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Im Gletschereis schlummert die Gefahr

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Von: Pamela Dörhöfer

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Gletscher in Tibet bilden einen imposanten Anblick – und bergen einige Überraschungen. Getty
Gletscher in Tibet bilden einen imposanten Anblick – und bergen einige Überraschungen. © Getty Images

Ein Forschungsteam aus China findet in Proben aus Tibet fast tausend meist unbekannte Bakterienarten. Durch die Schmelze könnten sie an die Oberfläche gelangen.

Tibet – Die Bilder von schmelzenden Gletschern sind neben dem Verschwinden des Meereises zu einem Symbol für den Klimawandel geworden. Weniger bekannt ist, dass sie in ihren Tiefen eine potenzielle Bedrohung bergen – in Form von Krankheitserregern, die seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden im vermeintlich ewigen Eis eingeschlossen waren. So hat ein Forschungsteam der Chinesischen Akademie der Wissenschaften jetzt 986 verschiedene Bakterienarten in Schnee- und Eisproben gefunden, die von tibetischen Gletschern gesammelt wurden. 98 Prozent dieser Bakterien waren bislang unbekannt.

Ihre Erkenntnisse veröffentlichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fachmagazin „Nature Biotechnology“. Sie äußern darin die Sorge, dass mit der fortschreitenden Schmelze Mikroorganismen an die Oberfläche gelangen und Krankheiten auslösen können.

Klimawandel: Noch sind etwa drei Prozent der gesamten Erdoberfläche mit Eis bedeckt

Eisschilde und Gletscher bedecken etwa zehn Prozent der Landflächen und etwa drei Prozent der gesamten Oberfläche der Erde, sie stellen das mit Abstand größte Süßwasserreservoir dar. Doch steigende Temperaturen lassen Meereis, Permafrost und Gletscher schmelzen, wobei vor allem letztere direkt und schnell auf steigende Temperaturen reagieren. Diese Prozesse bildeten den Hintergrund für die Untersuchungen der chinesischen Forschenden. Sie wollten herausfinden, welche Bakterienarten sich in Gletschern verbergen – und ob sie durch das Auftauen den Weg in andere Regionen finden können.

Zu diesem Zweck sammelten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwischen 2010 und 2016 Schnee- und Eisproben von 21 Gletschern in Tibet. Anschließend brachten sie jede Probe zum Schmelzen und analysierten das Wasser. Das Ergebnis lautete: 968 nahezu sämtlich unbekannten Bakterienarten. Insgesamt fanden die Forschenden mehr als 25 Millionen Bakterien-Gene, die Proteine kodieren. Aus den Daten erstellte das Team einen „Tibetischen-Gletscher-Genom- und Gen-Katalog“.

Vor einem Jahr bereits hatten Forschende der Ohio State University (USA) in Eiskernproben eines tibetischen Gletschers genetisches Material von 33 verschiedenen Virenarten entdeckt, die fast 15.000 Jahre lang eingefroren waren. Auch in diesem Fall waren die meisten bis dato unbekannt, konkret hatte man 28 vorher noch nie gesehen. Laut der im Fachmagazin „Microbiom“ publizierten Studie sollen sie anders sein als viele der heute bekannten Viren.

Klimawandel könnte Viren und Bakterien aus Eis freisetzen

Wenn Schnee und Eis schmelzen, könnten diese Viren und Bakterien mit dem Wasser in Flüsse und Bäche gelangen – und auch in Gebiete, wo Menschen in Kontakt mit ihnen kommen. So speisen die tibetischen Gletscher, deren Proben das chinesische Team untersuchte, mehrere Flüsse, die zu dicht besiedelten Gebieten in China und Indien führen.

Ein Problem besteht darin, dass man noch nicht weiß, ob diese Keime für Tiere und Menschen infektiös sind – und welche Krankheiten sie möglicherweise verursachen. Ein noch größeres Problem könnte darin bestehen, dass heutige Pflanzen, Tiere und Menschen keine Immunität gegen ältere Mikroben besitzen, heißt es in einem Bericht auf dem Wissenschaftsportal phys.org. Eine Folge könne sein, dass Infektionen mit diesen uralten Erregern schwer zu behandeln seien. Das wiederum könnte Epidemien oder sogar Pandemien auslösen.

Das chinesische Forschungsteam schlägt deshalb vor, sofort mit der Untersuchung von Mikroben zu beginnen, die in naher Zukunft von den Gletschern auf der ganzen Welt freigesetzt zu werden drohen, um herauszufinden, ob von ihnen eine Gefahr ausgehen kann. Die Erreger könnten zum Beispiel Tiere anstecken, die im Wasser leben oder die Keime vom Boden aufnehmen. Menschen könnten sich dann bei diesen Tieren infizieren, etwa durch Verzehr oder Kontakt, aber auch, wenn sich etwa Sporen im Fell festgesetzt haben und eingeatmet werden.

Szenario ist kein Alarmismus

Dass solche Sorgen nichts mit Alarmismus oder Lust an Katastrophenszenarien zu tun haben, legt ein Vorfall aus dem Jahr 2016 nahe. Damals infizierten sich mehr als 70 Menschen in Sibirien mit Milzbrand und mussten im Krankenhaus behandelt werden, ein zwölfjähriger Junge starb. In jenem Sommer war es in der Region ungewöhnlich heiß, bis zu 35 Grad Celsius. Fachleute aus Russland vermuteten, dass Sporen des Anthrax-Bazillus (dem Auslöser von Milzbrand) in gefrorenen, unter der Erde liegenden Tierkadavern überlebten, durch die ungewöhnlich hohen Temperaturen an die Oberfläche kamen und dort von weidenden Rentieren aufgenommen wurden. Die Menschen dürften sich wahrscheinlich durch den Verzehr von infiziertem Rentierfleisch angesteckt haben. Eine weitere Verbreitung der hochansteckenden Krankheit ließ sich verhindern, weil die dünn besiedelte Region rasch abgeriegelt wurde und man zehntausende Rentiere vorsorglich geimpft hatte.

Grundsätzlich ist anzunehmen, dass von Bakterien eine größere Gefahr ausgeht. Einmal an der Oberfläche und nicht mehr im gefrorenen Zustand konserviert, dürften Viren schnell unschädlich werden, wenn es ihnen nicht zügig gelingt, einen Organismus zu finden, in dem sie sich replizieren können. Bakterien sind widerstandsfähiger gegenüber Umwelteinflüssen und benötigen anders als Viren keine Wirtszellen, um sich zu vermehren. (Pamela Dörhöfer)

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