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Grundschulen trifft der Personalmangel besonders heftig.

Lehrermangel

„Der Lehrermangel verschärft die Abwärtsspirale“

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Der Gewerkschafter Udo Beckmann kritisiert, dass aktuell an deutlich mehr Schulen qualifizierte Pädagogen fehlen. 

Herr Beckmann, wenn Sie morgen einen Job als Schulleiter angeboten bekämen, würden Sie annehmen?
Ja, ich würde zugreifen, weil ich lange Jahre Schulleiter war und der Beruf sehr schön ist. Aber man muss sich im Klaren sein, dass Schulleiter vieles nicht umsetzen können, da die Politik die Schulen mit zu wenig Lehrkräften, Schulsozialarbeitern, Psychologen und Gesundheitsfachkräften ausstattet. Aber auch im Sekretariat benötigt man entsprechende Unterstützung. Andernfalls sind Rektoren insbesondere an Grundschulen gleichzeitig ihre eigene Sekretärin und ihr eigener Hausmeister.

In einer repräsentativen Umfrage bewerten Leiter allgemeinbildender Schulen die Bildungspolitik mit der Note 4 plus. Warum ist die Unzufriedenheit so groß?
Die Schulleiter fühlen sich von der Politik bei den aktuellen Herausforderungen wie der Inklusion, der Integration und der Vermittlung von Medienkompetenz alleingelassen, denn für diese Aufgaben fehlt es an Personal, Sachausstattung, Fortbildungen. Und die Schulbauten sind auch nicht in Ordnung.

Der Lehrermangel ist überall zu spüren. Die Hälfte der Schulleiter kämpft mit offenen Stellen, elf Prozent der betroffenen Schulen finden keine Lehrer.
Damit hat sich die Situation im Vergleich zu unserer Umfrage vom Vorjahr nochmals deutlich verschlechtert. Damals hatte nur jede dritte Schulleitung Probleme Lehrer einzustellen, aktuell ist es jede zweite. An Grundschulen wird die Lücke in den kommenden Jahren besonders groß sein. Seit langem ist es schon schwer, für naturwissenschaftliche Fächer Lehrer zu finden. Hinzu kommt, dass im vergangenen Schuljahr jede achte neu eingestellte Lehrkraft ein Seiteneinsteiger war, wie eine Erhebung der Kultusministerkonferenz ergab.

Steigt durch den Lehrermangel die Arbeitsbelastung?
Diejenigen, die bereits im System arbeiten, werden dadurch zusätzlich belastet, denn es müssen mehr Vertretungsstunden gegeben werden. Die Schülerschaft wird heterogener und die Kollegen müssen auch dabei helfen, Seiteneinsteiger zu qualifizieren.

Erstmals hat Ihr Verband nach der Gesundheit der Lehrer gefragt. Gibt es Anlass zur Sorge?
Die wachsende Mehrbelastung macht sich bemerkbar. Schulleiter sehen das mit großer Sorge, denn der Krankenstand wächst, immer mehr ihrer Kollegen brennen aus. Und sie haben kaum Ressourcen für die Gesunderhaltung. Jede dritte Schulleitung gibt zudem an, dass immer mehr Lehrer aufgrund psychischer Erkrankungen länger ausfallen. Der Lehrermangel verschärft die Abwärtsspirale in den Schulen.

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Wie ist die Lage bei den Seiteneinsteigern?

Die Situation verschärft sich noch dadurch, dass die Seiteneinsteiger nicht ausreichend qualifiziert sind, aber überproportional an Schulen mit einer herausfordernden Schülerschaft eingestellt werden, obwohl man dort doch gerade Lehrkräfte mit besonderem pädagogischen Geschick braucht.

Wie kommt es denn zu dieser ungünstigen Entwicklung?
Referendare können sich nach dem Lehramtsstudium zunehmend aussuchen, an welcher Schule sie arbeiten und dann gehen sie dorthin, wo sie gute Arbeitsbedingungen vorfinden.

Udo Beckmann 

45 Prozent der befragten Schulleitungen beschäftigen Seiteneinsteiger, allerdings betont die Mehrheit, dass diese nicht angemessen qualifiziert seien. Wie gut sind Seiteneinsteiger auf den Job vorbereitet?
In der Regel besitzen sie Fachwissen, aber das pädagogische Wissen, wie sie den Unterricht didaktisch gestalten oder wie sie mit bestimmten Verhaltensweisen von Schülern umgehen sollen, fehlt. Das muss dann in den Schulen dringend nachgeholt werden. Sachsen macht nun immerhin eine dreimonatige Vorqualifizierung. Die meisten Länder qualifizieren die Seiteneinsteiger jedoch berufsbegleitend. Das bedeutet, die Seiteneinsteiger treten nach einer zwei- bis dreitägigen Einführung durch den Schulleiter und eine Lehrkraft dann bereits vor eine Lerngruppe. Dieses Modell funktioniert nicht, das tut weder den Jobeinsteigern gut noch den Kindern in den Klassen.

Was ist zu tun?
Brennpunktschulen müssen mit multiprofessionellen Teams ausgestattet werden. Vor allem aber muss die Politik Seiteneinsteiger besser als bisher qualifizieren und zwar mindestens sechs Monate lang, bevor sie vor der Klasse stehen. Die Länder müssen künftig genügend Lehrer ausbilden. Daher sollten sie zügig die Studienkapazitäten ausweiten und sich verpflichten, so viele Lehrkräfte auszubilden, wie sie für den eigenen Bedarf brauchen. Bei den Prognosen müssen zusätzliche Bedarfe einberechnet werden, die etwa im Fall eines Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung für alle Grundschüler entstehen.

Muss der Lehrerberuf wieder attraktiver werden?
Ja, vor allem für Lehrerinnen an Grundschulen. Sie haben die höchste Unterrichtsverpflichtung, werden aber am schlechtesten bezahlt. Die pädagogische Arbeit sollte aber gleich wertgeschätzt werden, daher sollten alle Lehrer die Besoldung A13 erhalten. Ebenso wichtig sind Unterstützung durch andere Professionen sowie Fortbildungen. Viele Schulleiter sind Einzelkämpfer und wünschen sich eine erweiterte Schulleitung, um im Team arbeiten zu können.

Interview: Franziska Schubert

Zur Person

Udo Beckmann, 66 Jahre, ist seit zehn Jahren der Bundesvorsitzende vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). Er studierte an der Pädagogischen Hochschule Dortmund Lehramt in den Fächern Physik, Mathematik und Biologie. Beckmann unterrichtete viele Jahre an Hauptschulen und war dort später auch Schulleiter.

Mehr als 2500 Schulleiter nehmen an diesem Wochenende am Schulleiterkongress in Düsseldorf teil. Weitere Infos zur Studie „Berufszufriedenheit von Schulleitungen“.

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