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Kein bisschen überholt: Wasserkuren nach Kneipp, hier um 1910 in Neumarkt.
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Kein bisschen überholt: Wasserkuren nach Kneipp, hier um 1910 in Neumarkt.

Naturheilkundliche Methoden

„Im Körper gibt es keine Schlacken“

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Der Mediziner Michael Stimpel spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Möglichkeiten, Grenzen und auch Risiken naturheilkundlicher Methoden.

Herr Professor Stimpel, Sie haben in Püttlingen die Deutsche Klinik für Naturheilkunde und Präventivmedizin aufgebaut und geleitet, haben neben einer Professur für Innere Medizin an der Uni Köln auch einen Lehrauftrag für Naturheilkunde an der Universität des Saarlandes. Sind Sie ein Verfechter naturheilkundlicher Methoden?
Von Haus aus bin ich Internist mit dem Schwerpunkt Herz-/Kreislauferkrankungen, Kardiologe. Ich habe die meiste Zeit meines bisherigen beruflichen Lebens als Schulmediziner gearbeitet. Viele Patienten leiden unter chronischen Erkrankungen, auf die jedoch kein etablierter Fachbereich richtig passt. Sie würden vielmehr von einer Medizin profitieren, die Schulmedizin, Verhaltensmedizin und eben auch naturheilkundliche Verfahren zu einem therapeutischen Gesamtkonzept vereint. Ein solches Fach ist die „Integrative Medizin“, die mittlerweile an allen großen Kliniken der USA insbesondere für Patienten mit chronifizierten Leiden anzutreffen ist. Ich selber bin ein großer Fan der vernünftigen klassischen Naturheilkunde und lebe deren Inhalte zu großen Teilen auch selbst.

Was genau verstehen Sie unter klassischer Naturheilkunde?
Naturheilkunde ist ein schwammiger Begriff, da gibt es häufig Missverständnisse. Die klassische Naturheilkunde in Mitteleuropa ist die Lehre nach Sebastian Kneipp. Sie umfasst als Säulen die Bewegung, die Ernährung, die Kräutertherapie, die Wärme-Kälte-Therapie mit den bekannten Wasseranwendungen und die Ordnungstherapie, die – modern ausgedrückt – auch als Verhaltensmedizin bezeichnet werden kann und eine die Gesundheit erhaltende Lebensführung empfiehlt. Kneipp’s Lehre fasst die Erfahrungsmedizin unseres Kulturkreises zusammen und beschreibt, resultiert aus der Beobachtung, was Menschen „gut“ tut. Vor allem zur Prophylaxe von Krankheiten ist die Naturheilkunde hervorragend geeignet. Um Erkältungen vorzubeugen, sind beispielsweise kalte Güsse nach Kneipp unschlagbar. Damit sollte man für die kommende Herbst- und Wintersaison jetzt anfangen.

Obwohl viele Menschen von der Naturheilkunde fasziniert sind, scheint aber gerade die Kneipp-Medizin etwas aus der Mode gekommen zu sein.
Ja, leider ist das so – völlig zu Unrecht. Übrigens gibt es ähnliche Therapien wie die Kneipps auch in anderen Kulturen: Ayurveda und die traditionelle chinesische Medizin enthalten in weiten Teilen genau die gleichen Elemente und setzen ebenfalls auf die Aktivierung körpereigener Kräfte. Beide haben zwar noch andere Anteile, die chinesische Medizin etwa die Akupunktur und Ayurveda die meiner Ansicht nach unvernünftige Reinigung des Körpers durch herbeigeführtes Erbrechen, aber insgesamt sind es im Kern nur geringe Unterschiede. Daneben gibt es noch andere Verfahren. Manche Menschen glauben zum Beispiel an die Regeln der Hildegard von Bingen – das ist zumindest ungefährlich.

Was ist mit Bachblüten?
Für mich kein naturheilkundliches Verfahren, sondern die „Heilempfehlung“ eines englischen Arztes, deren Wirksamkeit weder wissenschaftlich belegt werden konnte noch plausibel erscheint. Auch wenn Bachs Annahme, dass jede körperliche Erkrankung auf einem seelischen Konflikt beruht, für die Zeit vor fast 100 Jahren ein interessanter Gedankengang war, so ist sein daraus resultierender Therapieansatz aus meiner Sicht jedoch eher skurril. So empfahl er stark verdünnte Blütenessenzen, die Bachblüten, deren Zusammensetzung auf den Gemütszustand des Patienten abgestimmt wurden, die zu einer Harmonisierung von Körper und Seele und damit zu einer Heilung führen sollten…

Viele Menschen schwören auch auf Homöopathie. Das hat aber nichts mit Naturheilkunde zu tun, oder?
Nein gar nichts, auch wenn es ein verbreiteter Irrglaube ist. Die Homöopathie setzt darauf, Gleiches mit Gleichem zu behandeln, das ist ein ähnliches Prinzip wie bei der modernen Immunologie. Eigentlich ist es eine gute Idee, mit einer feinen Dosierung unser Immunsystem gegen Körperfremdes zu sensibilisieren und zu stimulieren. Aber in der Homöopathie sind die verwandten Inhalte teilweise völlig absurd und die Verdünnungen extrem stark. Das ist in etwa so, als würde man bei Norwegen eine Flasche Bier ins Meer schütten, und dann an der Ostküste der USA aus diesem Ozeanwasser trinken und sich anschließend betrunken fühlen. Aber die Placeboeffekte sind unglaublich stark – und können sich auch auf andere übertragen. Nur mit einer solchen Interaktion zwischen Lebewesen kann ich mir erklären, dass Homöopathie angeblich auch bei Pferden wirken soll.

Was halten Sie davon, wenn Patienten mit schweren Leiden sich naturheilkundlichen Methoden zuwenden?
Viele Patienten informieren sich heute alternativ. Das birgt die Gefahr, dass Krankheiten, die prinzipiell heilbar wären, unbehandelt jedoch schwer verlaufen können, verschleppt werden und am Ende nicht mehr zu therapieren sind. Naturheilkunde kann vor allem bei ernsten Erkrankungen immer nur eine Ergänzung zur Schulmedizin darstellen. Das gilt zum Beispiel auch für die Misteltherapie bei Krebs, über die immer mal wieder berichtet wurde. Dazu gibt es etliche Studien, leider nur wenige, die heutigen Standards an eine beweisgestützte Medizin genügen. Bislang konnte nach diesen Kriterien kein Beweis für eine Lebensverlängerung durch eine Misteltherapie erbracht werden. Wahrscheinlich verbessert sie jedoch die Lebensqualität. Grundsätzlich sollte man als Patient nie etwas auf eigene Faust unternehmen, sondern immer den Arzt informieren. Denn auch pflanzliche Arznei kann Wechselwirkungen eingehen. Alle großen Universitätskliniken sind heute sehr aufgeschlossen gegenüber komplementärmedizinischen Behandlungen, an vielen Kliniken gibt es naturheilkundliche Beratungssprechstunden für Krebspatienten. Immer hilfreich ist eine gesunde Lebensweise nach Kneipp, aber auch sie kann natürlich keine schulmedizinische Behandlung ersetzen.

In Apotheken sind viele naturheilkundliche Medikamente frei erhältlich. Sind sie immer unbedenklich?
Auch pflanzliche Medikamente können viele Nebenwirkungen haben. Das wird oft unterschätzt. So ist etwa Johanniskraut ein wirksames Mittel und den chemisch-synthetischen Substanzen gleichwertiges Mittel gegen leichte bis mittelgradige Depressionen. Aber es hat ein großes Potenzial für Wechselwirkungen und ist deshalb für Menschen, die bestimmte Medikamente einnehmen, nicht zum empfehlen.

Welche pflanzlichen Stoffe können sonst noch eine wirksame Alternative darstellen?
Teufelskralle hilft ähnlich wie Acetylsalicylsäure gegen Schmerzen des Bewegungsapparates, aber eher oberflächlich. Ein wirklich durchgreifendes Medikament ist es nicht. Pfefferminzöl kann bei Kopfschmerzen helfen. Auch die alten Mittel aus der Hausapotheke wie zum Beispiel Thymian bei Husten und Erkältungskrankheiten oder Kamille als „Allheilmittel“, besonders aber bei Beschwerden des Magen/Darmtraktes, können Beschwerden lindern. Ohne Wirkung auf die Prognose einer chronischen Herzmuskelschwäche ist dagegen Weißdorn. Ebenso führt die Einnahme von Gingko nicht zu einer nachweisbaren, geistigen Leistungssteigerung. Beide sind häufig beworbene Mittel. Gegen Schmerzen des Bewegungsapparates helfen übrigens auch Blutegel sehr gut.

Wie funktioniert das?
Bis ins Letzte erklärlich ist das nicht. Der Speichel der Tiere enthält sowohl blutverdünnende als auch entzündungshemmende Stoffe. Blutegel helfen tatsächlich nachhaltig, die Schmerzen zu lindern, selbst bei fortgeschrittener Kniearthrose und auch bei Krampfadern. Auch eine andere alte Methode, das Schröpfen, fördert die Durchblutung und entfernt Entzündungsstoffe.

Auch Diäten werden gegen die verschiedensten Leiden immer wieder angepriesen. Taugt das etwas?
Da ist viel Fragwürdiges im Umlauf: Diäten gegen Krebs etwa oder Diäten, die vermeintliche Pilze im Darm abbauen oder den Säure-Basen-Haushalt wieder ins Gleichgewicht bringen sollen, weil der Körper angeblich übersäuert ist. Das ist alles hanebüchen, aber leider auch ein gutes Geschäft. Laien glauben es dann, weil alles so schön pseudowissenschaftlich erklärt wird. Heilfasten kann ein sinnvoller Einstieg in eine generelle Umstellung des Lebensstils sein, das gebräuchliche Argument des Entschlackens ist allerdings Unsinn. In unserem Körper gibt es keine „Schlacken“.

Worauf führen Sie es zurück, dass sich so viele Menschen von alternativen Methoden angezogen fühlen?
Das hat viel mit Problemen in der Schulmedizin zu tun. Sie ist oft zu einseitig und geprägt von Spezialisten, die keine anderen medizinischen Disziplinen einbinden. Und: Ärzte haben häufig zu wenig Zeit, um mit ihren Patienten zu sprechen. Diese verstehen oft nicht, was der Mediziner mit seinem Fachjargon ihnen erzählt. In naturheilkundlich ausgerichteten Praxen fühlen sie sich dann besser aufgehoben. Dagegen spricht prinzipiell nichts, wenn es sich um fachärztliche Praxen handelt, in denen naturheilkundliche Verfahren komplementär zur Schulmedizin angeboten werden oder der naturheilkundlich arbeitende Arzt über eine fachärztliche Ausbildung verfügt. Leider ist dem nicht immer so: Nicht selten tummeln sich dort schlecht ausgebildete Leute, es werden fragwürdige Verfahren aus Geldmacherei auf Kosten kranker Menschen angeboten. Ich fände es deshalb umso wichtiger, dass Fach „Naturheilkunde/Komplementärmedizin“ und Naturheilverfahren stärker in das Medizinstudium eingebunden werden und zukünftige Ärzte dort bereits über therapeutischer Möglichkeiten, aber auch über Risiken komplementärer Verfahren unterrichtet werden.

Interview: Pamela Dörhöfer

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