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Wie kommt das Bakterium ins Futter? Futter-Silos und Biogasanlagen stehen unter Verdacht.

Chronischer Botulismus

Krankes Vieh, kranke Bauern

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Verdrängte Gefahr im Futter: Ein Bakterium, das chronischen Botulismus verursacht, kann ganze Rinderherden dahinraffen. Es gefährdet auch die menschliche Gesundheit.

Heinrich von Kleist hätte die Geschichte des Bauern Klaus Wohldmann erzählen können. Sie erinnert an seinen „Michael Kohlhaas“, nur hat sich Wohldmanns Geschichte rund 500 Jahre später zugetragen. Sie handelt vom Verlust seiner Existenz, von behördlicher Willkür und dem vergeblichen Versuch, sein Recht vor Gericht zu erstreiten.

Klaus Wohldmanns Geschichte begann auf einer überschwemmten Wiese bei Baumgarten in Mecklenburg. Im Februar 2002 trat die Warnow über die Ufer und überschwemmte die Niederungen beidseits des Flusses, Wiesen, die Klaus Wohldmann zur Futtergewinnung für seine Rinder dienten. Erst im Mai zog sich das Wasser zurück und die Silage, das Futter für die Rinder auf dem Hof, wurde geerntet. Die Qualität war schlecht, das hatte die Kontrolle der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt LUFA ergeben, aber die Silage war nicht unbrauchbar. Als Wohldmann im August mit der Verfütterung begann, wurden seine Rinder krank.

Es gab Totgeburten, die Kälber hatten Durchfall, die Rinder bewegten sich nur noch zögerlich, wurden immer schwächer und konnten sich schließlich nicht mehr aufrichten. „Es war ein elendes Bild“, sagt Wohldmann. Der Hoftierarzt war ratlos. Es wurde ein Termin mit dem Rindergesundheitsdienst der Tierseuchenkasse vereinbart. Zu diesem Zeitpunkt war bereits die Hälfte des Viehbestands erkrankt.

Das Gift tötet langsam

Trotzdem hätte man ihnen noch helfen können, sagt Wohldmann, wenn die Amtstierärzte die richtigen Schlüsse aus den Befunden gezogen hätten, die das Göttinger Clostridien Center (GCC) erstellt hatte: eine hochgradige Belastung des Betriebs mit Chlostridium Botulinum. Das Nervengift, dass dieses Bakterium ausscheidet, Botulinum-Toxin, kennt man seit Langem. Der akute Botulismus ist eine auch für den Menschen lebensbedrohliche Vergiftung, ausgelöst durch verdorbene Lebensmittel, in denen sich Botulinum-Toxin gebildet hat.

In der Landwirtschaft stehen Futtersilos und Biogasanlagen unter Verdacht, Botulinum-Brutstätten zu sein. Auf dem Hof von Klaus Wohldmann tötete das Gift langsam – die Kühe, die Katzen, den Hund. Bald zeigten sich auch bei Wohldmann ähnliche Symptome wie bei seinen Tieren. Er wurde schwächer. Schließlich erkrankte die Familie. Seine Frau, die zur Zeit des Ausbruchs der Krankheit auf dem Hof hochschwanger war, brachte ein schwer körperlich und geistig behindertes Kind zur Welt. Derweil stritten die Sachverständigen weiter über die Ursachen. Die Tierärztin vom Rindergesundheitsdienst in Rostock diagnostizierte chronischen Botulismus. Die Amtstierärztin aber wollte davon nichts wissen. Und in ihrem Unglauben, dass es sich bei den Krankheitsfällen auf dem Wohldmann-Hof um chronischen Botulismus handeln könnte, sah sich die Amtstierärztin einig mit so ziemlich allen zuständigen Behörden. Man kennt das Phänomen, will aber nicht von einem Krankheitsbild sprechen.

Impfung nur im Ausnahmefall

Inzwischen sind oder waren laut Schätzungen über 2000 Betriebe in Deutschland von chronischem Botulismus betroffen. Auf der einschlägigen Seite des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) findet sich der Hinweis, es werde seit einiger Zeit von einem chronisch verlaufenden Krankheitsbild in Rinderbeständen berichtet, „das einige Experten als spezielle Form des Botulismus ansehen und als (chronischen) visceralen Botulismus bezeichnen“. Eine Ansteckungsmöglichkeit für den Menschen werde diskutiert. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz erklärt dagegen, der wissenschaftliche Nachweis, dass es diese Krankheit überhaupt gibt, sei nicht erbracht. Chronischer Botulismus ist für das Ministerium bislang nur „eine Hypothese“.

Für Klaus Wohldmann und viele andere Bauern, die von der Krankheit betroffen waren oder sind, hat das erhebliche Konsequenzen. Man hält ihnen vor, die Erkrankung ihres Viehs sei auf mangelhafte Tierhaltung zurückzuführen. Sie seien mithin selbst schuld. Und man verweigert ihnen Hilfe. Die Tiere könnten geimpft werden, was in Deutschland aber nur in Ausnahmefällen und auf Anordnung des Amtstierarztes geschehen darf. Dem Bundesministerium fehlen die „fachlichen und rechtlichen Kriterien zur Einführung einer Anzeige und Meldepflicht für chronischen Botulismus“.

Kassen leugneten die Krankheit

Als Tierseuche ist die Krankheit nicht anerkannt. So will auch die Tierseuchenkasse keine Entschädigung zahlen. Auch bei Wohldmann war das der Fall. Die Tierseuchenkasse lehnte eine Ausgleichszahlung im November 2003 ab. Seine private Versicherung sah sich nicht zuständig. Diverse Tierärzte, die Landwirtschaftsbehörde, der Bauernverband, das Ministerium – alle sind sich einig, dass es die Krankheit, an der Wohldmann, seine Familie und seine Rinder litten, nicht gibt. Die Familie kapitulierte 2005. Sie verließ den Hof, ohne ein Möbelstück mitzunehmen. „Ich habe alles verbrannt“, sagt Wohldmann. Geblieben sind 250.000 Euro Steuerschulden.

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