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Verblasst: Korallenbleiche vor den Inseln der Malediven im Indischen Ozean.

Riffe

Korallenkiller Stickstoff

US-Forscher finden heraus: Für den Niedergang der Riffe sind nicht allein die steigenden Wassertemperaturen verantwortlich.

Korallenriffe rund um den Globus sterben mit alarmierender Geschwindigkeit ab. Dabei ist es nicht nur die Erderwärmung, die die Ökosysteme bedroht. Vielmehr trägt auch Stickstoff aus Abwässern und Düngemitteln zur sogenannten Korallenbleiche und dem Absterben der Korallen bei. Das berichten Forscher um Brian Lapointe von der Florida Atlantic University in Fort Pierce im Fachblatt „Marine Biology“ nach einer Langzeitstudie.

Korallenriffe zählen zu den wichtigsten küstennahen Lebensräumen der Ozeane, wo sie unterschiedlichen Meeresbewohnern Schutz und Nahrung bieten. Schon 2017 warnten die Vereinten Nationen, dass ein Großteil der bedeutendsten globalen Riffe bis zum Ende des Jahrhunderts zerstört sein könnte, sollten die CO2-Emissionen nicht drastisch verringert und die Erderwärmung begrenzt werden.

Die Langzeitstudie legt nun nahe, dass nicht nur steigende Wassertemperaturen das Korallensterben verursachen. Eine genauso große Rolle spielt Stickstoff (N) aus unterschiedlichen Quellen – etwa durch Düngemittel, unsachgemäße Entsorgung von Abwasser und Erosion der obersten Bodenschichten. Im Meer kann Stickstoff demnach auch bei eher niedrigen Temperaturen Korallenbleiche verursachen. Bei einer derartigen Bleiche sterben die winzigen Algen – sogenannte Zooxanthellen – ab, die in Symbiose mit Steinkorallen leben. Zurück bleiben die bleichen, leeren Korallenskelette.

Die Forscher um Lapointe untersuchten das Zusammenspiel von Korallenbleiche, Algenkonzentration und Stickstoffbelastung am Riff Looe Key in den Florida Keys. Dafür werteten sie Daten aus den Jahren 1984 bis 2014 aus, nahmen Wasserproben, untersuchten den Zustand der Korallen und analysierten Proben von Makroalgen. Zudem überprüften sie Salzgehalt, Temperatur und Nährstoffgefälle des Meerwassers zwischen den Everglades – dem Marschland im Süden von Florida – und dem Riff bei Looe Key.

Die Analyse ergab, dass die Korallenbedeckung im Looe Key-Schutzgebiet von 1984 bis 2008 von knapp 33 Prozent auf weniger als sechs Prozent schrumpfte. Besonders stark war der Rückgang zwischen 1985 und 1987 sowie zwischen 1996 und 1999. Dies erklären die Forscher mit besonders heftigen Niederschlägen in dieser Zeit und entsprechend hohem Wasserabfluss aus den Everglades. Obwohl sich der Abfluss seither reduzierte, habe sich die Wasserqualität nicht wieder vollständig erholt.

Der Abfluss spüle viele Nährstoffe, insbesondere Stickstoff, ins Meer und verändere in den Mikroalgen das Verhältnis zwischen Stickstoff und Phosphor, schreibt das Team. Demnach setzt das Stickstoff-Überangebot den Zooxanthellen zu und schädigt auch die Korallen selbst.

„Unsere Ergebnisse liefern zwingende Belege dafür, dass die menschlich verursachte Stickstoffbelastung der Florida Keys und der Everglades anstelle der Erwärmung der Hauptgrund für die Schädigung der Korallenriffe im Looe Key-Schutzgebiet ist“, wird Lapointe in einer Mitteilung seiner Universität zitiert.

„Die gute Nachricht ist, dass wir etwas gegen das Stickstoffproblem tun können, etwa durch bessere Abwasserbehandlung und weniger Düngemittel“, betont Lapointe. Dazu gehöre etwa die Fertigstellung einer zentralen Abwassersammlung und die Einrichtung fortschrittlicher Kläranlagen für die 75 000 Bewohner und jährlich etwa 3,8 Millionen Touristen der Florida Keys. Nicht zuletzt sei der

Erhalt der Riffe auch ein Wirtschaftsfaktor, brächten diesedoch jedes Jahr mehr als 8,5 Milliarden US-Dollar (etwa 7,5 Milliarden Euro) und über 70 000 Arbeitsplätze für die lokale Wirtschaft.

Dass eine Regenerierung von Korallenriffen möglich ist, zeigt den Forschern zufolge die zu den Niederlanden zählende Insel Bonaire in der südlichen Karibik. „Die Korallenriffe beginnen sich nach dem Bau einer neuen Kläranlage im Jahr 2011 zu erholen, durch die die Stickstoffbelastung aus Klärgruben erheblich gesenkt wurde“, erläutert Lapointe.

„Zieht man den Klimawandel als einzigen Grund für das weltweite Korallensterben heran, wird der kritische Punkt übersehen, dass auch die Wasserqualität eine Rolle spielt“, ergänzt Ko-Autor James Porter. „Während Gemeinden in der Nähe von Korallenriffen wenig tun können, um die globale Erwärmung zu stoppen, können sie viel tun, um den Stickstoffabfluss zu verringern.“ (Alice Lanzke, dpa)

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