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Mit viel Humor lotst Martine Jauernick Mensa-Besucher durch den Alltag.

Uni Marburg

Die Kultstimme der Mensa

Die Französin Martine Jauernick kümmert sich rührend um Studierende in Marburg.

Von Gesa Coordes

Ihre Stimme kennt jeder Mensabesucher Marburgs. Mit unverkennbar französischem Akzent ruft Martine Jauernick „Schpagetti Bolognäs“, Julias Geburtstag oder „Biette zur Info!“ aus. Und sie erzählt Geschichten am Mikro, die in anderen Mensen undenkbar wären. So kommen regelmäßig Studierende zu ihr, deren Freunde Geburtstag haben. „Alles ist dunkel und traurig an diesem Wintertag“, sagt sie dann über Lautsprecher. „Aber es gibt ein Licht am Horizont. Die Corinna hat Geburtstag.“

Martine Jauernick ist für den Info-Point der zentralen Mensa Marburgs zuständig: Sie ist die zentrale Ansprechpartnerin für ratlose Studierende, die in das Studentenhaus am Erlenring kommen. Sie mache aber auch „gern Blödsinn“, wie sie augenzwinkernd zugibt. „Ein Studentenhaus ist ein Jugendhaus“, sagt die 63-Jährige: „Da muss man ein bisschen lustig sein.“ Bei den Studenten genießt sie Kultstatus.

Als die Französin vor 45 Jahren aus einem Pariser Vorort nach Marburg kam, wollte sie eigentlich nur für ein Jahr in Deutschland bleiben; sie arbeitete als Haushaltshilfe in einem Hotel. Doch dann verliebte sie sich in den Sohn des Chefs. Sie behielt ihren Job und begann parallel zur Arbeit im Hotel ein Pharmaziestudium. Martine Jauernick heiratete und bekam zwei Kinder.

Ihr Ehemann starb jedoch schon 1992 nach langer Krankheit und bei ihr selbst wurde eine Netzhautablösung festgestellt, die ihr seitdem Jahr für Jahr die Sehkraft raubt. „Das war sehr hart“, sagt sie im Rückblick. Doch sie schlug sich mit den beiden Kindern durch. „Ich habe gelernt, das kleine Glück zu genießen“, sagt sie. Jauernick machte eine blindentechnische Grundausbildung und suchte sich einen Job beim Studentenwerk, wo sie zunächst in der Essensausgabe, dann in der Caféteria und im Bistro arbeitete.

Als 2001 der Info-Point im Studentenhaus am Erlenring eingerichtet wurde, durchlief die Französin alle Abteilungen, um auch zu Bafög, Wohnheimen, Notunterkünften und Beratungsangeboten erste Auskünfte geben zu können. Wenn Martine Jauernick am Infopoint sitzt, ist sie nämlich auch für den zentralen Telefondienst zuständig. Eine Kurzberatung kann sie geben. Wenn es komplizierter wird, vermittelt sie weiter. Sogar in der Warteschleife hört man ihre Stimme.

Vor Ort bietet sie Hilfe in vielen Lebenslagen: „Die Studenten werden ja immer jünger“, berichtet die 63-Jährige, die ihr Enkelkind als größtes Hobby bezeichnet. „Sie fühlen sich oft ein bisschen verloren.“ Und so verkauft sie nicht nur die U-Cards, teilt die studentischen Hilfskräfte ein und erläutert Essenspläne, sondern gibt auch Tipps bei der Suche nach Ärzten, Umzugshilfen und Uni-Gebäuden. Ihre guten Sprachkenntnisse helfen ihr im Umgang mit den ausländischen Studierenden.

Die meisten Studierenden merken gar nicht, dass sie selbst ihr Gegenüber heute nur noch schemenhaft erkennen kann. Ihr Arbeitsplatz ist mit einem Vergrößerungsscanner und einem PC mit Sprachausgabe ausgestattet. Blindenhündin Ulani kommt mit zur Arbeit. Der Labrador liegt den gesamten Vormittag brav unter dem Tresen.

Ein Drittel aller blinden Hochschüler Deutschlands studiert in Marburg, wo die Bedingungen für sehbehinderte Menschen besonders gut sind. Martine Jauernick kennt sie fast alle. Am Herzen liegt ihr der Mensa-Service, ein bundesweit einmaliges Angebot des Marburger Studentenwerks. Jeden Mittag kommen die sehbehinderten Studierenden zum Info-Point, wo Jauernick nach dem Mensa-Service verlangt. Eine studentische Hilfskraft im knallorangefarbenen T-Shirt liest den blinden Studierenden dann die Speisekarte vor, führt sie zur Essenausgabe, stellt die richtigen Beilagen aufs Tablett und ergattert einen freien Stuhl an den Tischen. Mit vollem Tablett und Stock in der überfüllten Mensa einen Platz zu suchen, wäre sonst sehr schwierig, sagt Lehramtsstudentin Lisa Schmidt, die den Service regelmäßig nutzt.

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