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Wenn die Menschheit den Klimawandel aufhalten will, müsste sie bereits viel früher als 2050 klimaneutral werden.

Klimaschutz

Wer erst 2050 klimaneutral sein will, verfehlt das 1,5-Grad-Ziel

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Viele Staaten wollen bis 2050 klimaneutral werden. Dass die Menschheit den Klimawandel so aufhalten kann, ist jedoch unwahrscheinlich. Die Welt müsste dazu bereits viel früher klimaneutral sein.

Die Menschheit hat ihr CO2-Budget noch nicht ganz aufgebraucht, sagt der Weltklimarat IPCC. Wenn sie die Treibhausgasemissionen bis Ende 2030 halbiert und dann bis zum Jahr 2050 auf netto null absenkt, dann hat sie eine Chance von 50 Prozent, die Klimaüberhitzung bei 1,5 Grad zu stabilisieren. Seither wird das Zieljahr 2050 von UN-Chef António Guterres beworben, ist bereits das Ziel von Großbritannien und Frankreich – und auch die Bundesregierung will sich anschließen. Was auf den ersten Blick Hoffnung machen kann, ist in zweierlei Hinsicht problematisch.

Zum einen ist die Münzwurf-Wahrscheinlichkeit von vornherein nicht gerade hoch. Zum anderen ist die Rechnung des IPCC noch optimistisch: Bei seinem CO2-Budget zählt das Wissenschaftlergremium bewusst „bis zu 100 Milliarden Tonnen Kohlendioxid“ nicht mit, die durch die Instabilität von Permafrost-Böden und Feuchtgebieten freigesetzt werden könnten.

Diese „Klimahypothek“ ist kein Pappenstiel. Maximal ausgeschöpft entspricht sie in etwa der Menge an Treibhausgasen, die die gesamte Welt aktuell in zweieinhalb Jahren in die Atmosphäre entlässt. Die genaue Menge ist von vielen Faktoren abhängig und unsicher. Sie auszuklammern, mag deshalb in manchen wissenschaftlichen Fragen sinnvoll sein – aber in der politischen Planung, wenn es um die Zukunft der menschlichen Zivilisation geht?

Es gibt keine allgemein anerkannte Methodik zur Berechnung von CO2-Budgets

Dass dieser Buchhaltungstrick möglich ist, hat einen einfachen Grund: Bislang gab es noch keine allgemein anerkannte Methodik für die Berechnung von CO2-Budgets. Diesen Mangel wollen Forscher um Joeri Rogelj von der britischen Universität Imperial College nun beheben. In einer Studie im Fachmagazin „Nature“ schlagen sie eine Systematik für die Berechnung von CO2-Budgets vor, die alle Faktoren berücksichtigt und so eine „kreative“ CO2-Buchhaltung verhindert.

Die Grundlage aller CO2-Budgets ist der lineare Zusammenhang zwischen den kumulierten Emissionen seit Beginn der industriellen Revolution und der Erwärmung. Um das verbleibende Budget zu berechnen, müssen aber weitere Faktoren berücksichtigt werden, etwa die Emissionen von anderen Treibhausgasen wie Methan oder Lachgas.

Um zu demonstrieren, wie ihre Budget-Systematik funktioniert, haben die Forscher dann das CO2-Budget der Menschheit gleich neu berechnet. Mit einem dramatischen Ergebnis: Wenn die Menschheit ab 2020, also praktisch ab sofort, weiter auf dem heutigen Niveau Treibhausgase emittiert, ist das Budget nach nicht einmal sechs Jahren aufgebraucht – sofern wir das 1,5-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln erreichen wollen.

CO2-Emissionen müssen Ende 2030 bei netto null liegen

Danach müssten die Emissionen dann plötzlich auf null abfallen. Das ist natürlich unrealistisch. Wenn man stattdessen davon ausgeht, dass die Emissionen von heute an linear auf null abgesenkt werden, lässt sich leicht ausrechnen, wann die Welt klimaneutral sein muss: Dann hat sie etwas mehr als elf Jahre Zeit, um die Emissionen auf null zu bringen.

Das bedeutet, dass die Emissionen Ende 2030 bei netto null liegen müssen. Deutschland, Großbritannien und andere Industriestaaten wie auch die EU müssten ihre Nettoemissionen aber eigentlich schon vor 2030 auf null senken, um weniger entwickelten Ländern Zeit zu geben, das Ziel etwas später zu erreichen.

Das Netto-Null-Ziel müsste also hier schon Ende 2028 oder sogar Ende 2025 erreicht werden. Das entspricht der Forderung der noch recht jungen Umweltbewegung Extinction Rebellion, die im Frühjahr durch spektakuläre Straßenblockaden in London weltweit bekannt geworden ist. „Wenn man 1,5 Grad mit einer Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit erreichen will und die Feedbackmechanismen des Erdsystems und die größere Verantwortung von Industrieländern berücksichtigt, dann ist das die logische Konsequenz“, sagt Klimaforscher Rogelj.

2050 ist für die Netto-Null bei CO2-Emissionen zu spät

Selbst wenn die Menschheit bereit ist, das 1,5-Grad-Ziel nur mit Münzwurf-Wahrscheinlichkeit zu erreichen, ist klar, dass 2050 für die Netto-Null zu spät ist. Dafür hätte die Menschheit bei linearer Absenkung der Emissionen auf null noch 19 Jahre Zeit, also bis Ende 2038. Wenn man wieder davon ausgeht, dass wohlhabende Länder mit großen technischen und industriellen Fähigkeiten vorangehen, dann müsste Deutschland die Netto-Null also bis Ende 2035 erreichen. Das entspricht der Forderung der deutschen Sektion der Fridays-for-Future-Bewegung.

Mit dem Zieljahr 2050 lässt sich das 1,5-Grad-Ziel der neuen Methodik nach nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent erreichen. Praktisch bedeutet das: Wer erst 2050 klimaneutral sein will, hat bereits eingeplant, das 1,5-Grad-Ziel zu verfehlen. Aber was genau bedeutet Klimaneutralität überhaupt?

Im Grunde geht es darum, die Treibhausgas-Emissionen der Welt auf null zu bringen. Ökosysteme wie Bäume und Moore können aber eine gewisse Menge an CO2 binden. Außerdem sind – bislang allerdings hoch umstrittene – Technologien in Arbeit, die der Atmosphäre CO2 nachträglich entziehen können. Klimaneutral bedeutet, dass nur so viel Treibhausgas emittiert wird, wie durch solche natürlichen oder technologischen Mittel wieder ausgeglichen wird. Die Rede ist oft auch von „netto null“ Emissionen.

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