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Nur dank der künstlich aufgeschütteten Warften ist das Eiland bewohnbar.

Klimawandel

„Land unter“ per Menschenhand

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Der klimabedingte Anstieg des Meeresspiegels bedroht die Halligen in der Nordsee. Der WWF schlägt ausgerechnet mehr Überflutungen vor.

Eine gewisse Komik war dem Anblick schon zu eigen: Schafe inmitten von unzähligen Plastikstangen, an deren Enden rot-weiße Absperrbänder wild im Wind umherflattern. Eine steife Brise weht das ganze Jahr über von der Küste her über die Salzwiese hinweg, mit der das flache Eiland von Hallig Hooge über und über übergrünt ist. Dem Weidevieh schmeckt die besondere Vegetation, mit der sich die Fauna perfekt an das „Land unter“ angepasst hat. So sagen die Hallig-Bewohner, wenn das Meerwasser mal wieder über die Uferbefestigung getreten ist.

Die Salzwiesen, gewissermaßen eine Frucht dieses einzigartigen Naturschauspiels, mögen auch die gut zwei Millionen Vögel, die alljährlich auf den zehn Halligen vor der norddeutschen Küste Rast machen. Die Brutvögel unter den Hallig-Vögeln bauen darin gar ihre Nester, schließlich gibt es auf dem Eiland in der Regel keine Füchse oder andere Raubsäuger, die sich über die Eier hermachen könnten.

Der Vögel wegen steckten bis vor kurzem auch die vielen Plastikstangen in jener Salzwiese auf Hooge, hinter der sich ein Hügel voller Häuser auftut. Es ist die Hanswarft, einer der künstlich angelegten Siedlungshügel auf Hooge. Nur ihretwegen sind die Halligen überhaupt bewohnbar, denn Häuser auf dem Bodenniveau der unberührten Salzwiese würde das nächste „Land unter“ samt Kind und Kegel mit sich reißen.

Halligen haben nämlich traditionell nur flache Deiche und werden daher – im Gegensatz zu stärker befestigten Inseln – immer dann überflutet, wenn die Nordsee rauer wird und die Sturmflut über die Uferkante schwappt.

Daher die Warften, die Salzwiesen – und die Plastikstangen, die verhindert haben, dass Vögel vor der Hanswarft nisten. „Dann hätten wir hier nicht weiterarbeiten können“, sagt Erco Jacobsen vom Hooger Tourismusbüro. Denn das Hallig-Land ist Naturschutzgebiet, in dem Flora und Fauna höchste Priorität haben.

Die Idylle vor der Hanswarft währt so lange, ...

Entsprechend hätten brütende Vögel auch die sogenannte „Aufwarftung“ der Hanswarft vereitelt. Denn die Hauptwarft auf Hooge wird derzeit erhöht. Kraft eines 30-Millionen-Pakets aus Mitteln des Landes Schleswig-Holstein und des Bundes sollen die Warften nach und nach für den Klimawandel gerüstet werden. Schließlich spüren die Hallig-Bewohner den Klimawandel an vorderster Front: Der globale Temperatur-anstieg bringt die Gletscher zum Schmelzen, wodurch der Meeresspiegel ansteigt. Laut Weltklimarat IPCC ist der mittlere Meeresspiegel an Nord- und Ostsee im zurückliegenden Jahrhundert bereits um 15 bis 20 Zentimeter angestiegen, bis 2100 rechnet die Klimaforschung – je nach menschlichem Handeln – mit einem Anstieg von bis zu einem Meter.

Damit steigt auf den Halligen das Risiko für ein „Land unter“. Daher also die Aufwarftungen, die bislang für vier Warften auf den Halligen Hooge, Nordstrandischmoor, Gröde und Langeneß beschlossen wurden. Bei der Verabschiedung des Pakets sagte der damalige Umweltminister Schleswig-Holsteins, Robert Habeck (Grüne): „Die Menschen auf den Halligen brauchen bei Sturmfluten Sicherheit. Deshalb müssen wir die Warften verstärken.“

Alles schön und gut, sagt Jannes Fröhlich vom Husumer Wattenmeerbüro der Naturschutzorganisation WWF. Der Biologe hält es aber für ebenso geboten, das Hallig-Land in Gänze auf Meeresspiegelhöhe zu halten – und eben nicht nur die Warften zu erhöhen. „Das Bodenniveau auf den Halligen liegt nur wenige Zentimer über dem Meeresspiegel“, sagt Fröhlich. Denn der Küstenschutz erhöhe die Deiche um die Halligen immer weiter, um zu verhindern, dass allzu häufig ein „Land unter“ eintritt. „Ohne Meerwasser kann das Land aber nicht mit dem Meeresspiegel in die Höhe wachsen“, kritisiert der Umweltschützer. Jedes „Land unter“ spült nämlich auch Schlick und Sand, Muschelschalen und Sediment aus der Nordsee auf die Hallig. Das Meeresgut lagert sich auf dem Eiland ab, so dass die Halligen regelrecht in die Höhe wachsen. „Ein guter, natürlicher Anpassungsmechanismus an den Meeresspiegel“, findet Fröhlich. Für den Biologen ist deshalb klar: „Wir wünschen uns, dass wieder mehr ‚Land unter‘ zugelassen werden.“

... bis die Wassermassen kommen.

Damit meint Fröhlich nicht etwa, die Uferkante wieder abzurüsten. In einem WWF-Papier schlägt er vielmehr vor, die schon bestehenden Deiche mit steuerbaren Sieltoren aufzurüsten, die auch nach innen zu öffnen sind. „So könnte im Winter, wenn die Einbußen für Mensch und Tier am geringsten sind, gezielt Wasser auf die Hallig gelassen werden, sodass das Land in die Höhe wachsen kann.“ Bislang öffnen sich die Sieltore nur nach außen, um das Wasser wieder von der Hallig zu lassen – auf Hooge in Spitzenzeiten vielleicht fünf Mal im Jahr, häufiger kommt es dort wegen der tendenziell höher werdenden Uferbefestigungen kaum noch zu einem „Land unter“.

Aus Sicht derer, die auf den Halligen so hohe Priorität haben – die Vögel –, gibt es keine Bedenken gegen winterliche Überflutungen, sagt Ranger Martin Kühn vom Nationalpark Wattenmeer: „Die Brutvögel legen ihre Nester zwischen April und Juli in die Salzwiesen, da würde ein ‚Land unter‘ die Gelege mit sich reißen und die Bestände gefährden.“ Zuweilen geschehe das auf Langeneß, aber auf Hooge – Fehlanzeige. Auch den Vogel-Experten treibt die Sorge um, dass der Lebensraum für seltene Vogelarten im Meer verschwinden könnte, weil das Hallig-Land nicht mit dem Meeresspiegel mitwächst.

Die menschlichen Hallig-Bewohner atmen freilich auf, wenn sie seltener überflutet werden, sagt die parteilose Bürgermeisterin von Hooge, Katja Just. Sie bringt das Dilemma auf den Punkt: „Auf der einen Seite wollen wir, dass das Land weiter wächst, auf der anderen Seite wollen sich die Hallig-Leute nicht zusätzlich in ihrer Mobilität einschränken lassen.“ Zwar wisse jeder der rund 100 Hooger, auch die 70 Prozent der Zugezogenen, dass „Land unter“ zum Hallig-Leben dazugehöre. Doch sei es eben jedes Mal eine Einschränkung, wenn das Wasser zwei bis drei Tage auf dem Eiland stehe und die Bewohner auf den Warften festsitzen, mit Schafen und allem, was ansonsten weggespült würde.

Erco Jacobsen ist aber skeptisch, ob ein „Land unter“ per Menschenhand ein gangbarer Weg ist: „Wenn wir darüber abstimmen müssen, wann wir ein ‚Land unter‘ wollen, glaube ich nicht, dass wir zu einem Konsens kommen. Wenn es aber eine Naturgewalt bleibt, liegt es nicht in Menschenhand.“

Es helfe aber nichts, sagt Just: „Ich gehe davon aus, dass wir in 100 Jahren keine zehn Halligen mehr haben. Das wird der Küstenschutz nicht leisten können. Deshalb müssen wir erst recht dafür sorgen, dass Wasser auf die Hallig kommt und wir mitwachsen.“ Auf Nordstrandischmoor mache man schon gute Erfahrungen mit Sieltoren, die nach innen aufgehen, und stellt damit zugleich sicher, dass die Salzwiese auch salzig bleibt. Bei rund zwanzig Bewohnern ist der Konsens aber wohl auch schneller gefunden als bei fünfmal so vielen wie auf Hooge.

Bedrohtes Naturerbe

Zehn Halligen liegen vor der deutschen Nordseeküste, fünf davon sind bewohnt. Die rund 300 Hallig-Bewohner feiern in diesem Jahr ein Jubliäum: Vor zehn Jahren hat die UNESCO das deutsche und niederländische Wattenmeer zum Weltnaturerbe erhoben.

In sechs Forderungen hat der WWF den Schutz der Halligen zuletzt in den Fokus gerückt. „Meeresspiegelanstieg gefährdet Küstennatur“, einzusehen unter https://www.wwf.de/wattenmeer.

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