Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Mit dieser Anlage holt die Firma Climeworks CO2 aus der Atmosphäre, um es danach in festen Materialien zu speichern. Julia Dunlop/Climeworks
+
Mit dieser Anlage holt die Firma Climeworks CO2 aus der Atmosphäre, um es danach in festen Materialien zu speichern.

Klimawandel

Künstliche Bäume

  • vonJörg Staude
    schließen

Bei der Direct-Air-Capture-Technologie wird CO2 aus der Luft gefiltert. Damit sind große Hoffnungen beim Klimaschutz verbunden. Diese dämpft nun aber eine Studie.

Die Zeit, um die Erderwärmung aufzuhalten und bestenfalls umzukehren, wird knapp. Das gilt für klassische Klimamaßnahmen wie erneuerbare Energien, den Umstieg auf „grüne“ Kraftstoffe oder Null-Energie-Bauten. Zum Kanon gehört inzwischen aber auch: Ohne sogenannte CO2-Senken wird das Pariser 1,5-Grad-Ziel kaum zu schaffen sein.

Zu den vielversprechenden Techniken gehört dabei, das Treibhausgas Kohlendioxid direkt aus der Luft zu filtern und es tief unterirdisch zu lagern, etwa in alten Gaslagern, oder langfristig chemisch zu binden. Diese Techniken werden als Direct Air Capture (DAC) bezeichnet.

Forschende der Universität von Kalifornien in San Diego um Ryan Hanna von der Deep Decarbonization Initiative fragten sich, in welchem Umfang DAC-Technologien in den nächsten Jahrzehnten mit welchem Aufwand einsetzbar sind – und vor allem, wie viel Treibhausgase damit aus der Luft geholt werden können. Fachleute sprechen dann von „negativen Emissionen“.

In ihrer Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Nature“, greifen sie auf zwei Verfahren zurück, die das CO2 in festen Materialien speichern – wie es beispielsweise die Firma Climeworks tut – oder in flüssigen Lösungen – wie unter anderem bei der Firma Carbon Engineering.

Weitere Annahmen des US-Teams sind: Eine Gruppe von Staaten – der G20 ähnlich – entschließt sich aufgrund der fortschreitenden Klimakrise, eine Art globales Crash-Programm zum Aufbau einer riesigen DAC-Senkenindustrie aufzulegen. Die dafür mobilisierbaren finanziellen Ressourcen veranschlagen die Forschenden auf 1,2 bis 1,9 Prozent der globalen Wertschöpfung. Das wären derzeit umgerechnet 800 Milliarden bis 1,3 Billionen Euro. Keine unmögliche Summe angesichts dessen, dass die EU zur Bewältigung der Corona-Wirtschaftskrise in den nächsten sechs Jahren bis zu 1,8 Billionen Euro aufbringen will.

Die DAC-Technik hat aus Sicht der kalifornischen Wissenschaftler:innen einige Vorteile. Weil sie vergleichsweise „smart“ daherkommt, ist ein schrittweises Hochlaufen möglich. Dabei seien die Finanzen ebenso gut kontrollierbar wie die Menge des aus der Luft geholten Kohlendioxids. Zwar sei DAC sehr energieintensiv, doch stünden einem Ausbau im Prinzip keine Grenzen entgegen – im Unterschied zu anderen CO2- Einfangtechniken wie BECCS, der CO2-Abscheidung aus der Verbrennung von Biomasse. Als technische Lösung verlange DAC zudem „keine einschneidenden politischen Eingriffe“, betont die Studie. Anders gesagt: Der Einsatz von DAC verspricht ein Weiter-so mit „grüner“ Technik.

Obwohl damit fast alle Zutaten für das rasche Hochfahren einer weltweiten DAC-Industrie gegeben sind – die Autor:innen rechnen mit einem jährlichen Plus von mehr als 20 Prozent – kommen sie zu einem ernüchternden Ergebnis: Selbst das beschriebene DAC-Notfallprogramm könnte im Jahr 2050 nur etwa 2,2 bis 2,3 Milliarden Tonnen CO2 abscheiden. Das sind rund sechs Prozent der heutigen globalen CO2-Emissionen.

2050 wollen allerdings wichtige Weltregionen wie die EU schon klimaneutral sein. Die kommenden drei Jahrzehnte benötigte DAC aber, um relevante Größenordnungen zu erreichen. Die Zeit, um das Klima auch mit technischen Lösungen für negative Emissionen entscheidend zu stabilisieren, ist mittlerweile recht kurz geworden. Zwar könnte DAC den Zeitraum bis zu Netto-Null-CO2-Emissionen laut der kalifornischen Studie verkürzen.

Bleibt es aber bei der aktuellen Emissionsentwicklung, werde die Erderwärmung im Jahr 2100 immer noch bei 2,4 bis 2,5 Grad Celsius liegen, heißt es. Deswegen sei der Einsatz von DAC, selbst im Extremszenario des technisch Machbaren, „kein Ersatz für herkömmliche Klimaschutzmaßnahmen“.

Eine der in der Studie erwähnten Firmen, Climeworks, gab leider aus Zeitgründen keine Bewertung der kalifornischen Studie ab. Fast gleichzeitig beauftragte die Schweizer Firma die RWTH Aachen aber mit einer eigenen Studie über die CO2-Effizienz ihrer beiden laufenden DAC-Anlagen, installiert auf dem Dach einer Müllverbrennungsanlage in schweizerischen Hinwil sowie bei einem Geothermiekraftwerk im isländischen Hellisheiði.

Die ebenfalls in „Nature“ veröffentlichte, aber nicht frei zugängliche RWTH-Studie bescheinigt den Anlagen über ihren ganzen Lebenszyklus hinweg – Bau, Betrieb und Recycling – eine CO2-Effizienz von 85 beziehungsweise 93 Prozent. Das heißt: Von der gesamten per DAC abgeschiedenen CO2-Menge geht ungefähr ein Zehntel durch den Anlagenbetrieb selbst wieder verloren.

Wie groß der Anteil genau ist, hängt vor allem davon ab, was für Energie zum Betrieb des aufwendigen Prozesses genutzt wird. Je mehr davon aus erneuerbaren Quellen stammt, desto höher ist die CO2-Effizienz. Die kalifornischen Forschenden sehen übrigens kein Problem darin, DAC massiv auszubauen, selbst wenn dafür nicht genügend Ökostrom zu Verfügung steht und beispielsweise auf Erdgaskraftwerke zurückgegriffen werden muss. Denn nur ein schneller Ausbau gewährleiste, dass die Technik durch ihren massenhaften Einsatz billiger wird, so dass mit den verfügbaren Mitteln genügend Anlagen gebaut werden können.

Climeworks selbst hält es mit Blick auf die verfügbaren Ressourcen für möglich, ein Prozent der weltweiten jährlichen CO2-Emissionen mit seiner DAC-Technik abzuscheiden. Ob diese Technik eine wichtige Rolle bei der Eindämmung des Klimawandels spielen kann, wie Climeworks anlässlich der eigenen Studie behauptet, sei dahingestellt. Die wichtigere Frage ist: Lohnt es sich, für wenige Prozent CO2-Einsparung Billionen Euro für eine Technik auszugeben – oder gibt es andere, bessere Wege?

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare