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Kinder können sich glücklich schätzen, wenn sie überhaupt noch von qualifizierten Lehrkräften unterrichtet werden.

Schulen

Konsequent bergab

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Auch im neuen Schuljahr nehmen die Bildungsminister in Kauf, dass ihre Schulen schlechter werden.

Das neue Schuljahr hat begonnen, aber es sieht 18 Jahre nach dem Pisa-Schock keineswegs besser aus, was die Qualität der deutschen Schulen anbelangt. Warum? Die Inklusion war gut gemeint, aber die Integration der Kinder mit Behinderung ist komplett gescheitert; der hehre ideologische Anspruch wurde mit Sparkonzepten unterlaufen; Deutschland bräuchte für ein Gelingen sechsmal so viele Sonderschullehrer wie heute sowie deutlich geringere Klassenfrequenzen, um das hinzukriegen, was Förderschulen zuvor wesentlich erfolgreicher schafften. Niedersachsen hat daraus als erstes Bundesland die Konsequenzen gezogen und den noch vorhandenen Sonderschulen eine Bestandsgarantie gegeben.

Die Integration von Migrantenkindern, deren Zahl rasch wächst, ist ebenfalls weitgehend gescheitert, jedenfalls dort, wo es mehr als 30 Prozent von ihnen in den Klassen gibt. Auch hierbei mangelt es nicht nur an entsprechender Ausstattung, an deutlich geringeren Klassenfrequenzen (höchstens 18 Kinder pro Klasse, davon höchstens sechs Migrantenkinder), sondern es fehlt vor allem die nötige Zahl an Lehrkräften mit einem interkulturellen Zusatzstudium und solchen mit der Kompetenz „Deutsch als Zweitsprache“.

Das Hauptproblem ist jedoch zu Beginn des neuen Schuljahres der Mangel an vollausgebildeten Lehrkräften: Bundesweit konnten 10 000 vorhandene Stellen überhaupt nicht besetzt werden und 25 000 nur mit Quereinsteigern aus anderen Berufen, die zwar einen Master- oder Diplomabschluss vorweisen müssen, aber kein Lehramtsstudium absolviert haben. Sie wurden durchweg in siebentägigen Kursen kurzqualifiziert, bekommen dennoch bis zu 5000 Euro brutto im Monat, haben offenbar auch Lust auf den Lehrerberuf, sind aber nach Auffassung der Schulleiter, die ich bei Fortbildungen befragt habe, zu etwa 70 Prozent ungeeignet. Das gilt insbesondere für diejenigen, die an Grund- und Berufsschulen landen, und für diejenigen, die in Brennpunktschulen unterkommen.

Meidinger schlägt Alarm

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Hans-Peter Meidinger, schlägt Alarm und warnt zugleich, dass die guten Lehrer sich durchweg an guten Schulen einfinden, weil sie wegen ihrer Ausbildung die freie Wahl haben, während Schulen in Problemgebieten dankbar sein müssen, wenn sie überhaupt ein paar schwache Lehrer sowie Quereinsteiger bekommen. Er spricht in Bezug auf die Einstellungspolitik der Bildungsverwaltungen sogar von einer „Versündigung an einer ganzen deutschen Schülergeneration“.

Berlin zahlt Lehrkräften, die bereit sind, in Brennpunktschulen zu unterrichten, mittlerweile 300 Euro pro Monat extra. Inzwischen gibt es einen Wettlauf der Bundesländer um Lehrkräfte, die ihr Studium und ihr Referendariat abgeschlossen haben. Und bei diesem Wettlauf zeigt sich dann, dass sich junge Lehrer, die sowieso schon an gute Schulen wollen, auch lieber in attraktiven Großstädten als auf dem flachen Land bewerben; nach Hannover oder Braunschweig geht man noch, aber nicht mehr unbedingt in den Kreis Lüchow-Dannenberg oder ins Emsland.

Seit langem wird der ewige „Schweinezyklus“ zwischen Phasen des Lehrermangels und solchen der Lehrerarbeitslosigkeit beklagt. Als in den 1970er- und 1980er-Jahren ein dramatischer Lehrermangel bestand, wurde jeder, auch mit der Abschlussnote Vier, eingestellt. Danach folgte eine „Lehrerschwemme“ mit der kaum jemand, auch nicht mit der Abschlussnote Eins, eingestellt wurde, es sei denn, er war bereit in ein Schwarzwalddorf, nach Friesland oder an eine Privatschule zu gehen. Die Folge ist heute, dass es zu wenig gute und zu viele nicht so gute Lehrer gibt.

Im Moment haben vor allem Privatschulen große Probleme, Lehrerstellen zu besetzen, denn sie bezahlen ihre Lehrer traditionell schlechter als der Staat; die angenehmere Arbeitsatmosphäre und der höhere Identifikationsgrad mit dem Schwerpunkt der Schule ziehen nicht mehr so stark wie früher.

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheers (SPD) klagt: „Wir befinden uns in einem Wettlauf um alle Lehrkräfte, die in Deutschland auf Stellensuche sind“. Besonders prekär ist derzeit der Lehrermangel in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin. Um den Beruf attraktiver zu machen, werden überall die Einstiegsgehälter erhöht (so dass in Mecklenburg-Vorpommern junge Lehrer mehr verdienen als ihre Schulleiter). Es werden nicht nur Grundschullehrer in der Besoldung Gymnasiallehrern gleichgestellt (so in Berlin), sondern auch der Beamtenstatus für Lehrkräfte wurde mit Ausnahme Berlins überall wieder eingeführt. Und dennoch werden bis 2025 nach Einschätzung der Bertelsmann-Stiftung allein an Grundschulen, deren Schülerzahl rapide wächst, etwa 35 000 Lehrer fehlen, an allen Schulformen zusammen etwa 105 000. So viele werden übrigens bis dahin gar nicht von den Hochschulen neu ausgebildet.

Spätestens 2014, erst recht aber 2015, hätte die Kultusministerkonferenz (KMK) wissen können, dass die Zunahme von Migrantenkindern Schulen überfordern wird. Dennoch sprach sie damals noch von einem „Lehrerüberschuss“, beschloss aber gegenläufig bereits 2013 das Papier „Gestaltung von Sondermaßnahmen zur Gewinnung von Lehrkräften“, in dem die Rede ist von „Lehrern ohne Lehrbefähigung“. Heute findet die KMK dafür die Ausrede, dass damit nur an Fächer gedacht war, in denen es zu wenige Bewerber gebe, wie Musik, Technik oder Chemie.

Ich habe mehr als 40 Jahre lang an der Universität Hamburg Lehrer ausgebildet. Selbst die allerbesten von ihnen wurden nur selten eingestellt. Sie wanderten in andere Berufe und Metiers ab (Surfschulen, Cafégründer, Taxifahrer, Lektoren), gingen ins Ausland, an eine Privatschule oder in ein Dorf im Schwarzwald, im Vogtland oder im Wendland.

Heute geht es nicht mehr darum, die Besten der Besten für die Zukunft unserer Kinder zu gewinnen, sondern irgendwelche Menschen; das ist etwa so, als würde man einen Sanitäter bitten, eine Herztransplantation durchzuführen. Von den zu diesem Schuljahr befristet neu eingestellten 1240 Lehrkräften Berlins haben nur 153 ein abgeschlossenes Lehrerstudium hinter sich. Mit Lehraufträgen für Studierende, Referendare und Pensionäre hofft der Senat, die Lücken zu schließen – und auch damit, dass man für das Unterrichten an Gymnasien ausgebildete Lehrer an Grundschulen beschäftigt, was Niedersachsen auch macht. Dabei geht es selbstverständlich keineswegs um Unterrichtsqualität.

So konnte die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)“, die im Auftrag des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln 93 schulrelevante Kategorien in allen 16 Bundesländern ausgewertet hat – darunter Schulabbrecherquoten und Sitzenbleiberzahlen – bestätigen, dass Viertklässler im Lesen und im Rechnen schlechter abschneiden als in den Vorjahren. Als Gründe werden dafür genannt: die gescheiterte Inklusion, die nicht gelungene Integration der Migrantenkinder, das Stocken des „Digitalpakts Schule“ – neuerdings konterkariert von Diskussionen um Handy-Verbote an Schulen wie in Frankreich und Bayern und von Warnungen vor der Digitalisierung – , fehlende Bundeskompetenz in Sachen Bildung gegenüber der vorherrschenden „Kulturhoheit der Länder“, also das nach wie vor bestehende „Kooperationsverbot“, sowie eine völlig unzeitgemäße Lehreraus- und -fortbildung. Der Bologna-Prozess hat mit den Bachelor- und Masterstudiengängen zu einer unseligen „Verschulung“ der Lehramtsstudiengänge geführt, lässt aber Qualifikationinputs gegenüber dem Anwachsen der Zahl schwieriger Kinder vermissen.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag ist sein Buch „Die 15 Gebote des Lernens“ erschienen.

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