Zwei Mediziner untersuchen am Uniklinikum Essen eine Lunge im Labor.
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Zwei Mediziner untersuchen am Uniklinikum Essen eine Lunge im Labor.

Lungentransplantation

Im Labor fällt die Beurteilung leichter

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Ein neues Verfahren könnte die Zahl der für eine Transplantation geeigneten Lungen künftig erhöhen.

Der Mann war an einer Gehirnblutung gestorben, 61 Jahre alt. Er besaß einen Organspenderausweis, nur seine Lunge schien nicht verwertbar zu sein; die obligatorischen Tests ergaben zu schlechte Sauerstoffwerte. „Strukturell allerdings sah sie gut aus“, sagt Markus Kamler, leitender Arzt der Abteilung für thorakale Transplantation an der Klinik für Thorax- und Kardiovaskuläre Chirurgie des Universitätsklinikums Essen. Nach der üblichen Vorgehensweise hätten Mediziner in Deutschland das Atemorgan nicht transplantiert. In Essen aber setzten die Ärzte auf ein neues Verfahren und verpflanzten am 14. April dieses Jahres erstmals eine zuvor abgelehnte Lunge. Sie setzten sie einer 58 Jahre alten Patientin ein, die seit langer Zeit an einem Lungenemphysem litt, einer chronischen Erkrankung, bei der die für den Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid zuständigen Lungenbläschen nicht mehr richtig arbeiten und der Atemfluss gestört ist; Hoffnung auf Heilung gibt es nicht.

Seit fünf Jahren hatte die Frau vergeblich auf eine Lunge gewartet. Tatsächlich nahm das zunächst als nicht als geeignet eingestufte Organ im neuen Körper schnell seine Arbeit auf, erzählt Markus Kamler: „Der Patientin geht es heute gut.“ Drei Lungen, die nach der herkömmlichen Praxis abgelehnt worden wären, hat das Team des Universitätsklinikums Essen seit der Premiere im April erfolgreich verpflanzt. Die neue Methode könnte damit die Zahl der Lungen, die sich für eine Transplantation eignen, in Zukunft deutlich erhöhen, sagt der Professor der Chirurgie.

Denn bislang ist die Situation für Patienten, die eine neue Lunge benötigen, besonders fatal. Nicht allein, dass in Deutschland der Bedarf an Organen grundsätzlich nur zu einem Bruchteil gedeckt werden kann. Aber während etwa Leber und Niere eines Spenders dann auch zu 80 bis 90 Prozent verpflanzt werden, sind es bei der Lunge nur zehn bis 20 Prozent, sagt Markus Kamler. Die geringen Zahlen sind darin begründet, dass die Qualität des gespendeten Atemorgans oft als zu schlecht für eine Transplantation erscheint. „Im Gegensatz zu Leber, Niere oder Herz hat die Lunge Kontakt zur Außenwelt“, erläutert der Spezialist, „das erschwert die Situation“. So könnten sich Keime oder Sekret in einer Lunge ansammeln oder auch Vorerkrankungen – beispielsweise ein Infekt – die Funktionsfähigkeit mindern.

Indes: Eine zuverlässige Beurteilung, ob sich eine Lunge für die Transplantation eignet, ist anhand der Untersuchungen, wie sie weltweit in fast allen Kliniken praktiziert werden, nur eingeschränkt möglich, sagt Markus Kamler: Bei der Standardmethode schauen sich Experten das Organ an, wenn es sich noch im Körper des kurz zuvor verstorbenen Spenders befindet. Die Zeit ist knapp, und entdecken die Mediziner etwas, das nicht hundertprozentig gesund aussieht, so gehen sie kein Risiko ein und lehnen die Lunge lieber ab – was zwar Sicherheit bringt, aber andererseits auch die Gefahr birgt, dass ein Organ verworfen wird, das im Empfänger möglicherweise doch gut funktioniert hätte.

Bei dem neuen Verfahren hingegen wird die Lunge nicht im Körper des Spenders untersucht, sondern sofort entnommen und im Labor unter die Lupe genommen. Möglich ist das dank einer speziellen Maschine, mit der das Organ mehrere Stunden lang beatmet und mit einer speziellen Lösung durchblutet wird, erläutert Markus Kamler. Auf diese Weise bleibt den Spezialisten genügend Zeit für umfangreiche Untersuchungen. Dazu gehören Röntgenbilder, die unter anderem Aufschluss über mögliche Wassereinlagerungen geben, eine Bronchoskopie, eine Blutgasanalyse, die Aussagen über die Verteilung von Sauerstoff und Kohlendioxid macht, sowie Messungen, wie gut die Lunge Sauerstoff verwerten kann. „So bekommen wir ein viel besseres Bild. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass wir auf dem Labortisch zu 99,9 Prozent sagen können, ob eine Lunge transplantiert werden kann“, sagt der Chirurg.

Etliche Organe, die unter normalen Umständen abgelehnt würden, könnten sich bei dieser gründlichen Vorgehensweise letztlich doch als geeignet erweisen – und noch mehr: Die Essener Mediziner arbeiten daran, entnommene Organe bei Bedarf künftig auch zu behandeln und auf diesem Weg verwertbar zu machen. Das wäre beispielsweise eine Option, wenn eine Lunge mit Bakterien infiziert ist: „In diesem Fall könnte man hochkonzentrierte Antibiotika einsetzen“, erklärt Markus Kamler. Eiweißreiche Durchblutungslösungen wiederum könnten der Lunge Wasser entziehen.

Angewendet wird die neue Methode bisher allerdings weltweit nur an einer Handvoll Kliniken, sagt der Mediziner, unter anderem in Toronto oder in Philadelphia; in Deutschland verfolgen Mediziner an der Medizinischen Hochschule in Hannover einen ähnlichen Ansatz, allerdings mit einem etwas anderen System. Das Verfahren, entnommene Lungen im Labor gründlich zu untersuchen, könnte vor allem für jene Patienten eine große Hoffnung bedeuten, die zwar nicht unmittelbar vom Tod bedroht sind, deren Lebensqualität aber stark eingeschränkt ist – etwa, weil sie ohne die Hilfe einer Maschine nicht mehr selbständig atmen können.

Die Gründe für ein Versagen der Lunge können vielfältig sein: Zu den häufigsten zählen die Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), bei der die Atemwege stark eingeengt sind, deshalb kaum noch Sauerstoff aufgenommen werden kann und in der Spätphase Tod durch Ersticken droht, das Lungenemphysem als häufige Folge einer COPD, die erbliche Drüsenerkrankung Mukoviszidose, bei der zäher Schleim die Atemwege verstopft, die zu Vernarbungen des Lungengewebes führende Lungenfibrose, die Sarkoidose, bei der sich Knötchen in der Lunge bilden können, Lungenhochdruck oder auch Bronchiektasen, sackförmige Ausweitungen der Bronchien in die Lungen.

Mit einer transplantierten Lunge könnten viele dieser Patienten ein Leben fast ohne Beeinträchtigungen führen, sagt Markus Kamler. Seit der ersten Verpflanzung einer Lunge in den 1980ern haben sich die Ergebnisse dieser Operation in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Die Gefahr, sich eine Infektion zu holen, sei bereits nach ein bis zwei Jahren nicht höher als bei der Normalbevölkerung, erklärt der Arzt: „Transplantierte Lungen erreichen oft eine erstaunliche Leistungsfähigkeit.“ Ein prominentes Beispiel dafür ist Schlagersänger Roland Kaiser, der als jahrelanger starker Raucher schwer an COPD erkrankt war und seine Karriere deshalb beenden musste. Seit einer Lungentransplantation im Jahr 2010 steht er wieder regelmäßig auf der Bühne; fast so, als wäre nichts gewesen.

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