige Zeit im Naturhistorischen Museum blieb, kam er 2016 zurück in den Galapagos-Nationalpark.

Vom Aussterben bedroht sind aktuell mehr als 28 000 Tier und Pflanzenarten laut Roter Liste der Weltnaturschutzunion. Fachleute sehen lang- fristig eine Million Arten bedroht. Die Hauptursachen sind der Lebensraumverlust und die Verdrängung durch den Menschen.

Ganz schöner Mist, George,
Das können Sie laut sagen.

Und jetzt?
Gibt’s uns nicht mehr. Tante Mathilda nicht, Grandpa Charly nicht. Und mich auch nicht. Wir sind ausgestorben. Zack.

Das ist sehr traurig. Sie waren so eine sympathische Galapagos-Riesenschildkröte.
Hätten Sie das mal den Leuten rechtzeitig gesagt.

Sie meinen, vor 2012, als es schließlich auch Sie erwischte?
Nein, ich meine: rechtzeitig. Vor Jahrzehnten. Eigentlich galten wir ja schon als ausgestorben, 40 Jahre bevor ich starb.

Ein Ziegenhirt fand Sie 1971 auf der Insel Pinta. Da dachten in der Tat alle längst, es gebe nicht mal mehr Sie.
Und dann musste ich 40 Jahre lang als „Lonesome George“ herhalten. Mit allen möglichen runzligen Damen wollten die Forscher mich kreuzen, um auszubügeln, was Generationen zuvor versaubeutelt hatten. Aber so sind Sie halt.

Wir Menschen? Wie sind wir?
Sie machen alles kaputt, und wenn es zu spät ist, fangen Sie an zu heulen. „Oh Gott! Oh Gott! Lonesome George ist tot! Jetzt gibt es überhaupt keine Galapagos-Riesenschildkröten der Pinta- Unterart Chelonoidis nigra abingdonii mehr! Was sollen wir jetzt bloß machen!“

Schon aber …
Und dann: „Oh Gott! Oh Gott! Das Spitzmaulnashorn! Nein! Die Tiger und Leoparden in Asien! Ojeojeojeoje! Der Orang-Utan auf Sumatra! Aber gib mal schnell die Nussnougatcreme mit dem Palmöl rüber, für das wir den Orang-Utans die Bäume unterm Hintern weggehackt haben. Los, wir brauchen mehr Palmöl für unseren sogenannten Bio-Sprit!“ Menschen, ey!

Wir haben es ja eingesehen. Wir sind nicht mehr so wie vor 50 Jahren.
Ja? Das sehe ich aber anders. Wer fliegt denn mit dem Flugzeug von Berlin nach Hamburg? Skippy, das Buschkänguru? Nein, das machen immer noch Sie. Und wer heizt hier mit Kohle? Flipper? Und wer holzt gerade alle Bäume ab, auf denen nicht bei drei ein Umweltschützer ist? Na?

Sie haben recht. Aber wir wollen uns ja ändern.
Das haben Sie damals auch schon gesagt, 1971, als mich der Ziegenhirt entdeckte und zu den Forschern brachte. Und dann?

Ölkrise.
Sie sagen es.

Sowas fanden wir Menschen damals sehr schlimm. Dass wir nicht Auto fahren durften, wie wir wollten. Tut uns heute leid. Also manchen von uns. Ein paar.
Wissen Sie, meine Leute und ich, wir haben ja ein ziemlich dickes – wie sagen Sie? – Fell. Wir sagen Panzer. Wir können echt was aushalten. Wir Riesenschildkröten werden schon mal 200 Jahre alt, wenn man uns lässt. Aber in der ganzen Zeit hat keine von uns je erlebt, dass die Menschen etwas auf der Erde besser gemacht hätten.

Was schlagen Sie vor, George?
Das Problem ist: Sie, die Menschen, werden immer mehr, und wir werden immer weniger. Sie verbrauchen Platz und Luft und Wasser und alles andere. Lassen Sie das bitte. Vermehren Sie sich nicht dermaßen, geben Sie uns die Flächen zurück und lassen Sie uns in Ruhe.

Ich richte es aus.
Ach so, und lesen Sie mal ein Buch. Das Gedaddel mit diesem Internet hilft uns nicht weiter.

Interview: Thomas Stillbauer

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