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Als gesichert gilt, dass eine Fledermaus der erste Wirt war.
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Als gesichert gilt, dass eine Fledermaus der erste Wirt war.

Coronavirus

Ursprung des Coronavirus: Laborunfall, Pelztierfarm oder Tiermarkt?

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Noch immer rätselt die Wissenschaft über den Ursprung des Coronavirus. Ein tierischer Corona-Zwischenwirt konnte bislang nicht identifiziert werden.

Eineinhalb Jahre nach dem Auftauchen von Sars-CoV-2 in der Weltöffentlichkeit hat man viel herausgefunden über das neuartige Coronavirus: über die Mechanismen, mit denen es menschliche Zellen kapert, seine Verbreitung und die von ihm ausgelöste Krankheit Covid-19. Immer noch wenig gesichertes Wissen gibt es hingegen zur Herkunft des Virus und dem Ursprung der Pandemie, jenem Ort also, wo der Erreger erstmals auf einen Menschen übergesprungen ist. War es wirklich der Wildtiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan? Oder stimmt vielleicht doch die „Verschwörungstheorie“, dass das Virus aus einem Labor in Wuhan stammt, wo Fledermausforschung betrieben wird – dass es dort möglicherweise sogar genetisch verändert und versehentlich freigesetzt wurde?

Früh kamen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 kein „designtes“ Virus mit künstlich veränderten Gensequenzen ist. Das schließt einen Unfall allerdings nicht aus. Wie es in einem Bericht im britischen Wissenschaftsmagazin „The Conversation“ heißt, könnte er sich beim Sammeln von Material in der Natur oder während eines Experiments im Labor ereignet haben, ohne dass jemand das Viren-Genom manipuliert haben müsste. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sah das Laborunfall-Szenario nach einer Untersuchung noch vor wenigen Monaten als „extrem unwahrscheinlich“ an. Der oberste US-Experte für Infektionskrankheiten, Anthony Fauci, hält es inzwischen für möglich.

Corona-Ursprung: Kommt das Coronavirus von Marderhunden einer Pelzfarm?

Vielleicht hat sich der „Spillover“, der Übersprung, ja aber an einem ganz anderen Ort ereignet. Christian Drosten, Virologe an der Berliner Charité, hat in einem Interview mit dem Schweizer digitalen Magazin „Die Republik“ jetzt eine Pelzfarm als Möglichkeit ins Spiel gebracht. In China werden unter anderem Marderhunde und Schleichkatzen für die Pelzindustrie gezüchtet. In den Farmen würde den Tieren „lebendig das Fell über die Ohren gezogen“, führt Drosten aus: „Die stoßen Todesschreie aus und brüllen und dabei kommen Aerosole zustande. Dabei kann sich dann der Mensch mit dem Virus anstecken.“

War ein Marderhund der Corona-Zwischenwirt?

Fakt ist, dass sich das Tier, das das Coronavirus Sars-CoV-2 auf den Menschen übertragen hat, bislang nicht identifizieren ließ. 80.000 untersuchte Proben von wild lebenden oder in Gefangenschaft gehaltenen Tieren rund 30 verschiedener Spezies lieferten keinen eindeutigen Hinweis. Als gesichert gilt, dass die ersten Wirte von Sars-CoV-2 ebenso wie bei dessen Verwandten Sars-1 und Mers Fledermäuse waren. Die Flugsäuger können viele für andere Tiere gefährliche Viren beherbergen, ohne selbst zu erkranken. Die meisten der mit dem Thema befassten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass Sars-CoV-2 aber nicht direkt von einer Fledermaus auf den Menschen übertragen wurde, sondern einen Zwischenwirt genutzt hat.

Von der Fledermaus zur Schleichkatze: War dies der Weg des Coronavirus zum Menschen?

Das liegt auch deshalb nahe, weil Sars-1 und Mers den Weg über einen Zwischenwirt gingen. Bei Sars-1 war es eine Schleichkatze, bei Mers ein Dromedar. Wie das Medizinportal „DocCheck“ schreibt, lag die genetische Überstimmung mit den in Menschen nachgewiesenen Erregern bei 99 Prozent. Bei Sars-CoV-2 wurde anfangs vor allem das Schuppentier als Kandidat gehandelt; die bedrohten Tiere werden oft illegal vertrieben. Laut „DocCheck“ habe man zwischen den Schuppentier-Viren und Sars-CoV-2 aber nur eine genetische Übereinstimmung von etwa 90 Prozent gefunden. Das klingt viel, reiche aber nicht aus.

Pelztiere wiederum kämen laut Christian Drosten auch deshalb als Zwischenwirte infrage, weil sie Kleinsäuger wie Fledermäuse in freie Wildbahn fressen und die Farmen auch immer wieder mit wild gefangenen Tieren bestückt werden, die dann Viren einschleppen können. Für Schleichkatzen würden zudem sprechen, dass sie bereits das Sars-1-Virus übertragen haben. Dass Marderhunde ebenfalls potenzielle Wirte von Coronaviren sein können, darauf hatte jüngst auch ein Team des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums und der Goethe-Universität Frankfurt hingewiesen.

Corona-Ursprung: Zirkulierte das Coronavirus bereits vor Dezember 2019 in Menschen?

Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wiederum favorisieren die Theorie, dass es keinen Zwischenwirt gab – unabhängig von einer möglichen Infektion bei einem Laborunfall. So wird in dem Bericht auf „DocCheck“ auf eine Studie der Universität Glasgow verwiesen. Demnach sei es denkbar, dass die meisten genetischen Veränderungen, die es dem Erreger ermöglichen, Menschen zu infizieren, bereits in „älteren Vorgänger-Viren“ von Sars-CoV-2 in Fledermäusen stattgefunden haben.

Riskante Forschung mit Krankheitserregern

Etwa anderthalb Jahre nach dem Auftreten des neuartigen Coronavirus ist sein Ursprung noch immer unklar. US-Geheimdienste gehen unter anderem der Theorie nach, wonach der Erreger Sars-CoV-2 durch einen Laborunfall im Institut für Virologie im chinesischen Wuhan in Kontakt mit dem Menschen kam. Dafür gibt es bislang keine schlagenden Beweise, für das allgemeine Risiko einer Pandemie durch einen Laborunfall allerdings schon: Das Labor in Wuhan gehört zu denjenigen mit der höchsten Bio-Sicherheitsstufe 4, abgekürzt BSL4. Diese sind so konzipiert, dass dort die gefährlichsten Viren und Bakterien erforscht werden können, welche schwere Erkrankungen verursachen können und gegen die es keine bekannten Gegenmittel und Impfstoffe gibt.

Dank Hochleistungsluftfiltern können hier Viren nicht mit der Abluft entweichen, sagt der Leiter des Studiengangs Bioabwehr der US-Universität George Mason, Gregory Koblentz. Alle Abwässer solcher Einrichtungen würden mit Chemikalien oder Hitze behandelt, „um sicherzugehen, dass nichts mehr am Leben ist“. Die Forscher in Hochsicherheitslaboren sind speziell geschult und tragen Schutzanzüge. Weltweit gibt es 59 solcher Hochsicherheitslabore, wie es in einem aktuellen Bericht heißt, an dem Koblentz mitarbeitete. Der Bericht konstatiert allerdings auch, dass es „keine verbindlichen internationalen Standards für das sichere und verantwortungsvolle Arbeiten“ mit Krankheitserregern gibt.

Unfälle kommen mitunter auch in Top-Laboren vor, häufiger aber in Einrichtungen mit niedrigerem Sicherheitslevel, von denen es weltweit tausende gibt. Das H1N1-Virus, das die Grippe-Pandemie 1918 auslöste, entwich 1977 aus Laboren in der Sowjetunion und China und breitete sich weltweit aus. 2004 steckten sich zwei studentische Mitarbeiter des Nationalen Instituts für Virologie in Peking mit dem Sars-Erreger an und verbreiteten ihn weiter, die Mutter von einem der beiden starb. 2014 wurden beim Umzug eines Büros der US-Arzneimittelbehörde FDA einige Phiolen mit Pockenviren entdeckt.
Lynn Klotz vom Center for Arms Control and Non-Proliferation in Washington warnt seit Jahren vor Gefahren für die Öffentlichkeit durch Bio-Labore. „Menschliche Fehler machen 70 Prozent der Fehler in Laboren aus“, sagt der Experte.

In der Debatte um den Ursprung der Corona-Pandemie stehen nun auch die Nationalen Gesundheitsinstitute der USA (NIH) am Pranger. Einige republikanische Politiker werfen ihnen vor, sogenannte Gain-of-function-Forschung mit Coronaviren in Wuhan gefördert zu haben. Die NIH weisen dies zurück. Bei der „Gain of function“-Forschung werden Erreger so verändert, dass diese leichter übertragbar, tödlicher oder schwerer zu bekämpfen sind. Auf diese Weise wollen sie herausfinden, wie die Erreger bei entsprechenden Mutationen in natürlicher Umgebung besser bekämpft werden können.

Über Nutzen und Risiken dieses Forschungsansatzes wird seit langem gestritten. Einen Höhepunkt erreichte die Kontroverse, als 2011 zwei Forscherteams Vogelgrippeviren so veränderten, dass sie zwischen Säugetieren übertragbar waren. Der Harvard-Epidemiologe Marc Lipsitch warnt, ein auf diese Art geschaffener Virusstamm könne einen Labor-Mitarbeiter befallen und letztlich eine ganze Pandemie verursachen. „Diese Forschung ist nicht notwendig und trägt nicht zur Entwicklung von Arzneien oder Impfstoffen bei“, argumentiert auch Richard Ebright von der Rutgers University gegen die „Gain-of-function“-Forschung.

In den USA wurde Forschung an Grippeviren und Coronaviren mit dieser Methode 2014 zunächst ausgesetzt. Seit 2017 ist „Gain of function“ wieder erlaubt, allerdings muss ein Expertenausschuss jeden Fall einzeln vorab prüfen. Molekularbiologin Alina Chan vom Broad Institute spricht sich dafür aus, an gefährlichen Erregern nur in sehr abgeschiedenen Laboren zu arbeiten. Vor einer Rückkehr in die Gesellschaft müsste Quarantäne Pflicht sein. „Wissenschaftler sind sehr kreativ. Man wird einen Weg finden, das sicherer zu machen“. (afp)

Möglich sei auch, „dass das Virus schon vor Dezember 2019 unbemerkt in Menschen zirkulierte“. Das Glasgower Forschungsteam bringt noch eine weitere Theorie ins Gespräch: dass verschiedene Coronaviren gleichzeitig eine Fledermaus infiziert haben und es zu zufälligen Neu-Zusammensetzungen des viralen Erbguts kam, die den Erreger dann in die Lage versetzten, Menschen zu befallen.

Coronavirus: Möglicherweise direkter Weg von der Fledermaus zum Menschen

Auch eine Studie aus China soll laut „DocCheck“ Hinweise für einen direkten Übersprung von Fledermaus zu Mensch liefern. Das Forschungsteam hatte in verschiedenen Fledermaus-Arten 24 neuartige Coronaviren und vier Sars-CoV-2-ähnliche Viren gefunden – die nachträglich auch bei neun infizierten Menschen nachgewiesen wurden. Das zeige, so das chinesische Forschungsteam, dass ein direkter Weg von Fledermäusen zu Menschen stattgefunden haben könnte. (Pamela Dörhöfer)

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