In den armen Ländern Afrikas haben viele Menschen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. 
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In den armen Ländern Afrikas haben viele Menschen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung.

Gastbeitrag

Krankheit als Folge sozialer Ungleichheit

  • vonMichael B. Krawinkel
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  • Andreas Wulf
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Globale Gesundheit benötigt ein breites Verständnis der Ursachen von medizinischen Problemen.

Global angelegte und auch international verabschiedete gesundheitspolitische Grundkonzepte sind nicht neu, aber sie sind bis heute nur in Ansätzen und nicht breit implementiert. Das alte Konzept der „Primary Health Care“ (PHC), an das sich 2018 nach 40 Jahren nur noch gut informierte Fachkreise und die Weltgesundheitsorganisation WHO erinnern, hatte schon ein umfassendes Verständnis von Gesundheit über das engere Krankenversorgungssystem hinaus. Es ließ sich nicht auf das Therapieren von Krankheiten und die Bekämpfung einzelner Epidemien beschränken, scheiterte aber an mangelndem politischen Willen. Denn Teilhabe an Gesundheitsplanung oder die Wahrnehmung und das Einfordern des Rechts auf Gesundheit – immerhin als Menschenrecht im Artikel 12 der Internationalen Vereinbarung zu Wirtschaftlichen, Sozialen und Kulturellen Rechten der Vereinten Nationen anerkannt – erschien den politisch Mächtigen immer wieder als nachgeordnet und bisweilen gar aufrührerisch und gefährlich.

Die von zahlreichen deutschen Nichtregierungsorganisationen, Sozial- und Berufsverbänden und Wissenschaftler*innen getragene Deutsche Plattform für Globale Gesundheit (www.plattformglobalegesundheit.de) hat 2019 Empfehlungen für die sich in Arbeit befindende Globale Gesundheitsstrategie der Bundesregierung erarbeitet. Darin fordert sie, dass die globale Gesundheitsstrategie an dem Ziel ausgerichtet sein sollte, Bedingungen zu schaffen, die ein gesundes Leben ermöglichen und gesundheitliche Ungleichheit verringern. Weiterhin sollen Maßnahmen in allen Politikbereichen einer Beurteilung ihrer Wirkungen auf die Gesundheit unterzogen werden. Die Empfehlungen knüpfen an das Konzept „Primary Health Care“ von 1978, die „Health for All“-Kampagne der 1990er Jahre und dem „Health in all Policies“-Konzept der WHO an.

Globale Gesundheit – und damit ist global sowohl im Sinne von umfassend als auch alle Staaten betreffend gemeint – wird primär von nationalen Regierungen umgesetzt und gestaltet. Die WHO wirkt normgebend und technisch unterstützend, wo es ihr die Mitgliedstaaten durch gemeinsame Resolutionen, die Mitgliedsbeiträge und Programmfinanzierungen mandatieren. Zunehmend können die Aufgaben nur durch private Spenden ermöglicht werden.

Die Verantwortung für Gesundheit liegt aber primär bei den Regierungen, und die Zivilgesellschaft kann Rechenschaft einfordern, drängen und kompetent unterstützen, aber mit Ausnahme begrenzter Hilfsprojekte oder Projekte zur Selbsthilfe kaum gestalten. Ein wichtiger Akteur ist heute das „People’s Health Movement“ (PHM). Diese Bewegung gibt unter anderem. einen alternativen Weltgesundheitsbericht heraus, der politische, ökonomische und soziale Determinanten der Gesundheit beleuchtet, die in den Berichten der WHO unzureichend berücksichtigt werden; vor allem wird auch die Gesundheitspolitik der globalen Akteure kritisch analysiert. Nach der Schwerpunktverlagerung der WHO von menschenrechtlich orientierter und bevölkerungsbezogener Gesundheitspflege hin zur Dominanz von kurativen und einzelnen präventiven Interventionen, wie zum Beispiel Impfprogrammen, Malariabekämpfung und Stillförderung setzt sich das PHM stetig und engagiert für ein breiteres Verständnis der Ursachen von Krankheit und des Scheiterns von punktueller Krankheitsbekämpfung ein. Politisch geht es darum, das Verständnis von Gesundheit und Krankheit als sozial bedingten Phänomenen zu vertiefen.

Die Deutsche Plattform für Globale Gesundheit hat diesen Ansatz auch auf den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Klimawandel übertragen und fordert einen schnellen Übergang zu CO2-neutraler Wirtschaft und Gesellschaft durch einen sozialverträglichen Kohleausstieg, Abgaben auf fossile Energien und den Abbau klima- beziehungsweise umweltschädlicher Subventionen sowie die Verwendung frei werdender Mittel für Klimaschutz und Gesundheit sowie die finanzielle und technologische Unterstützung ärmerer Länder, damit sie den auf Umweltzerstörung und fossiler Energiegewinnung beruhenden Entwicklungspfad vermeiden. Die Bundesregierung sollte Global Health nicht primär als Chance für (deutschen) Technologie-Export sondern als Gesundheitsschutz der menschlichen Zivilisation und ihrer natürlichen Ressourcen verstehen, wie dies auch in dem Health in All Policies-Konzept zum Ausdruck gebracht wird.

Zur Sache und zu den Personen

Michael Krawinkel ist Kinderarzt und Ernährungswissenschaftler; er war von 1999 bis 2016 Professor an der Universität Gießen. Seit einem Engagement im Südsudan von 1981 bis 83 im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit ist sein Schwerpunkt die globale Gesundheit und Ernährung.

Andreas Wulf ist Arzt und arbeitet seit 1998 bei medico international. Dort war er als Projektkoordinator für  globale Gesundheit und internationale Gesundheitsnetzwerke zuständig. Aktuell ist Andreas Wulf der Berlin Repräsentant von medico international.

Der Global Health Hub Germany verleiht am Montag, 13. Januar, die Preise seines Ideenwettbewerbs „Neue Ideen für Globale Gesundheit“. Eine Fachjury hat drei Teams als Preisträger ausgewählt. Sie erhalten die Auszeichnung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Nach der Preisverleihung werden die Teams ihre Projektideen vorstellen.

Die Veranstaltung beginnt um 17.30 Uhr im Atrium des Bundesministeriums für Gesundheit, Friedrichstraße 108 in Berlin. Im Anschluss an die Preisverleihung findet dort der Neujahrsempfang des Global Health Hub Germany statt. pam

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