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Hepatitis B-Viren sind DNA-Viren und können sich ins menschliche Genom integrieren. Das birgt die Gefahr, dass Tumorgene aktiviert werden.
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Hepatitis B-Viren sind DNA-Viren und können sich ins menschliche Genom integrieren. Das birgt die Gefahr, dass Tumorgene aktiviert werden.

Gesundheit

Viren und Entzündungen verursachen Krebs – So kann Aspirin helfen

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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An einer mRNA-Impfung gegen Krebs wird gearbeitet. Experten empfehlen zur Prävention die regelmäßige Einnahme von niedrig dosiertem Aspirin.

  • Zahlreiche Viren können Krebserkrankungen auslösen.
  • Auch chronische Entzündungen gelten heute als eine der Hauptursachen von Krebs.
  • Seit Jahren wird zudem an Vakzinen geforscht, trotzdem ist noch keine „Krebsimpfung“ zugelassen.

Frankfurt – Wie genau entsteht Krebs eigentlich? Es kommt zu Mutationen, Zellen wachsen ungehemmt, das Immunsystem wird der Lage nicht mehr Herr, die Situation entgleist. Aber warum kommt es so weit? Die Wissenschaft weiß über die Mechanismen der Krebsentstehung heute viel mehr als noch vor 15 Jahren. Die genetische Disposition spielt eine Rolle, bei bestimmten Tumorarten auch eine große, insgesamt aber scheint ihr Einfluss nicht übermächtig zu sein. 50 bis 75 Prozent aller Krebserkrankungen wären vermeidbar, sagt Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg (DKFZ).

So können sich vor allem Rauchen, starkes Übergewicht durch ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel, ein zu hoher Alkoholkonsum, Umweltgifte und Infektionen fatal auswirken – insbesondere dann, wenn der Körper ihnen über einen längeren Zeitraum ausgesetzt ist. Es sind Faktoren heterogener Natur und doch gibt es einen gemeinsamen Nenner: Alle führen sie zu entzündlichen Prozessen.

Chronische Entzündungen gelten als eine der Hauptursachen von Krebs

Chronische Entzündungen gelten heute als eine, wenn nicht gar die Hauptursache von Krebs. Das ist ein Grund, warum einige Experten sogar die regelmäßige Einnahme von Aspirin empfehlen – zur generellen Prophylaxe von Krebs, aber auch, um bei einer überstandenen Tumorerkrankung Rezidiven und Metastasen vorzubeugen. Gerade erst hat das National Cancer Institute Maryland, das Nationale Krebsforschungsinstitut der USA, eine Studie veröffentlicht, dass Aspirin bei Brust- und Blasenkrebs ein längeres Überleben bewirken kann.

„Fast jeder Krebs steht in Zusammenhang mit Entzündung, entweder als initialer Treiber oder als Begleitung eines Tumors“, sagt Mathias Heikenwälder, Leiter der Abteilung Chronische Entzündungen und Krebs am DKFZ. Nun muss man sich wegen einer akuten Entzündung im Hinblick auf Krebs aber keine Sorgen machen. Gefährlich kann es allerdings werden, wenn sie nicht mehr abklingt und weiter schwelt. Dann können sich im Milieu solcher chronischen Entzündungen Mutationen bilden. „Es dauert etwa zehn bis 20 Jahre, bis sich aus einem Entzündungsherd Krebs entwickelt“, sagt Heikenwälder.

Zahlen zu Krebserkrankungen

In der EU sterben jährlich sterben mehr als eine Million Menschen an Krebs. Karzinome sind damit bei jedem vierten Todesfall die Ursache. Die EU-Kommission will mit ihrem neuen „Aktionsplan gegen Krebs“ mehr in Forschung und Prävention investieren.

Für die nächsten Jahre rechnen Expertinnen und Experten rechnen weltweit mit einer starken Zunahme der Krebserkrankungen. Ein Hauptgrund: Das Durchschnittsalter in vielen Ländern steigt, mit dem Wohlstand sterben weniger Menschen an Infektionskrankheiten, doch dafür ist Übergewicht als Risikofaktor für Krebs verbreitet.

In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 500 000 Menschen neu an Krebs, vier Millionen leben mit Krebs. 65 Prozent der Krebspatientinnen und -patienten in Deutschland leben fünf Jahre nach ihrer Diagnose noch, das
ist im internationalen Vergleich ein sehr guter Wert. Allerdings ist die Fünf-Jahres-Marke nicht gleichbedeutend damit, dass diese Menschen von ihrem Krebs geheilt sind. Ein Tumor kann auch nach Jahren noch wiederkommen oder Metastasen bilden.

Durch neue Therapien oder Kombinationen von Behandlungen wächst zudem die Zahl derjenigen, die sehr lange mit Krebs leben, ohne geheilt zu sein. Immer häufiger wird Krebs zu chronischen Erkrankungen.

In den neuen EU-Ländern im Osten der Gemeinschaft sterben bedeutend mehr Menschen an Krebs. Nach jüngsten Angaben der Statistikbehörde Eurostat aus 2017 ist Ungarn trauriger Spitzenreiter mit mehr als 340 Krebstoten pro 100 000 Einwohner. Es folgen Kroatien und die Slowakei. Die sieben EU-Länder mit den meisten Krebstoten relativ zur Bevölkerung liegen alle im Osten der Union.

Der häufigste tödliche Krebs in der EU ist Lungenkrebs. Er ist die Todesursache bei jedem vierten männlichen und fast jeder siebten weiblichen Krebstoten. Bei Frauen ist der Anteil der Todesopfer durch Brustkrebs mit 17 Prozent aber noch höher. Darmkrebs ist bei zwölf Prozent der Krebstoten beider Geschlechter die Ursache.

Krebs: Tabakkonsum, Umweltgifte und starkes Übergewicht lösen Entzündungen aus

Und nicht nur Infekte oder Verletzungen lösen Entzündungen aus, sondern auch Tabakkonsum, Umweltgifte oder starkes Übergewicht: Bei Fettleibigkeit gerate der gesamte Körper in „Alarmbereitschaft“, erläutert Heikenwälder. Es bildeten sich schädliche Stoffwechselprodukte, zu viel Müll sammele sich an. „Der gesamte Körper verändert sich.“ Das habe Auswirkungen auf die Hormone (relevant unter anderem für das Brustkrebsrisiko), auch der Zytokinspiegel erhöhe sich. Zytokine sind Proteine, die von Zellen des Immunsystems gebildet werden und etwa auch bei schweren Verläufen von Covid-19 Gewebe schädigen können. Eine gestörte Darmflora kann einer Krebsentstehung langfristig möglicherweise ebenfalls förderlich sein.

Als „Paradebeispiel“ für eine Tumorerkrankung als Folge einer chronischen Entzündung nennt Heikenwälder Leberkrebs. Dieser könne sich durch eine jahrelang bestehende Hepatitis bilden, aber auch aus einer Fettleber resultieren. Eine bedrohliche Diagnose, denn nur 17 Prozent der Patientinnen und Patienten leben nach fünf Jahren noch. „In den USA ist Leberkrebs die am stärksten zunehmende Krebserkrankung“, sagt der Forscher. Die vermutete Ursache: Jeder dritte Mensch in den USA hat eine Fettleber.

Tägliche Dosis Aspirin eignet sich zur Prophylaxe von Krebsarten

Um Krebsarten, die durch Übergewicht und Fettleber begünstigt werden, vorzubeugen, wäre es am sinnvollsten, die Ernährung dauerhaft umzustellen. Weil das nicht jeder packt, empfiehlt Heidenwälder alternativ, zweimal die Woche einen Diättag einzulegen. Und er rät unabhängig davon zu einer antientzündlichen Therapie mit einer täglichen geringen Dosis Aspirin. Das Medikament eigne sich zur Prophylaxe von Krebsarten in regenerativem Gewebe wie dem Darm oder der Leber, zudem gebe es Anzeichen präventiver Effekte im Hinblick auf Brustkrebs.

Niedrig dosiertes Aspirin soll eine präventive Wirkung haben, weil es entzündungshemmend ist.

Autoimmunkrankheiten und chronisch gewordene Infekte können ebenfalls zum Nährboden für Krebs werden – vor allem dann, wenn sie regenerative Gewebe wie die Schleimhäute betreffen. Für entzündliche Gelenkerkrankungen wie Rheuma gilt das deshalb nicht. Zu den Krankheiten, die ein potenzielles Krebsrisiko bergen, gehören etwa Colitis als nicht infektiöse chronische Darmentzündung, eine dauerhafte Besiedelung des Magens durch Helicobacter oder eine nicht auskurierte Hepatitis.

Bei Helicobacter pylori handelt es sich um ein Bakterium, häufiger jedoch sind Viren die Übeltäter, die zu Krebs führen können. Das tun sie entweder direkt oder indirekt über eine chronische Entzündung, erklärt Ralf Bartenschläger, Leiter der Abteilung Virus-assoziierte Karzinogenese am DKFZ. Der direkte Weg sieht so aus: „Viren können sich ins Genom der Wirtszellen integrieren. Von dort aus können sie Zellen zur Teilung anregen, Tumorgene aktivieren oder Tumorsuppressorgene inaktivieren“, erklärt Bartenschläger. (Letztere sind Gene, deren Funktion darin besteht, bösartiges Wachstum zu unterdrücken.)

Für acht Viren ist ein Zusammenhang mit Krebs nachgewiesen

  • Epstein-Barr-Virus : Das DNA-Virus aus der Familie der Herpesviren verursacht Pfeiffersches Drüsenfieber und kann langfristig zu Hodgkin, einigen Non-Hodgkin-Lymphonen (bösartigen Erkrankungen des lymphatischen Systems), Magenkrebs und Tumoren im Nasen-Rachen-Bereich führen. Übertragen wird es meist durch Schmier- oder Tröpfcheninfektion.
  • Hepatitis B- und C-Virus : Beide Viren infizieren die Leber und können Leberkrebs begünstigen. Das B-Virus ist ein DNA-Virus und wird hauptsächlich über Blut und Sexualverkehr übertragen. Hepatitis B heilt bei 90 Prozent der Patientinnen und Patienten von selbst aus, bei zehn Prozent wird sie allerdings chronisch. Laut Bartenschläger sind zehn Prozent der Hepatitis-B-Kranken auch mit Hepatitis D infiziert, er geht aber davon aus, dass die Dunkelziffer höher ist. Eine kurative Therapie gibt es bis heute nicht, wohl aber eine Impfung, die vor Hepatitis B und D gleichermaßen schützt. Beim Hepatitis C-Virus, einem RNA-Virus, ist es umgekehrt. 80 Prozent der Infektionen werden chronisch. Anstecken kann man sich über Blut und andere Körperflüssigkeiten. Es gibt keine schützende Impfung, aber ein hoch wirksames Medikament.
  • Humanes Herpes-Virus 8: Verbleibt dieser Erreger im Körper, kann er mit der Zeit zum Kaposi-Sarkom (Krankheitsbild: Tumore auf der äußeren Haut und den Schleimhäuten) und einigen Formen von Lymphomen führen. Die Übertragung dieses DNA-Virus geschieht über Speichel und andere Körperflüssigkeiten.
  • Humanes Papillomvirus : Menschenwürdig Papillomviren sind DNA-Viren, die Warzen verursachen, bei genitalen Papillomviren im Intimbereich. Die meisten sind lästig, aber harmlos. Einige Humane Papillomviren können aber zu Gebärmutterhalskrebs sowie Tumoren an Penis, Anus und im Mundraum führen.
  • Humanes Immundefizienz Virus (HIV) : Bei einer unbehandelten Infektion löst das Retrovirus meist Jahre nach der Ansteckung Aids aus, zum Krankheitsbild können das Kaposi Sarkom und Non-Hodgkin-Lymphome gehören.
  • Humanes T-Zell-Lymphotropes-Virus 1 : Es handelt sich wie beim HI-Virus um ein Retrovirus, dessen RNA in DNA umgeschrieben und ins menschliche Genom integriert wird. Auch die Hauptübertragungswege sind gleich: Sexualverkehr und Blut. Der Erreger kann T-Zell-Leukämie und Lymphome auslösen.
  • Merkelzellpolyomavirus : Dieses erst 2008 entdeckte Onkovirus mit DNA als Erbgut ist nicht infektiös. Es kann einen sehr seltenen, aber sehr aggressiven Hautkrebs verursachen.

Gegen viele dieser Viruserkrankungen sind in den vergangenen Jahrzehnten Impfungen und wirksame Medikamente entwickelt worden. So kann man sich mit Vakzinen gegen Hepatitis B und D sowie gegen humane Papillomviren schützen. Ein großer Erfolg der Forschung war auch das 2015 auf den Markt gebrachte Medikament gegen Hepatitis C, mit dem sich die Krankheit laut Bartenschläger bei 95 Prozent der Patientinnen und Patienten heilen lässt. Auch eine Infektion mit HIV bedeutet kein Todesurteil mehr, sondern lässt sich mit Medikamenten zumindest soweit in Schach halten, dass Infizierte eine normale Lebenserwartung haben.

Wie sieht es mit der Impfung gegen Krebs aus?

Kommt irgendwann auch eine Impfung gegen Krebs? Seit Jahrzehnten träumen Menschen von dem einem Mittel, das vor der gefürchteten Krankheit schützt. Doch je weiter die Forschung vorangeschritten ist, desto stärker verfestigt sich die Erkenntnis, wie individuell und heterogen Krebsleiden sind. Das Prinzip „one fits all“ – eines passt für alles – hat die Mehrheit der Expertinnen und Experten als Ziel deshalb aufgegeben.

Dennoch hoffen viele auf eine personalisierte „Impfung“, die zwar nicht wie ein klassisches Vakzin vor Krebs schützen kann, aber Tumore so personalisiert wie nie zuvor bekämpfen soll. Eines der Stichworte lautet mRNA, eine Technologie, die es durch die neuen Impfstoffe gegen Covid-19 zu Bekanntheit auch außerhalb wissenschaftlicher Kreise gebracht hat. Bei Krebs würde nicht der Baulplan für ein Virusprotein eingeschleust, sondern der für ein Tumorprotein, das der Körper wie bei der Covid-Impfung selbst herstellen soll. So will man das Immunsystem scharf machen, um den Krebs gezielt attackieren zu können.

In Deutschland arbeiten wie bei den Covid-Vakzinen die Firmen Curevac und Biontech an mRNA-Impfstoffen. Ein großer Vorteil dieses Verfahrens sei, dass man auch bei Krebs für verschiedene Patient:innen in kurzer Zeit individuelle Impfstoffe herstellen könnte, sagt Niels Halama, Leiter der Abteilung Translationale Immuntherapie beim DKFZ.

Individuelle Krebsimpfung: Schwieriger zu realisieren als Corona-Vakzin

Ein individuelles Krebsvakzin – das klingt bestechend und scheint doch weitaus schwieriger zu realisieren sein als ein Impfstoff gegen das Coronavirus. Obwohl schon seit mehr als zehn Jahren daran geforscht wird, ist noch keine „Krebsimpfung“ zugelassen. Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gelehrt, dass neue Therapien oft Fortschritte für einzelne Tumorarten bieten, aber nicht den alles ändernden Durchbruch bringen. Viele sind zu Bausteinen geworden, die dazu beitragen, die Erkrankung bei mehr Patientinnen und Patienten heilen, aufhalten oder bremsen zu können. Wenn der mRNA-Impfung bei Krebs ähnliches gelingen könnte, wäre schon viel erreicht. (Pamela Dörhöfer)

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