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Schulbeginn Baden-Württemberg

Lehrermangel

Lehrermangel: Kinder werden um Bildung betrogen

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Der eklatante Lehrermangel macht Grundschulen ungerechter. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien bleiben auf der Strecke.

Klaus Klemm, 77 Jahre, ist Bildungsforscher mit einer langen Karriere in der Wissenschaft und in verschiedenen Expertengremien. Seine Schwerpunkte sind die empirische Bildungsforschung, Bildungsplanung und Bildungsfinanzierung sowie Inklusion. Die jüngsten Berechnungen zum Lehrermangel an Grundschulen hat er mit Dirk Zorn im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellt.

Herr Klemm, droht aufgrund des massiven Lehrermangels ein Bildungsnotstand in unseren Grundschulen?
Von Bildungsnotstand würde ich nicht sprechen, da der Begriff inflationär benutzt wird. Aber die Lage ist sehr ernst und aktuell haben wir leider keine Instrumente, um kurzfristig etwas gegen den Lehrermangel zu tun. Selbst wenn die Länder sofort reagieren und noch zum Wintersemester die Zahl der Studienplätze für das Grundschullehramt deutlich erhöhen würden, dauert es in der Regel sieben Jahre, bevor die Absolventen dann in den Klassen unterrichten. Bis 2025 kann die Lücke von rund 26 300 fehlenden Grundschullehrern somit nicht geschlossen werden.

Wie wird sich der Personalmangel in den Klassenzimmern denn konkret bemerkbar machen?
Die Unterrichtsqualität wird zwangsläufig sinken, wenn weniger Stunden erteilt werden oder ausfallen, größere Klassen gebildet werden und mehr Seiteneinsteiger als Lehrkräfte arbeiten. Das wird vor allem die Lernchancen derjenigen Kinder beeinträchtigen, die zu Hause von ihren Eltern nicht entsprechend gefördert werden.

Verschärft der Lehrermangel die ungleichen Bildungschancen?
Ja, der Lehrermangel wird die soziale Schieflage an den Grundschulen weiter verstärken. Das Problem betrifft vor allem Schüler aus sozial schwachen Familien, für die die Schule der primäre Lernort ist. Andere Familien können es besser kompensieren, wenn die Unterrichtsqualität sinkt. Diese Dynamik gewinnt noch zusätzlich an Brisanz durch den Fakt, dass sich hochqualifizierte Lehrkräfte lieber an Schulen in einem gut situiertem Umfeld bewerben statt an Brennpunktschulen, obwohl sie dort dringend benötigt werden, um die schwachen Schüler zu fördern. Umgekehrt unterrichten an Problemschulen schon jetzt überproportional viele Seiteneinsteiger, die keine grundständige pädagogische Ausbildung haben.

Bildungsforscher Klaus Klemm


Dass der Lehrermangel in den nächsten Jahren so groß ist, liegt vor allem an stark steigenden Schülerzahlen.
Wir rechnen im Jahr 2025 mit 168 000 Schülern mehr als von der Kultusministerkonferenz prognostiziert. Wir brauchen daher deutlich mehr Klassenräume, denn diese große Zahl an Kindern kann ja nicht einfach auf den Fluren unterrichtet werden. Im Schulbau werden aber aktuell von den Kommunen oft die Mittel gar nicht abgerufen, weil Baufachleute oder in Ballungsräumen schlicht Grundstücke fehlen.

Um schwache Schüler zu integrieren, ist neben der frühkindlichen Bildung auch Sprachförderung unabdingbar. Wie soll das überhaupt zu schaffen sein, wenn so viele Lehrer fehlen?
‚In meiner langen Zeit als Bildungsforscher erlebe ich es zum ersten Mal, dass der politische Wille und sogar das Geld da ist, es aktuell aber schlichtweg an dem nötigen Personal mangelt, um den Herausforderungen im Bildungsbereich zu begegnen. Zu lange haben die Länder die motivierten jungen Frauen, die gern an Grundschulen unterrichten wollen, nicht an den Hochschulen studieren lassen, indem sie die Zahl der Studienplätze drosselten, obwohl die Nachfrage viel größer war. In Münster beispielsweise brauchte man eine Abinote von 1,9, um über den Numerus clausus für das Grundschullehramtsstudium zugelassen zu werden. Durch Schnellschüsse kann diese Fehlplanung aber leider nun nicht mehr repariert werden.

Das betrifft doch ebenso den geplanten flächendeckenden Ausbau der Ganztagsschule?
Wenn an den Schulen schon für den Halbtagsbetrieb die Lehrkräfte fehlen, wird der politisch gewollte Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz für lange Zeit für Betroffene nicht einlösbar sein, sondern nur als reine Absichtserklärung auf dem Papier stehen. Denn auch das Personal für den außerschulischen Ganztagsbereich fehlt. Neben 26 300 Grundschullehrern fehlen bundesweit zudem rund 35 000 Erzieherinnen und Erzieher. Es ist ein Dilemma, denn wieder betrifft das besonders die sozial schwachen Familien, die ungemein von Kitaplätzen und Ganztagsschulen profitieren, da die Kinder dort eine Förderung erhalten, die sie zu Hause nicht bekommen.

Welche Konsequenzen hat der Lehrermangel für Pädagoginnen und Pädagogen, die aktuell an den Schulen arbeiten?
Der Lehrermangel erhöht die Belastung für die verbleibenden Fachkräfte an den Grundschulen. Oft müssen sie zusätzlich die Seiteneinsteiger begleiten und betreuen, die in der Regel nicht sofort voll unterrichten. Im bundesweiten Schnitt werden derzeit 21 Kinder in einer Grundschulklasse unterrichtet. Ich gehe davon aus, dass diese Zahlen steigen werden, was auch die Lehrkräfte zu spüren bekommen.


Grundschullehrerinnen und -lehrer verdienen in den meisten Bundesländern weiterhin deutlich schlechter als ihre Kollegen in weiterführenden Schulen. Gewerkschaften und Verbände fordern seit Langem eine vergleichbare Bezahlung. Versprechen Sie sich davon, dass wieder mehr Pädagogen an Grundschulen arbeiten?
Die Besoldung an Grundschulen muss auf das Niveau von den weiterführenden Schulen angehoben werden. Aufgrund der vielen Abbrecher ist es zudem unabdingbar, auch die Studienplatzkapazitäten zu erhöhen.

Warum schafft es die Kultusministerkonferenz nicht, korrekte Prognosen für die Entwicklung der Schülerzahlen zu erstellen, damit Lehrkräfte entsprechend dem tatsächlichen Bedarf ausgebildet werden können?
Es konnte niemand vorhersehen, dass seit einigen Jahren etwa 100 000 Kinder im Jahr mehr geboren werden als angenommen. Hinzu kommt die starke Zuwanderung nach Deutschland. 2015 kamen mehr als eine Million Menschen nach Deutschland, darunter waren etliche Kinder. Die Kultusministerkonferenz hat allerdings jahrelang ihre Zahlen nicht aktualisiert und ging noch von einem Überschuss an Lehrkräften aus, als bereits ein Mangel herrschte. Mit dem Ausbau der Studienplätze hätte man deutlich früher beginnen müssen.

Interview: Franziska Schubert

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