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Landschaften als natürlicher Klimaschutz

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Umweltministerin Lemke legt den Entwurf zu einem neuen Aktionsprogramm vor.

Von Meseberg, dem Klausurort der Bundesregierung, reiste Bundesumweltministerin Steffi Lemke am Mittwoch 30 Kilometer weiter zu den Möllmer Seewiesen bei Oranienburg nördlich der Hauptstadt. Die Seewiese ist eigentlich keine Wiese, sondern ein 56 Hektar großes Moor, das aus einem verlandeten See entstand und nun dauerhaft wiedervernässt werden soll. Später sollen auch Wasserbüffel auf der Moorwiese weiden – ein Vorzeigeprojekt, das die passende Kulisse für Lemke abgab, um den 70-seitigen Entwurf ihres Programms „Natürlicher Klimaschutz“ zu präsentieren.

Die Vorlage des Programms hatte Lemke schon Ende März angekündigt. Es soll bis 2026 mit vier Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt gespeist werden, vor allem aus dem Klima- und Transformationsfonds. Sie wolle die Natur stark machen, damit sie gegen die Klimakrise hilft, erklärte Lemke beim Wiesenbesuch. „Wälder und Auen, Böden und Moore, Meere und Gewässer, naturnahe Grünflächen in der Stadt und auf dem Land, sie alle können CO2 aus der Atmosphäre binden und langfristig speichern.“ Auch wirke intakte Natur als Puffer gegen Klimafolgen, halte Wasser in der Landschaft und sorge bei Hitze für Abkühlung.

„Wir brauchen technischen und natürlichen Klimaschutz: Erneuerbare und Moore, Einsparungen und Aufforstungen“, erläutert Kai Niebert, Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR). „Ohne den natürlichen Klimaschutz werden wir die Klimakrise nicht stoppen können.“

Die Möllmer Seewiesen geben derzeit im Trockenzustand noch rund 1700 Tonnen CO2 jährlich ab. Bundesweit sind heute 95 Prozent einstiger Moorflächen entwässert und in Äcker, Grünland oder auch Straßen und Gewerbeflächen verwandelt. Diese Flächen emittieren bundesweit rund 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent, die größte Treibhausgasmenge, die in Deutschland aus Landnutzungsänderungen resultiert. Weitere CO2-Emissionen stammen hier aus Entwaldung oder dem Zubetonieren von Äckern und Grünland.

Bei den Mooren soll das neue Programm laut Umweltministerium dazu beitragen, die existierende Nationale Moorschutzstrategie in die Tat umzusetzen. Mit der Strategie sollen die Treibhausgasemissionen aus Ex-Moorflächen bis 2030 um jährlich fünf Millionen Tonnen reduziert werden.

Das Aktionsprogramm

Der Entwurf für das „Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz“ umfasst 64 Maßnahmen in zehn Handlungsfeldern, darunter:

Nationale Moorschutzstrategie umsetzen.

Wasserhaushalt naturnah gestalten mit lebendigen Flüssen, Seen und Auen.

Gesunde Wälder fördern.

Meere und Küsten schützen und ihre Nutzung naturverträglich gestalten.

Betreuung und Unterhalt von Wildnis- und Schutzgebieten verbessern.

Böden schützen und bodenschonend und humusmehrend bewirtschaften.

Siedlungs- und Verkehrsflächen renaturieren.

Städte und Gemeinden klimafest machen.

Datenerhebung , Monitoring, Modellierung und Berichterstattung verbessern. js

Nach Jahrzehnten staatlich finanzierter Moor-Entwässerung wird mit dem neuen Programm endlich die Wiedervernässung substanziell staatlich unterstützt, lobt Franziska Tanneberger, die das Greifswald Moor Centrum leitet. Sie sieht das staatliche Engagement als entscheidend an. „Auch die Entwässerung der Moore war in den seltensten Fällen eine individuelle Entscheidung derjenigen, denen die Moorflächen gehörten oder die sie bewirtschafteten“, erinnert Tanneberger an die historische Entwicklung. Jan Peters, Geschäftsführer der Michael-Succow-Stiftung, nennt das neue Aktionsprogramm einen „wahren Meilenstein“, schränkt aber ein: Die konkreten Ziele blieben noch immer weit hinter dem Notwendigen zurück. Die fünf Millionen Tonnen seien weniger als zehn Prozent der jährlichen Moor-Emissionen. „Auch um international ernst genommen zu werden, muss hier das Ambitionsniveau höher liegen.“ So sei die Vorgabe nicht hoch genug, um in Deutschland die auf EU-Ebene diskutierten Ziele für entwässerte Moorböden zu erreichen.

Der Erfolg des Programms }hängt für DNR-Präsident Niebert davon ab, wie viel Fläche zum Wiederherstellen kohlenstoffbindender und artenreicher Lebensräume bereitgestellt wird. Natürlicher Klimaschutz brauche vor allem eines: Flächen, auf denen künftig CO2 gespeichert statt ausgestoßen wird.

Niebert fordert auch im natürlichen Klimaschutz eine Zeitenwende. Statt „kleinteiliger, bürokratischer Projekte“ müssten jetzt Programme aufgelegt werden, die in der Breite wirken. „Über entsprechende Programme müssen wir es schaffen, Landwirte zu Klimaschützern zu machen.“ Er wird auch konkret. Die Bundesregierung müsse Möglichkeiten zum direkten Flächenerwerb schaffen. Dafür seien Vorkaufsrechte oder Flurneuordnungsverfahren sowie ausreichend qualifiziertes Personal erforderlich.

Auch für Moorforscherin Tanneberger ist eine enge Kooperation mit der Landwirtschaft das A und O. Mehr als 80 Prozent der entwässerten Moorflächen in Deutschland würden landwirtschaftlich genutzt. „Zukünftig brauchen wir auf Moorböden einen Mix aus Paludikulturen unterschiedlicher Intensität sowie ‚nasser Wildnis‘. Damit können wir auch moortypische Biodiversität effizient fördern und wiederherstellen.“ Paludikultur meint die landwirtschaftliche Nutzung von wiedervernässten oder ursprünglichen Moorböden.

Ab dem 5. September können Verbände und Interessierte Anregungen zu dem Entwurf einbringen. Anfang 2023 könnte die Bundesregierung das Programm beschließen. Tanneberger plädiert jetzt schon dafür, über die Programmlaufzeit bis 2026 hinauszudenken und die fast vollständige Wiedervernässung aller Moorböden zu planen. „Ohne diese werden wir keine Klimaneutralität in Deutschland erreichen“, stellt sie klar.

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