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Der Jupitermond Europa beherbergt einen Ozean unter einem Eispanzer, hier eine künstlerische Darstellung.

Weltraum

„Das Leben auf der Erde kann nicht einzigartig sein“

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Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch über Mikroorganismen auf dem Mars, exotische Ökosysteme und die Chancen auf Begegnungen mit Außerirdischen.

Dieses Jahr sollen gleich mehrere Missionen verschiedener internationaler Weltraumorganisationen zum Mars starten mit dem Ziel, nach Spuren vergangenen oder noch existierenden Lebens zu suchen. Der Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch sagt, er wäre erstaunt, würden dabei nicht interessante Entdeckungen gemacht. Der Wissenschaftler am Zentrum für Astronomie und Astrophysik der Technischen Universität Berlin beschäftigt sich mit möglichen Lebensformen auf unserem Nachbarplaneten – und nicht nur dort.

Herr Schulze-Makuch, Sie haben Bücher geschrieben mit Titeln wie „Das lebendige Universum“ oder „Wir sind nicht alleine“. Das legt nahe, dass Sie von der Existenz außerirdischen Lebens ausgehen.

Das stimmt. Es wäre seltsam, wenn es nicht so wäre. Sollten wir wirklich die einzigen Lebensformen im ganzen Universum sein, so müsste das die gesamte Wissenschaft ins Grübeln bringen, denn es passt nicht mit dem Kopernikanischen Weltbild zusammen.

Können Sie das genauer erklären?

Der Mars ist extrem trocken, doch Mikroorganismen wären trotzdem vorstellbar. 

Auf der Erde haben sich einst organische Stoffe angereichert und zu Leben verbunden, das sich dann immer weiter entwickelt hat. Wir Wissenschaftler gehen davon aus, dass solche Bedingungen auch andernorts gegeben sein müssen und das Leben auf der Erde deshalb nicht einzigartig sein kann.

Welche Bedingungen braucht Leben?

Ganz genau wissen wir das nicht. Aber wir haben gewisse Ideen, was dafür nötig ist: Wir brauchen eine planetarische Oberfläche mit einer Atmosphäre darüber oder etwas anderem, das schützt. Das könnte auch ein Eispanzer über einem Ozean sein wie beim Jupitermond Europa. Gasriesen hingegen sind nicht für die Entstehung von Leben geeignet. Wir brauchen außerdem organische Stoffe, die komplexe Moleküle bilden können, lebensfreundliche Elemente wie Kohlenstoff, Phosphor oder Stickstoff. Wir brauchen zudem einen gewissen Temperaturbereich, in dem sich komplexe Moleküle bilden können. Und wir brauchen ein Lösungsmittel; bei uns auf der Erde ist das Wasser. Es muss aber nicht unbedingt Wasser sein, Methanol oder Ammonium könnten Alternativen sein. Wir wissen nicht, wie viele andere biochemische Lösungen für das Leben möglich sind.

Außerirdische: Wie sehen fremde Lebensformen aus?

Wäre es auch denkbar, dass es Lebensformen gibt, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, die auf völlig anderen Grundlagen basieren?

Wenn wir uns allein die Entwicklungsgeschichte auf der Erde anschauen, sehen wir, dass es verschiedene Lösungen gibt. Es ist vorstellbar, dass fremde Lebensformen einen anderen genetische Code haben, der nicht auf DNA beruht. Kohlenstoff wiederum ist sehr häufig im Universum, fast die ganze Organik basiert darauf, Leben ganz ohne dieses Element können wir uns deshalb schlecht vorstellen. Vielleicht wäre Silizium unter bestimmten Bedingungen eine Möglichkeit, zum Beispiel auf einem Planeten ähnlich dem Saturnmond Titan, wo es Methanseen gibt.

Könnte es sein, dass es im Universum chemische Elemente gibt, die wir noch nicht kennen?

Davon gehen wir nicht aus. Im Universum gibt es überall die gleichen Elemente.

Haben sie schon geeignete Kandidaten für Leben ausgemacht – auch wenn es vielleicht nicht so komplex ist wie auf der Erde?

Der Newton-Krater auf dem Mars.

Mikrobielles Leben kann auch unter extremen Bedingungen existieren und sich anpassen. Der erste Kandidat ist der Mars. Ich wäre erstaunt, wenn es auf dem Mars kein Leben gäbe. Interessant ist die Frage, ob es dort seinen eigenen Ursprung hat oder ob es für das Leben auf Erde und Mars einen gemeinsamen Ursprung gibt. Vielleicht ist das Leben aber auch von der Erde auf den Mars gekommen – oder umgekehrt. Beides ist möglich.

Erforschung des Mars: Gibt es Leben auf dem roten Planeten?

Die US-amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa und die europäische Weltraumorganisation Esa wollen dieses Jahr Rover zum Mars schicken. Wonach sollten sie vor allem Ausschau halten?

Auf dem Mars ist es sehr trocken. Momentan fließt dort kein flüssiges Wasser. Vor drei bis vier Milliarden Jahren war das noch anders. Mit meiner Arbeitsgruppe von der Technischen Universität Berlin forschen wir in der Atacama-Wüste in Chile, in Bereichen, wo es fast nie regnet. Trotzdem leben dort Mikrobengemeinschaften in der Salzkruste. Durch das Salz, das Wasser aus der Atmosphäre anzieht, haben die dort lebenden Bakterien flüssiges Wasser zur Verfügung. Außerdem haben wir in Laborversuchen gezeigt dass manche Mikroben unter diesen Umweltbedingungen Stoffwechsel betreiben und Methan produzieren können. Das wäre eine Möglichkeit, wie es ähnlich auch auf dem Mars funktionieren könnte.

Gibt es in unserem Sonnensystem noch andere Beispiele?

Dirk Schulze-Makuch ist Astrobiologe an der Technischen Universität Berlin.

Bei den Methanseen auf dem Saturnmond Titan erkenne ich Parallelen zum Asphaltsee auf der Karibikinsel Trinidad. In kleinen Tröpfchen im Asphalt fanden wir dort Mikroben und ganze Ökosysteme. Würde Titan Leben beherbergen, so wäre es exotisch und müsste biochemisch anders funktionieren als auf der Erde.

Ist eine Mission zum Titan geplant?

Die Nasa will 2026 mit ihrer Mission Dragonfly eine Drohne dorthin schicken.

Sie erwähnten vorhin auch den Jupitermond Europa. Welche Form von Leben könnte es dort existieren?

Unter einer Eisschicht verbirgt sich dort ein Ozean, der vermutlich zehnmal tiefer als die Meere auf der Erde ist, mit einer Wassersäule von hundert Kilometern. Auch auf der Erde gibt es in der Tiefe der Ozeane Ökosysteme in den hydrothermalen Quellen der Black Smoker. Es wäre interessant zu wissen, ob Ähnliches auch auf Europa existiert. Wenn es so ist, könnte es dort auch komplexes, makroskopisches Leben geben.

Als wie groß sehen die Chance an, dass es im Universum intelligentes Leben gibt?

Dirk Schulze-Makuch (56) ist Professor für Astrobiologie am Zentrum für Astronomie und Astrophysik der Technischen Universität Berlin. Mit seiner Arbeitsgruppe forscht er vor allem zu potenziellen Habitaten auf dem Mars. Dafür schaut er sich auf der Erde an, wie Leben ins marsähnlichen Gegenden funktionieren kann, der Fachbegriff dafür lautet „Mars-Analog-Forschung“.

Das hängt davon ab, was man unter intelligentem Leben versteht. Man kann auch Delfine, Menschenaffen, Krähen oder sogar Tintenfische als intelligent bezeichnen. Da es so viele Planeten im Universum gibt, sehe ich es als recht wahrscheinlich an, dass einige auch intelligentes Leben beheimaten. Aber es wird sicher viel seltener vorkommen als mikrobielles Leben. Auf der Erde hat es sehr lange gedauert, bis komplexes und dann intelligentes Leben entstanden ist. Dieser Prozess vollzog sich in mehreren evolutionären Sprüngen. Deshalb denken wir, dass ein Teil der Lebensformen als Anpassung an die Umwelt mit der Zeit komplexer wird, wenn ein Planet lange genug habitabel bleibt. Eine andere Frage allerdings ist die nach der technischen Intelligenz, über die wir Menschen verfügen. Auf unserem Planeten ist das nur einmal passiert, und wir können uns fragen, warum haben wir es geschafft und nicht zum Beispiel die Delfine oder Tintenfische, deren Familien es schon viel älter sind als die der Menschen.

Möglicherweise hat es etwas mit der Anatomie zu tun. Für Menschen sind die Hände sehr wichtig geworden zum Werkzeugmachen.

Das Herstellen von Werkzeugen ist wichtig. Aber Tintenfische haben auch Gefühl in ihren Tentakeln und haben keine technische Intelligenz entwickelt.

Vielleicht gab es im Fall der Tintenfische keine Notwendigkeit für Werkzeuge. Die Menschen hatten auf dem Land viele Feinde und waren etlichen Tieren körperlich unterlegen.

Das erklärt für mich nicht die Frage, warum andere Lebensformen keine technische Intelligenz entwickelt haben. Ich bin überzeugt, dass im Menschen irgendetwas Besonderes gewesen sein muss – und wir wissen bis heute nicht genau, um was es sich dabei handelt. Klar ist auf jeden Fall, dass während der ganzen Naturgeschichte der Erde der Mensch der einzige Organismus ist, der es bis zur technischenr Intelligenz geschafft hat. Allein daran kann man sehen, dass diese Fähigkeit sich vermutlich nicht oft entwickelt. Wir glauben nicht, dass wir damit einzigartig im Universum sind. Aber wahrscheinlich ist technische Intelligenz doch sehr selten.

Astrobiologe schreibt Science-Fiction-Roman

Angesichts der riesigen Entfernungen im All werden wir es vermutlich auf lange Sicht nicht feststellen können.

Selbst wenn wir relativ optimistisch sind, könnte die nächste technische Intelligenz 1000 Lichtjahre entfernt sein.

Sie haben auch einen Science-Fiction-Roman geschrieben, „Alien Encounter“. Wie ist das vereinbar mit ihrer Arbeit als Wissenschaftler, wie nehmen Ihre Kollegen das auf?

Gebe es Leben auf dem Saturnmond Titan, so wären es exotische Ökosysteme.

Astrobiologen sind aufgeschlossen in solchen Dingen. Eigentlich besteht mein Roman in erster Linie aus dem, was beim Schreiben eines akademischen Buches über extraterrestrisches Leben übrig blieb. Es waren die Sachen, die ich in die wissenschaftliche Publikation nicht aufnehmen konnte, weil sie zu spekulativ waren. Ich dachte mir aber, dass es schade wäre, wenn alles verloren ginge. Also haben ich es in einem Science Fiction-Roman eingebaut. Das hat viel Spaß gemacht.

Gehen Sie davon aus, dass wir Menschen jemals in Kontakt treten werden mit fremder Intelligenz, so wie wir es von Science Fiction-Romanen und -Filmen kennen?

Wenn wir als Menschen lange genug überleben, ja. Die Frage ist allerdings, auf welchem Weg das möglich sein könnte, ob wir zu solchen fernen Zivilisationen gelangen könnten oder ob sie zu uns kommen könnten. Sollte Lichtgeschwindigkeit tatsächlich die Obergrenze sein, dürfte es schwierig werden.

Ein Wissenschaftler der Nasa hat berechnet, dass eine Reise quer durch unsere Milchstraße fast hundert Jahre dauern würde – selbst wenn es gelänge, den Warp-Antrieb aus der Science Fiction-Serie Star Trek zu entwickeln, der Raumschiffe schneller als das Licht fliegen lässt. Der Mann sagte, diese Erkenntnis habe ihn deprimiert.

Wir sollten da vorsichtig sein. Wenn wir nur ein paar Jahrhunderte zurückgehen, hätte man sich auch nicht vorstellen können, dass Menschen einmal von der Erde zum Mond fliegen. Für einen Astrobiologen ist es das Wichtigste, einen „open mind“ zu behalten, offen zu bleiben. Auch wenn es schwierig ist – vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit für solche interstellaren Reisen.

Interview: Pamela Dörhöfer

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