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Stolz auf seine Dinosaurier ist Johannes Vogel, der neue Leiter des Berliner Naturkundemuseums.
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Stolz auf seine Dinosaurier ist Johannes Vogel, der neue Leiter des Berliner Naturkundemuseums.

Berliner Naturkundemuseum

Wir können den Rest aller Arten entdecken

Johannes Vogel, der neue Chef des Berliner Naturkundemuseums, spricht im Interview über die Aufgaben und Zukunft seines Hauses in Berlin.

Von Alice Ahlers, Anne Brüning

Wer künftig im Museum für Naturkunde an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte einem großen Mann mit auffälligem Schnauzbart und einer botanisch gemusterten Krawatte über den Weg läuft, der hat ihn vor sich: den neuen Generaldirektor des Hauses. Am 1. Februar beginnt die Amtszeit von Johannes Vogel. Bisher arbeitete der Biologe am Natural History Museum in London. Der 48-Jährige hat schon allerlei Ideen, wie es mit dem beliebten Berliner Museum weitergehen soll.

Herr Professor Vogel, tragen Sie als Botaniker immer so schön blumig gemusterte Krawatten wie heute?

Ich habe eine ganze Sammlung davon. Ich kann zwar nicht jeden Tag ein neues Motiv tragen, aber fast. Bei der Auswahl bin ich eigen. Nur meine Frau darf da mitreden.

Ihre Frau ist ja auch sozusagen familienhistorisch befugt, über Fragen von Flora und Fauna mitzureden. Sie ist die Ururenkelin des britischen Evolutionsforschers Charles Darwin. Wussten Sie das schon, als Sie sich kennenlernten?

Meine Frau Sarah ist auch Biologin. Wir haben uns auf einer Tagung kennengelernt. Ich habe einen Vortrag gehalten und sie saß im Publikum. Anfangs wusste ich aber nichts von ihrem berühmten Vorfahren. Sie trug kein Namensschild. Außerdem hat sie mich angesprochen.

Ziehen Sie mit der ganzen Familie nach Berlin?

Ja, meine Frau und meine beiden Kinder kommen aber erst im Sommer nach, wenn das Schuljahr vorbei ist. Wir freuen uns sehr darauf. Meine Frau hat bisher nach der Maxime von Oscar Wilde gelebt: "Life is too short to learn German." Das ist jetzt vorbei. Nun muss sie doch.

Sie haben 16 Jahre in London gelebt. Nun geht es nach Berlin. Vermissen Sie als Botaniker nicht die Natur, wenn Sie in Großstädten leben?

Ich brauche die Natur zum Leben und irgendwie finde ich immer einen Weg zu ihr. Anfangs habe ich mir von London aus die Freiheit genommen, ausführliche Exkursionen zu machen. In den vergangenen Jahren waren wir mit den Kindern jedes zweite Wochenende auf dem Land. Und Berlin ist ja eine tolle Stadt mit viel Natur drum herum.

"Geplant ist ein Bauprogramm in Höhe von 120 bis 180 Millionen Euro."

Sind Ihre Kinder denn auch so naturverbunden oder sitzen sie lieber vor der Play-Station?

Die sind sechs und acht Jahre alt und spielen noch viel und gerne draußen. Alles, was mit Elektronik zu tun hat, wird bei uns aber auch stark reglementiert. Interessieren tut es sie natürlich auch.

Brauchen Museen denn künftig auch mehr Multimedia, um das Interesse von Kindern zu wecken? Oder sind Skelette und präparierte Tiere allein immer noch spannend genug?

Für den Menschen ist es ganz wichtig, einen direkten Zugang zur Natur durch die Sinne zu haben, weil das die emotionale Bindung herstellt. Das können Computer nicht. Die Kraft des Objekts wird nicht verlorengehen. Aber in naturwissenschaftlichen Projekten ist es natürlich auch gut, moderne Kommunikationsmittel zu nutzen. Am besten ist es, alles miteinander zu verbinden.

Warum ist die Annäherung an die Natur für Kinder so wichtig?

Eines der besten Mittel gegen Stress ist es, sich in der Natur aufzuhalten. Es hält körperlich und geistig gesund. Wenn Kinder nicht genügend in Kontakt mit der Natur sind, kann das schwerwiegende psychologische Folgen haben, Hyperaktivität etwa. Es gibt bereits Forschungsarbeiten über Krankheiten durch Mangel an Natur, Nature Deficit Disorder genannt. Ich möchte hier in Berlin Mensch und Natur wieder zusammenzubringen.

Wie kann Ihr Museum dabei helfen?

Man liebt nur das, was man auch versteht. Heute ist es aber oft nicht mehr so, dass ein Grundverständnis der Natur von Eltern oder Schule vermittelt wird. Im vergangenen Jahr hat die museumspädagogische Abteilung 2?000 Schulklassen zu Besuch gehabt. Insgesamt kommen über 200?000 Kinder jährlich zu uns. Wir können viel bewirken.

Sie sind Professor für Biodiversität. Was ist darunter zu verstehen?

Biodiversität ist alles: vom Ökosystem einer Wiese oder einer Landschaft bis hin zu den Genen in den einzelnen Organismen. In der Forschung geht es darum, wie das alles miteinander zusammenhängt.

Womit haben Sie sich dabei zum Beispiel konkret beschäftigt?

An Mauern, auch in Berlin, gibt es einen kleinen Farn namens Mauerraute. Die Pflanze ist weltweit verbreitet. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass die Population, aus der sie entstanden ist, noch heute in kleinen Gebieten rund ums Mittelmeer zu finden ist. Sie existiert also schon seit zwei bis drei Millionen Jahren und hat die Klimawechsel überlebt. Ein Foto davon gibt es in unserer derzeitigen Sonderausstellung "Biopolis – wildes Berlin" zu sehen.

Werden Sie sich in Berlin weiter mit der Mauerraute beschäftigen, oder welche Schwerpunkte werden Sie setzen?

Zum Forschen werde ich wohl kaum noch kommen. Mir liegt der Wissenschaftsdialog am Herzen. Zusammen mit Soziologen und Erziehungswissenschaftlern möchte ich die besten Wege finden, um mit Menschen über Wissenschaft zu reden. Hier im Haus gibt es bereits Kooperationen mit der Wissenschaftspädagogik der Humboldt-Universität. Ich hoffe, dass wir dieses Haus öffnen können, um die tolle Wissenschaft, die in Berlin gemacht wird, zur Schau stellen zu können. Wir sind das Schaufenster der Wissenschaft.

Wird das Haus bald saniert?

Es gibt zurzeit eine Renaissance der Naturkundemuseen. Viele Länder machen es sich zur Aufgabe, ihre Einrichtungen zu sanieren. Auch in Berlin geschieht etwas. Geplant ist ein mehrphasiges Bauprogramm in Höhe von 120 bis 180 Millionen Euro. Bisher haben wir schon Teile der Ausstellungen saniert und den im Krieg zerstörten Ostflügel wieder aufgebaut.

"Den Sauriersaal finde ich Weltspitze"

Welche Stellung hat das Berliner Naturkundemuseum im weltweiten Vergleich?

Was die Größe der Sammlung angeht, sind wir unter den ersten Zehn. Es gibt drei große Häuser mit mehr als 50 Millionen Objekten – in London, Paris und Washington. Und dann gibt es eine Reihe von Museen mit mehr als 30 Millionen Objekten. Neben Berlin sind das die Sammlungen in Brüssel, Leiden, Chicago, New York und Senckenberg in Frankfurt. Zur Bedeutung eines Hauses trägt aber auch bei, was aus den Sammlungen gemacht wird.

Gibt es Überlegungen, einen Teil der Sammlungsobjekte auszulagern?

Ich halte es für nötig, dass die Sammlungen, an denen aktiv geforscht wird, im Haus sind. Was mit dem Rest passiert, da wäre ich offen. In London haben wir zum Beispiel normierte Sammlungsschränke, in die man die aktuell gebrauchten Stücke einlagern kann. Für den Rest kann es außerhalb ein großes Depot geben. Viele Sammlungen brauchen ein konstantes Klima.

Und das können Sie in dem Bau aus dem 19. Jahrhundert nicht bieten?

Die Zustände sind im Grunde katastrophal mit den Notdächern und anderen Widrigkeiten. Im Winter ist es zu kalt, im Sommer zu heiß. Und die Räume sind nicht luftdicht abgeschlossen, so dass Schadinsekten eindringen können. Ein konstantes Klima lässt sich mit einem Neubau relativ preiswert realisieren. In einem denkmalgeschützten Haus wie hier ist das natürlich aufwendiger. Auch außerhalb wären die Sammlungen ja noch zugänglich.

Auch für die Öffentlichkeit?

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich auch Amateurwissenschaftler mit der Sammlung beschäftigen könnten. Schließlich ist sie ein öffentliches Gut. Für viele Organismengruppen gibt es gerade bei den Amateurwissenschaftlern die besten Experten.

Was waren für Sie umwälzende Erkenntnisse der Naturforschung in jüngster Zeit?

Ich fand die Erkenntnis frappierend, dass in den Ozeanen, auch in der Tiefe so viel Leben ist – mikroskopisch, aber gewaltig. Wir kennen erst knapp 15 Prozent aller Arten auf der Erde, und dafür haben wir 300 Jahre gebraucht. Das ist schon ein bisschen lahm.

Wie kann man den Rest erkunden?

Viele Prozesse der Artenbeschreibung lassen sich heute automatisieren – etwa Untersuchungen durch Gewebeproben, Computertomografen und Lichtmikroskop. So ließen sich die restlichen 85 Prozent relativ schnell entdecken. Ich würde hier in Berlin gerne zusammen mit der deutschen Industrie eine Entdeckungsfabrik der Biodiversität bauen. Dort können bekannte Technologien genutzt werden, um Biodiversitätsforschung zu betreiben und so neue Arten zu entdecken. Das ganze würde vielleicht 20 Milliarden Euro kosten. Ich hoffe, dass eine Nation wie Deutschland sich daran beteiligt. Die Erkenntnisse ließen sich auch kommerziell verwerten. Schließlich sind wir komplett abhängig von der Natur.

Haben Sie schon ein Lieblingsexponat hier im Haus?

Den Sauriersaal finde ich Weltspitze. Er stellt dar, wie ein ganzes Ökosystem zusammengesetzt war. Aber als Vogel muss ich natürlich vor allem den Urvogel Archaeopteryx lieben.

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