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Das Klima kippt früher - Gefahrenzone offenbar erreicht

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Von: Joachim Wille

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Der Permafrost in Sibirien taut: Zum Vorschein kommt der Stoßzahn eines Mammuts. afp
Der Permafrost in Sibirien taut: Zum Vorschein kommt der Stoßzahn eines Mammuts. © afp

Bislang galten 1,5 bis zwei Grad Erderwärmung als Sicherheitslinie - die Gefahrenzone ist aber offenbar bereits erreicht. Das zeigt die Auswertung von rund 200 Studien.

Frankfurt - Die Erde hat sich gegenüber vorindustrieller Zeit um rund 1,2 Grad erwärmt. Das erscheint wenig, bringt aber bereits gravierende Veränderungen mit sich. Es gibt mehr extreme Wettereignisse, wie sich gerade in diesem Jahr zeigt: verheerende Waldbrände im Mittelmeerraum, dramatische Hitzewellen in China und den Vereinigten Staaten, historische Überschwemmungen in Pakistan.

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Um eine weitere Zuspitzung der Klimakrise abzuwenden, hat die Weltgemeinschaft im Paris-Vertrag beschlossen, die Erwärmung bei zwei Grad zu stoppen, besser aber bei 1,5 Grad. Damit soll verhindert werden, dass Kippelemente des Klimasystems ausgelöst werden, die eine Kettenreaktion mit verheerenden Folgen in Gang setzen können. Neue Forschungen zeigen nun: Schon beim aktuellen Stand der globalen Erwärmung besteht die Gefahr, dass fünf der insgesamt 16 Kipppunkte überschritten werden – und die Risiken steigen mit jedem Zehntelgrad.

Kippelemente für das Klima - Kettenreaktion könnte Erwärmung unkontrollierbar machen

Die Kippelemente des Klimas wurden 2008 erstmals genauer definiert. Die Warnung damals: Werden bestimmte Kipppunkte ausgelöst, kann es zu Kettenreaktionen kommen, durch die sich die Erwärmung unkontrollierbar verstärken würde. Es droht dann eine „Heißzeit“, bei der sich die Erde um vier bis fünf Grad erwärmt, was schlicht ein Ende der menschlichen Zivilisation mit sich brächte. Damals ging man von neun solcher Elemente aus, die bei unterschiedlichen Temperatur-Schwellenwerten ausgelöst werden. Inzwischen wurde klar, dass es sieben weitere dieser Elemente gibt.

Ein internationales Forschungsteam hat nun die rund 200 Studien zu dem Thema zusammengefasst, die seit 2008 erschienen sind. Ergebnis: Fünf der sechzehn Kippelemente sind bereits jetzt in der Gefahrenzone: das grönländische sowie das westantarktische Eisschild, die abzuschmelzen drohen, die Permafrostböden in Sibirien und Nordkanada, die abrupt auftauen könnten, die Labradorsee vor Kanadas Ostküste, wo ein Antrieb für den Golfstrom zusammenzubrechen droht, und die tropischen Korallenriffe, deren massives Absterben ausgelöst werden könnte.

Mit der Erwärmung steigt die Gefahr, das Klima-Kipppunkte ausgelöst werden

Erreicht die globale Erwärmung dauerhaft 1,5 Grad, werden vier dieser fünf Ereignisse „von zunächst nur möglichen zu dann wahrscheinlichen Ereignissen“, wie das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) mitteilt, das an der Überblicksstudie beteiligt war. Fünf weitere würden dann „möglich“. Anzeichen für eine Destabilisierung etwa in Teilen der Eisschilde, in Permafrost-Gebieten, im Amazonas-Regenwald und möglicherweise auch in der atlantischen Umwälzzirkulation gebe es bereits, erklärt der Hauptautor der Studie, David Armstrong McKay vom Stockholm Resilience Centre.

Der Weltklimarat IPCC hatte in seinem letzten Sachstandsbericht von 2021 dargelegt, dass das Risiko des Auslösens von Klima-Kipppunkten bei etwa zwei Grad hoch und bei 2,5 bis vier Grad sehr hoch wird. Die neue Analyse deutet laut PIK nun darauf hin, dass die Erde bereits den „sicheren“ Klimazustand verlassen haben könnte. Die Autor:innen schießen daraus, dass der Paris-Korridor von 1,5 bis zwei Grad nicht ausreicht, um einen gefährlichen Klimawandel vollständig zu vermeiden.

Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen senkt das Risiko einer Eskalation von Klima-Kippunkten

Die Studie liefere starke wissenschaftliche Unterstützung für die Bemühungen, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, da sie zeige, dass das Risiko von Kipppunkten jenseits dieses Niveaus eskaliert. „Um eine 50-prozentige Chance zu haben, 1,5 Grad zu erreichen und damit das Risiko von Kipppunkten zu begrenzen, müssen die weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2030 um die Hälfte reduziert werden, um bis 2050 netto Null zu erreichen“, so das PIK.

PIK-Direktor Johan Rockström, einer der Autoren der Analyse, warnt davor, dass die Welt derzeit auf eine globale Erwärmung von zwei bis drei Grad zusteuere. „Damit ist die Erde geradewegs auf Kurs, mehrere gefährliche Schwellenwerte zu überschreiten, die für die Menschen auf der ganzen Welt katastrophale Folgen haben würden“, sagte er. Um gute Lebensbedingungen auf der Erde zu erhalten, die Menschen vor zunehmenden Extremen zu schützen und stabile Gesellschaften zu ermöglichen, müsse alles getan werden, um das Überschreiten von Kipppunkten zu verhindern. „Jedes Zehntelgrad zählt.“ Tatsächlich erwarten Expert:innen, dass die 1,5 Grad-Grenze bereits in zehn bis 15 Jahren dauerhaft überschritten wird.

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Der Co-Autor der Studie, Tim Lenton, der bereits 2008 an der Definition der Kippelemente beteiligt war, kommentierte, die Liste sei seither deutlich gewachsen, „und unsere Einschätzung des Risikos, das sie darstellen, hat sich drastisch erhöht“. Neben einer radikalen Absenkung der Treibhausgas-Emissionen sei es möglicherweise auch notwendig, sich anzupassen, „um mit Klimakipppunkten fertig zu werden, die wir nicht vermeiden können“. Zudem müssten die Menschen unterstützt werden, die dadurch Schäden erleiden können, so der Direktor des Global Systems Institute an der Universität Exeter im Großbritannien.

Antarktis und Amazonas-Regenwald

Kipppunkte: Weltweit gibt es 16 entscheidende Klimaelemente. Eingeteilt wurden sie in neun Systeme, die das gesamte Erdsystem betreffen, darunter die Antarktis und den Amazonas-Regenwald, sowie weitere sieben Systeme, deren Kippen tiefgreifende regionale Folgen hätte. Zu letzteren gehören der westafrikanische Monsun und das Absterben der meisten Korallenriffe rund um den Äquator.

Zeiträume: Wie lange das Kippen dauert, variiert je nach System zwischen Jahrzehnten und Tausenden von Jahren. So können sich Ökosysteme und Zirkulationsmuster in der Atmosphäre schnell verändern, während der Zusammenbruch von Eisschilden langsamer vonstattengeht, aber zu einem unvermeidlichen Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter führt.

Weitere Indikatoren: Im Vergleich zur ersten Analyse aus dem Jahr 2008 wurden mehrere neue Kippfaktoren wie die Labradorsee und die Ostantarktis hinzugefügt, während das arktische Sommer-Meereis und das große Wetterphänomen El Niño gestrichen wurden. Hier fehlen Belege. Die Kipppunkte stellen wir ausführlich vor auf unserer Themenseite FR|Klima.

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