Früh übt sich: Viele Kinder sollen nach dem Willen ihrer Eltern bereits in jungen Jahren ein Instrument lernen.
+
Früh übt sich: Viele Kinder sollen nach dem Willen ihrer Eltern bereits in jungen Jahren ein Instrument lernen.

Erziehung

Kursprogramm statt Kinderbande

Einst Prügel schon als Säugling, später Freiheit bar jeder Autorität – Heute ist die Kindererziehung häufig auf möglichst frühe Förderung und Wissensanhäufung ausgerichtet. Immer wieder rutscht Erziehung in Extreme.

Von Annett Stein

Einst Prügel schon als Säugling, später Freiheit bar jeder Autorität – und nun Förderung um jeden Preis. Immer wieder rutscht Erziehung in Extreme. „Momentan gibt es einen regelrechten Frühförderwahn“, sagt Bildungsforscher Heiner Barz von der Universität Düsseldorf. Was als jeweils beste Erziehung erscheine, habe wenig damit zu tun, wie Kinder sind, meint Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Wissenschaftler aus Vogt im Allgäu. „Es hat vielmehr damit zu tun, für was sie einmal gebraucht werden.“ Eltern erlägen oft dem Irrglauben, völlig aus eigenen Überlegungen über die Erziehung zu entscheiden.

Die Kita ist der Heiliger Gral

Kindheit verlaufe in den hochproduktiven Ländern immer stärker nach einem globalisierten Universalmodell, ausgerichtet auf eine möglichst intensive und frühe kognitive Förderung, schreibt Renz-Polster in seinem Buch „Die Kindheit ist unantastbar“. Die Kita sei zum Heiligen Gral eines ganzen Wirtschaftsmodells geworden. „Statt Basteln steht die Erweiterung des Zahlenraums auf dem Programm, statt Kinderbande gilt das Kursprogramm.“ Der letzte noch verbliebene Schonraum werde ausgehebelt, auch die Kleinsten bekämen nun zu spüren, wie sich die Drehzahl der Welt nach oben schraube.

„Erziehungswerte sind immer Ausdruck des allgemeinen Lebensgefühls“, erklärt Barz. „Das gesellschaftliche Klima findet sich in den Köpfen der einzelnen Menschen wieder.“ Derzeit sei es von ökonomischen Imperativen bestimmt: Leistung, Anstrengung, Selbstdisziplin. „Wir leben in einer Zeit der Effizienzagenturen, des Controllings, der maximalen Ausschöpfung von Ressourcen.“ Das Ziel „Optimierung“ sei allgegenwärtig, selbst in der Freizeit, erklärt Barz. Fortbildungen, Paartraining, Auslandsreisen, Sport, Diäten, das ganze Leben sei auf Selbstoptimierung ausgerichtet.

„Dieses Bestreben, bloß keine Möglichkeiten und Fähigkeiten brachliegen zu lassen, hat schon wahnhafte Züge“, so Barz. Das gelte oft auch für den Umgang mit Kindern. „Es wird angestrebt, Kinder möglichst früh auf die Spur zu setzen, die zu beruflichem Erfolg führt.“ Manche Eltern hätten ein schlechtes Gewissen, wenn ihr Kind nicht mindestens zwei Förderangebote pro Tag wahrnehme. In der Schule verstärke sich der Druck noch. Einst habe ein Schüler Nachhilfe bekommen, um auf eine Vier oder Drei zu kommen und nicht sitzen zu bleiben. „Heute kommen Schüler mit einer Eins im Zeugnis und in der letzten Englisch-Arbeit: um die Eins zu halten.“

Frühkindliche Bildungsoffensive

„Wie bilden wir unsere Kinder, damit sie ihren Platz finden in den Ökonomien des 21. Jahrhunderts?“, fragt der renommierte Bildungsberater Ken Robinson in einem 2010 veröffentlichten Science-Comic: „Obwohl wir doch nicht einmal abschätzen können, wie es um die Wirtschaft Ende nächster Woche bestellt sein wird.“ Die ersten Forderungen nach einer frühkindlichen Bildungsoffensive seien vom Bund der Deutschen Industrie, der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände und Wirtschaftsorganisationen wie der OECD gekommen, schreibt Renz-Polster.

Der Kinderarzt zitiert aus einem Gutachten des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln: „Angesichts des demografischen Wandels und stagnierender Absolventenzahlen in höheren Bildungsgängen werden für Deutschland Befürchtungen laut, dass in Zukunft nicht mehr genügend Humankapital zur Verfügung steht, um den produktiven Einsatz des Sachkapitals zu ermöglichen und damit im Innovationswettbewerb mithalten zu können. Damit Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht ins Hintertreffen gerät, ist es erforderlich, die noch nicht erschlossenen Bildungspotenziale auszuschöpfen.“

Die Wirtschaft zum Hauptschuldigen abzustempeln, hält Bildungsforscher Barz aber für zu kurz gefasst. Personalabteilungen suchten häufig gerade nach Kandidaten ohne perfekten Lebenslauf, die etwas erlebt und eigenständige Persönlichkeiten entwickelt hätten. Zudem sei es ja nicht prinzipiell verkehrt, Kindern Förderangebote zu machen. Er sieht in der deutschen Reaktion auf die Pisa-Studien eine bedeutende Ursache für die derzeitige Konzentration auf Frühförderung und maximale Wissensanhäufung.

„Kein anderes Land hat sich die Pisa-Ergebnisse so intensiv zu Gemüte geführt“, betont Barz. In Frankreich seien nach der ersten Studie 2002 drei kleinere Artikel erschienen – in Deutschland habe jede große Zeitung das Thema gleich mehrfach in großen Geschichten verarbeitet.

Vorbilder sind asiatische Bildungssysteme

„Deutschland hat sich die Ergebnisse besonders zu Herzen genommen, obwohl es mit seinem Platz im Mittelfeld gar nicht wirklich schlecht war.“ Die Pisa-Initiatoren selbst hätten immer betont, dass die Persönlichkeit weit wichtiger sei als ein standardisiertes Kompetenzkataster. Gesellschaft und Eltern hätten bei Pisa überreagiert, ist Barz überzeugt. Ein weiterer Faktor sei der Blick auf asiatische Bildungssysteme, die sehr früh strenges Lernen vorsehen. Mit Blick auf künftige Berufsaussichten werde das von Eltern oft als nachahmenswert empfunden.

Er halte nichts davon, die kindliche Sozialisation komplett auf ein Bildungssystem für wirtschaftliche Spezialisten auszurichten, betont Renz-Polster. „Und wenn wir noch so gerne die Sonne gleich am Zenit aufgehen lassen würden – die entscheidende „Förderung“ für das kleine Kind liegt auch heute noch darin, dass es einen reichhaltigen, abenteuerlichen, kreativen Alltag mit Menschen gestalten kann, die ihm etwas bedeuten – ob groß oder klein.“

Hinter den Sinn maximierter Frühförderangebote sei ein großes Fragezeichen zu setzen, sagt auch Barz. Beweise für die Erfolgsversprechen fehlten. Oft bleibe inzwischen das unbefangene Erleben von Natur und häuslicher Umgebung auf der Strecke, ebenso wie in spielerischem Miteinander erlernte soziale Fähigkeiten. Robinson verwendet in seinem Beitrag den Begriff „Divergentes Denken“ – das unter anderem umfasse, wie gut sich Menschen alternative Verwendungen für Gegenstände wie eine Büroklammer vorstellen können. Bei Kleinkindern sei diese Fähigkeit weit ausgeprägter als bei vom Bildungssystem abgestumpften 13-Jährigen.

Eltern sollten sich unbedingt klarmachen, dass Erziehung auch immer etwas damit zu tun habe, was für Leistungen sich andere von den Kindern erhofften, schreibt Renz-Polster. Deutlich wird das bei einem Blick in die Vergangenheit: „Es wurde nichts ausgelassen in früheren Jahrhunderten, um ein Kind ideologisch und körperlich in eine bestimmte Richtung zu bringen“, sagt Barz. Im Kaiserreich und zur Nazizeit etwa sei das Ziel ein gehorsames, angepasstes Kind gewesen, erklärt Renz-Polster. „Da standen Selbstkontrolle, Abhärtung, Ordnung und Disziplin auf dem alltäglichen Lehrplan.“

„Der Weg zur Unterordnung stand auch im Zentrum der Schulpädagogik“, ergänzt Renz-Polster. Leo Tolstoi habe nach einem Deutschlandbesuch 1860 in sein Tagebuch geschrieben: „Entsetzlich. Gebet für König, Prügel, alles auswendig, verängstigte, seelisch verkrüppelte Kinder“. Die Soziologin Katharina Rutschky prägte später den Begriff „Schwarze Pädagogik“. Ein Vertreter sei der Arzt Moritz Schreber (1808-1861) gewesen, sagt Barz. Mit Geradhaltern, Kinnriemen und anderen Apparaturen zur Korrektur von Haltungsschäden malträtierte Schreber die eigenen und viele andere Kinder, schon für Säuglinge empfahl er Prügelstrafen.

Die Erziehung richtet sich nach der Gesellschaft

So furchtbar das aus heutiger Sicht klinge – das Ziel der Eltern sei das selbe gewesen wie heute: Die Kinder sollten in der Welt klarkommen, auf die sie als Erwachsene treffen würden, schreibt Renz-Polster. „Sind Eltern in Sachen Erziehung also Blätter im Wind? Die vielen Umbrüche, Moden und Kehrtwenden in der Erziehungspraxis legen es nahe.“ Prinzipiell falle Erziehung immer dann gewaltsamer und schonungsloser aus, je weniger menschlich und je ungerechter es in der Gesellschaft zugehe.

Zu jeder Zeit seien die Erziehungsregeln dabei von „Experten“ unterfüttert worden. Für die Verfechter antiautoritärer Erziehung seien vor allem die Bücher über die „Summerhill“-Schule des Reformpädagogen Alexander Sutherland Neill ein Leitstern gewesen, sagt Barz. Heute seien dies für einen Teil der Eltern Bücher wie „Lob der Disziplin“ des Pädagogen Bernhard Bueb und „Die Mutter des Erfolgs“ von Amy Chua. Andere orientieren sich an gegenläufigen Darstellungen wie „Anna, die Schule und der liebe Gott“ des Philosophen Richard David Precht oder an Thesen wie „Du bist ok, so wie du bist“ der TV-“Super Nanny“ Katharina Saalfrank.

Angebot an konträren Erziehungsratgebern

„Das Angebot an zum Teil sehr konträren Erziehungsratgebern ist gewaltig“, sagt Barz. „Nicht zuletzt, weil Eltern alle nicht so richtig wissen, wie viel Strenge, wie viel Förderung, wie viel Freiraum denn nun sinnvoll sind.“ Verstärkt werde die Verunsicherung durch immer neue Studien vor allem zur frühkindlichen Wahrnehmung und Leistungsfähigkeit. Kürzlich erst berichteten US-Forscher etwa, dass sich die Sprechfähigkeit schon bei vier Monate alten Babys trainieren lässt. Renz-Polster empfiehlt Eltern, das derzeitige Erziehungsziel einmal in aller Ruhe grundsätzlich zu hinterfragen. (dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare