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Schellnhuber im Interview

Wie Klimakriege zu verhindern sind

Auch Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hält das Ergebnis des Klimagipfels für "armselig", wie er im FR-Interview betont. Bleibe es dabei, drohe der Erde eine Erwärmung von drei bis vier Grad. Das wäre fatal.

Der Kopenhagen-Gipfel war ein Debakel. Ist das Zwei-Grad-Ziel für die maximale Erderwärmung denn noch zu schaffen?

Das Ergebnis des Gipfels ist tatsächlich ziemlich armselig. Einziger Lichtblick: Die Weltgemeinschaft hat das zwei-Grad-Limit als Richtschnur akzeptiert − das führt uns aus der völligen klimapolitischen Orientierungslosigkeit heraus. Wenn die Länder aber ihre bisherigen freiwilligen Klimaschutzbeiträge nicht erhöhen, dürften wir bei drei bis vier Grad Erderwärmung landen. Das kann niemand verantworten.

Hat es überhaupt Sinn, noch einen Gipfel und noch einen und noch einen zu veranstalten, also in dieser Form weiterzumachen?

Ein Versuch ist noch denkbar, nämlich 2010 beim nächsten regulären Treffen in Mexiko. Aber noch einmal über 100 Staatsmänner-Reden voller Klimakitsch sollten wir uns nicht antun. Wenn es dann nicht klappt, müssen eben andere Formen gefunden werden.

Welche?

Denkbar ist natürlich, dazu weitere Treffen der Haupt-Treibhausgas-Emittenten zu veranstalten. Neben den alten Industriestaaten müssen sicherlich die neuen Großmächte wie China, Indien und Brasilien dabei sein. Dabei muss jedoch sichergestellt werden, dass solch ein Klub der Mächtigen nicht die Klimazukunft nach Gutsherrenart auskungelt. Wir brauchen darüber hinaus eine zweite kraftvolle Klimaschutzbewegung von unten: Die globale Zivilgesellschaft muss sich noch aktiver einmischen und den Klimaschutz in die eigenen Hände nehmen: Kommunen, die Wirtschaft, Umweltverbände, Gewerkschaften. Das Global Village, das per Internet zusammengewachsen ist, könnte bewirken, was die Politik nicht leistet.

Die Ziele, die sich die Länder freiwillig setzen, scheinen willkürlich - und das lädt auf den Klimagipfeln zum Pokerspiel ein. Gibt es keinen besseren Plan?

Doch, man muss aber global gerecht herangehen. Das Zwei-Grad-Ziel bedeutet: Es dürfen bis 2050 noch etwa 750 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen werden. Diese Menge wird so auf die Länder der Erde umgelegt, dass jeder Mensch im Prinzip den gleichen Anspruch auf Nutzung der Atmosphäre hat. Die Industrieländer, die noch sehr hohen CO2-Ausstoß haben, müssten dann Verschmutzungsrechte bei den Entwicklungsländern kaufen.

Kaum zu erwarten, dass die reichen Länder da mitmachen.Zuspruch zu dem Konzept kommt in der Tat eher aus Schwellen- und Entwicklungsländern. Aber auch Kanzlerin Merkel hat dieses Modell bereits als Vision ins Spiel gebracht, etwa nach Gesprächen mit Indiens Regierungschef Manmohan) Singh. Es wäre eine wichtige Aufgabe für die Zivilgesellschaft, so etwas durchsetzen zu helfen, wenn die Mächtigen der Welt es nicht aufgreifen.

Was muss industriestrategisch passieren? Wohin müssen die Investitionen fließen?

Die einzelnen Länder müssen nun noch mehr aus eigener Verantwortung zum Klimaschutz beitragen. Sie dürfen ihre Ziele nicht zurückfahren mit dem Argument, andere Staaten würden ohnehin nicht aktiv mitmachen - dann gäbe es einen Wettlauf zur Verantwortungslosigkeit. Deutschland zum Beispiel muss daran festhalten, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu verringern. Wenn man diesen Kurs aufgibt, verliert man - neben dem Klimaschutz − die Märkte der Zukunft.

Der Kyoto-Vertrag lässt den Industriestaaten zwölf Jahre, um fünf Prozent CO2 einzusparen. Das müssten sie, um die zwei Grad zu halten, bald praktisch jedes Jahr schaffen?

Das wird eine enorme Anstrengung. Aber es ist noch zu schaffen, wenn die Energieeffizienz massiv gesteigert und die Umstellung auf erneuerbare Energien beschleunigt wird. Aktuell am wichtigsten: Wir könnten uns etwa ein Jahrzehnt Atempause erkaufen, wenn wir den Ausstoß gewisser treibhauswirksamer Substanzen wie Ruß, Methan und halogenierter Kohlenwasserstoffe vermindern.

Wie soll der Energiemix künftig aussehen?

Saubere Kohlekraftwerke könnten für eine Übergangszeit helfen, besonders in Ländern wie China. Begrenzte Atomkraft-Laufzeitverlängerungen bei höchsten Sicherheitsstandards auch, aber nur, wenn die Extraprofite genutzt werden, um die erneuerbaren Energien zu pushen. Global gesehen ist die Atomkraft allerdings keine Lösung.

Reicht denn das Geld, das die Industriestaaten für Klimaschutz in den Entwicklungsländern zur Verfügung wollen?

Die Zahlen sehen besser aus, als was dahinter steckt. Besonders die USA haben so viele Bedingen daran geknüpft, dass man die Zusagen nicht ernst nehmen kann. Für die erste Phase bis 2012 stellen die EU und Japan jeweils rund 11 Milliarden Dollar bereit − die USA dagegen nur 3,6. Das ist ein winziger Bruchteil von dem, was Washington zur Bewältigung der Bankenkrise aufgebracht hat. Logisch wäre es zudem, einen Teil der Militärhaushalte weltweit in den Klimaschutz zu stecken. Denn das würde Klimakriege verhindern, die in einer drei bis vier Grad wärmeren Welt kommen dürften.

Interview: Joachim Wille

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