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„Die Kaffeekuchenpyramide“: Fontane war eben auch ein origineller Sprachkünstler.

Theodor Fontane

„Literatur ist etwas Lustvolles“

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Der Leiter des Potsdamer Fontane-Archivs hält den Schriftsteller für einen begnadeten Fortsetzungsschreiber, der auch junge Menschen begeistern kann, und plädiert für einen entspannteren Umgang mit seinem Werk.

Herr Trilcke, passen Theodor Fontane und die Generation Netflix zusammen? Können seine angestaubten Klassiker mit den spannungsreichen Serienhits unserer Zeit mithalten?
Auch Fontanes Romane waren bereits Serien, sie sind als Fortsetzungen in Zeitschriften erschienen. Und lange, epische Handlungsbögen, das zeigen aktuelle Serien wie „Game of Thrones“, begeistern auch heute noch. Die Aufmerksamkeit für große Erzählformen ist keineswegs verloren gegangen. Wobei Fontane dann doch anders erzählt: langsamer, literarischer, auch leiser. Darauf muss man sich schon einlassen. Gleichzeitig sind die psychologischen und sozialen Konflikte seiner Figuren im Kern modern: Effi Briest zum Beispiel ist eine 17-Jährige, die zwangsverheiratet wird, und Grete Minde eine Außenseiterin mit Migrationshintergrund.

Seitenlange Beschreibungen eines Zimmers schrecken junge Leser aber eher ab. Dann blättert man schnell weiter.
Jede und jeder darf beim Lesen blättern, wenn es langweilig wird. Wir haben manchmal ein recht angestrengtes Verhältnis zur Literatur, so als wäre das Lesen ein Zwang. Dabei hat Lesen doch etwas sehr Spielerisches. Wer das Ende eines Romans zuerst lesen will, soll das tun. Und wer ein Gedicht um- oder weiterdichten möchte, lege los. Literatur ist etwas Lustvolles, Kreatives, ein Angebot, mit der Sprache und der Imagination zu spielen, in andere Welten einzutauchen.

Was ist mit kurzen Formen, Fontane-to-go sozusagen?
Da sind die Balladen zu empfehlen. Wobei Ballade schon wieder so ein angestaubtes Wort ist. Fontanes Balladen liefern aber mitunter abgründige Action. „Die Brück‘ am Tay“ oder „John Maynard“ erzählen, mit Tempo, von Katastrophen der technologischen Moderne. Und ein Gedicht wie „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ berührt nicht nur, es hat auch Ohrwurmpotenzial. Mir hat letztens ein Kleinkind, kaum zwei Jahre alt, voller Sprachlust etwas vom „Herrn Ribbelbeck im Ribbelbeck“ und seinen Birnen vorgebrabbelt.

Wie kann eine spannende Vermittlung von Fontane im Unterricht heute aussehen? Mussten sie selbst noch als Schüler im Deutschunterricht Gedichte auswendig lernen?
Ja, musste ich, etwa den „Erlkönig“. Und ich war nicht sehr gut darin. Heute würde ich sagen: Es ist schon ein interessanter Zugang zur Sprache, wenn man sie sich rhythmisch einverleibt. Aber das kann eben auch als Zwang empfunden werden. Gerade bei Gedichten ist es entscheidend, den Schülerinnen die Möglichkeit zu geben, selbst in die Sprache zu finden, also das Gedicht zu etwas Eigenem zu machen. Wenn das dann eine Rap-Variation vom „Herrn Ribbeck“ ist oder eine Performance des „John Maynard“, dann ist das nichts Verwerfliches, sondern eben lebendige Literatur.

Fontane ist ein Meister der Spannung. Wie macht er das?
Das Besondere, was man von Fontane lernen kann, ist Menschen genau zu beobachten, wie sie sich in gesellschaftlichen Situationen verhalten. Fontane kann sehr spannende Einblicke geben, wenn man auf Details und Nebensätze achtet, wie Menschen so ticken, wie sie einander hintergehen, vorführen und verführen.

Was begeistert Sie persönlich an Fontane?
Fontane ist ein beeindruckender und einnehmender Stilist. Einen ersten Entwurf seiner Romane hat er ja meist sehr schnell heruntergeschrieben. Und dann begann das Feilen: an jedem Satz, manchmal jahrelang. Diese Arbeit an der sprachlichen Nuance ist faszinierend. Sprache ist einfach das wichtigste Werkzeug, mit dem wir uns die Welt erschließen und uns unseren Mitmenschen mitteilen. Welcher Reichtum und welche Macht in der Sprache und ihrer Verwendung steckt, im Guten wie im Bösen, lässt sich bei Fontane entdecken.

Hatte der Autor auch Macken, die Sie nerven?
Manchmal bleibt er auch unter seinem Niveau. Er hatte auch seine Routinen, seine Stereotypen und Klischees. Ab und an drückt er zum Beispiel auf die Kitschtube, etwa in „L’Adultera“. Die Ehebruch-Szene spielt dort natürlich im Gewächshaus, unter Palmen, es ist schwül – und dann flüstert der Verführer Worte „so heiß und so süß wie die Luft, die sie atmeten“. Da sind wir dann schon fast bei Rosamunde Pilcher, aber auch dafür können sich andere Leserinnen und Leser ja begeistern.

Peer Trilcke.

Theodor Fontane verließ seinen Schreibtisch für seine Romane und recherchierte oft vor Ort.
Grete Minde zum Beispiel spielt in Tangermünde, Fontane fährt dann dorthin, schaut sich das genau ab, skizziert es sich sogar ab, um seine Figuren später durch den Ort lotsen zu können. Auch in Zeitschriften und Büchern recherchiert er – bis hin zum Gossip, Klatsch und tragischen Geschichten, die er literarisch verwandelt.

Wie gut hat Fontane mit dem Schreiben verdient?
Lange Zeit recht schlecht, er hatte eigentlich stets Sorge, seine Familie nicht ernähren zu können. Insofern war er durchaus ein prekär beschäftigter Medienarbeiter, was ihn auch als Schriftstellerfigur interessant und modern macht. Erst im hohen Alter konnte er von seinen literarischen und journalistischen Arbeiten gut leben. Aber auch das ging nur, weil er mit hoher Schlagzahl und immer wieder bis zur Erschöpfung Texte produzierte und diese mit viel Aufwand bei Redaktionen und Verlegern anpries. Seine Familie, vor allem seine Ehefrau Emilie und seine Tochter Martha, haben ihn dabei unterstützt, was häufig vergessen wird. Das war schon ein kleines Familienunternehmen.

Sie sind Experte für digitale Literaturwissenschaft und haben unter anderem einen Fontane-Hackathon organisiert. Verändert das die Forschung radikal?
Es ist eher eine Erweiterung der Forschungsmethoden, kein radikaler Wandel. Reizvoll daran ist, dass man damit große Textmengen sehr schnell auf Muster untersuchen kann. Und dass man dem Text noch einmal vorurteilslos begegnen kann, denn der Computer zählt und rechnet ja lediglich. Auf diese Weise stößt man dann auf Phänomene und stilistische Auffälligkeiten, die das Potenzial haben, tradierte Deutungen zu irritieren und auf die man als Literaturhistoriker eine Antwort finden muss. Fontane arbeitet beispielsweise in Hülle und Fülle mit ausgefallenen Wortzusammensetzungen wie der Weltverbesserungsleidenschaft, der Menschheitsbeglückungsidee oder der Kaffeekuchenpyramide. Darin zeigt sich ein hohes Maß an sprachlicher Kreativität und poetischer Verdichtungsarbeit. Fontane war eben nicht nur der Wanderer und der gesellschaftskritische Autor, sondern ein origineller Sprachkünstler.

Interview: Franziska Schubert

Zur Person

Peer Trilcke, 37 Jahre, leitet seit Anfang 2017 das Theodor-Fontane-Archiv der Universität Potsdam, wo er eine Juniorprofessur für deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts innehat. Einer seiner Schwerpunkte ist die digitale Literaturwissenschaft. Von 2001 bis 2006 studierte Trilcke Literatur, Medienwissenschaften, Skandinavistik und Philosophie in Kiel.

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