Mächtige Vulkanausbrüche können zu einer Abkühlung des Klimas führen, hier der Manam Vulkan vor der Küste von Papua Neuguinea.
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Mächtige Vulkanausbrüche können zu einer Abkühlung des Klimas führen, hier der Manam Vulkan vor der Küste von Papua Neuguinea.

Katastrophe auf Raten

Die Klima-Leugner

  • vonKarl-Heinz Karisch
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Öl- und Kohlekonzerne vernebeln mit Hilfe dubioser Experten die ohnehin schwierige Debatte über den Treibhauseffekt. Von Karl-Heinz Karisch

"Katastrophe auf Raten", titelte der Spiegel im August 1974 und stellte die bange Frage: "Kommt eine neue Eiszeit?" Spätestens seit 1960 sei bei den Klimaforschern und Meteorologen die Überzeugung gewachsen, dass etwas faul im System des Weltwetters sei. Die Messdaten sahen damals tatsächlich bedrohlich aus - nur so ganz anders als heute. Auf der Nordhalbkugel war die durchschnittliche Temperatur des Atlantiks innerhalb von nur 20 Jahren um ein halbes Grad gefallen, die mit Gletschern und Packeis bedeckte Fläche wuchs um zwölf Prozent, am Polarkreis wüteten die kältesten Temperaturen seit 200 Jahren. Zugleich trocknete südlich der Sahara die Sahelzone aus, versiegten die Brunnen, starben große Viehherden, drohten Millionen Menschen zu verhungern.

Doch gab es bereits vor 30 Jahren auch Warnungen vor dem Gegenteil einer neuen Eiszeit. Allerdings galten Wissenschaftler, die vor einem drohenden Treibhauseffekt aufgrund der zunehmenden Methan- und Kohlendioxidfreisetzung warnten, noch als Sonderlinge - und Schlimmeres.

Der britische Wissenschaftsautor Nigel Calder (Die Wettermaschine. Droht eine neue Eiszeit?) äußerte den Vorwurf, die Theorie der Klimaerwärmung durch Kohlendioxid werde von der Atomlobby finanziert, die ihre CO2-freien Kernkraftwerke populär machen wolle. Die damalige Premierministerin Margaret Thatcher habe deshalb der Royal Society den Etat kräftig aufgestockt, damit die Behauptung vom angeblichen Treibhauseffekt wissenschaftlich untermauert werden konnte.

Calder blieb nicht der Einzige. Vor allem die US- Kohle- und Ölindustrie initiierte immer wieder Kritik an der Klimaforschung- das monierten die US-Union besorgter Wissenschaftler, aber auch das Wissenschaftsmagazin Nature. Als Think Tank der Treibhaus-Ablehner wurde 1984 in Chicago das Heartland Institute gegründet.

Mit Zeitschriften und Publikationen macht Heartland politische Propaganda für die Tabakindustrie, gegen staatliche Gesundheitsversicherungen und vor allem gegen die Theorie, der steigende Kohlendioxidausstoß der Industrieländer habe einen gravierenden Einfluss auf unser Klima. So greift das Institut die Arbeit des Weltklimarats IPCC der Vereinten Nationen immer wieder massiv an.

Zu den vom finanzkräftigen Heartland Institute unterstützten Wissenschaftlern gehören etwa der Meteorologie-Professor Richard Lindzen oder der frühere Klimawissenschaftler der US-Weltraumbehörde Nasa, Roy Spencer.

Spencer bestreitet, dass die Klimamodelle, die eine Erwärmung des Planeten voraussagen, stimmen. In seinem 2008 erschienen Buch "Climate Confusion" wirft er den Klimaforschern Hysterie vor, die zu "schlechter Wissenschaft" führe. Die Modelle bildeten nicht die Situation ab, das Wetter und das Klima seien stabil, behauptet er.

Etwas komplizierter ist es bei Richard Lindzen, Professor der Meteorologie am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er bestreitet die Erwärmung durch Kohlendioxid nicht, ist aber der Meinung, dass sich die Erde durch Rückkopplungseffekte in der Atmosphäre automatisch wieder abkühle.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sieht Professor Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die Aktionen der Klimaskeptiker. "Solange Skeptiker den Eindruck wach halten, Resultate der Klimaforschung seien noch umstritten, solange lässt sich weiterer Forschungsbedarf leicht begründen", sagt er.

Mehr Geld für die Forschung dürfe aber keinesfalls dazu führen, dass die Klimaschutzanstrengungen vernachlässigt werden. Wirtschaft und Politik müssten massiv in den Umbau der Energiesysteme investieren, fordert Rahmstorf. In mehreren umfassenden Arbeiten hat er die irreführenden und falschen Behauptungen der Klimaskeptiker und der Leugner überzeugend widerlegt.

Über die Ausdauer der bis heute munter agierenden Skeptiker kann auch der Frankfurter Klimaforscher Professor Christian-D. Schönwiese nur den Kopf schütteln. "Dass der Ausstoß großer Mengen Kohlendioxid die Strahlungsvorgänge in der Atmosphäre verändert, das stand schon vor 100 Jahren in den Physikbüchern", sagt er. Die immer wieder erneuerten Behauptungen, die natürlichen Einflüsse seien ungleich größer als der Beitrag der Menschen, seien "schlichter Unsinn". Auch wenn es noch Unsicherheiten in der Bewertung gebe, so seien die großen Klima-Umwälzungen in der Erdgeschichte heute gut erklärbar und in Modellen nachbildbar.

Beispielsweise, so erläutert der Frankfurter Klimaforscher, sei die sogenannte Kleine Eiszeit zwischen 1400 und 1900 durch nachlassende Sonnenaktivität und eine ganze Reihe starker Vulkanausbrüche ausgelöst worden, deren Staub das Sonnenlicht verdunkelt habe. So sei dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815 ein Jahr ohne Sommer gefolgt. Auf der nördlichen Halbkugel kam es durch Miss-Ernten und Tierseuchen zur schlimmsten Hungersnot des 19. Jahrhunderts.

"Ab 1850 ging es dann mit den Temperaturen rasch in die Höhe", berichtet Schönwiese. Und schon damals seien dafür Treibhausgase mit verantwortlich gewesen. Der rasch wachsende Reisanbau in Asien und die Massentierhaltung beförderten den Methanausstoß, zugleich wurde durch die beginnende Industrialisierung immer mehr Kohlendioxid freigesetzt.

Der dadurch ausgelöste Treibhauseffekt wurde erneut gebremst, nachdem im August 2008 der Vulkan Kasatochi in den westlichen Aleuten plötzlich ausbrach. Eine gewaltige Wolke aus Ascheteilchen und Schwefeldioxid stieg mehr als 15 Kilometer bis in die untere Stratosphäre empor und verteilte sich über der Nordhälfte der Erde. "Der Abkühlungseffekt durch den Ausbruch war nur kurz, führte aber prompt zu einem schneereichen Winter", sagt Schönwiese. Hinzu komme eine ungewöhnlich niedrige Sonnenaktivität. Für das kommende Jahr prognostiziert der Frankfurter Klimaforscher bereits wieder einen stärkeren Temperaturanstieg. Der Treibhauseffekt habe sich ja bereits 2009 wieder durchgesetzt und die Erde weiter erwärmt.

Doch was geschieht, wenn in einigen Hundert Jahren die Kohle- und Erdölvorräte der Erde verheizt sind? Dann wird das kosmische Räderwerk, das unsere Erde steuert, wieder die Oberhand gewinnen. Denn in den zurückliegenden Millionen Jahren war der Normalzustand des Planeten die Eiszeit. Die Warmzeiten hingegen sind der Ausnahmezustand. "Solche Warmzeiten beginnen stets sehr rasch und dauern zwischen fünf- und 20000 Jahren", erläutert Schönwiese, "wir bewegen uns also auf das Ende unserer Warmzeit zu." Allerdings mache der Mensch sie zunächst für dieses Jahrhundert noch zu einer "Superwarmzeit".

Schönwiese glaubt auch nicht, dass die Prognose des russischen Astronomen Khabibullo Abdusamatow eintritt, der aufgrund einer sinkenden Sonnenaktivität für 2055 eine neue Kaltzeit von rund 50 Jahren Dauer errechnete. Dafür sei die dann eingetretene Klimaerwärmung schon zu weit fortgeschritten.

Wann muss der Mensch nun realistisch mit der neuen Eiszeit rechnen? Eine erste Antwort darauf stammt von dem serbischen Astrophysiker Milutin Milankovi (1879-1958), der schon in den 20er Jahren berechnete, welche Menge an Sonnenstrahlung die Erde trifft. Seine erstaunlichen Ergebnisse: Der Blaue Planet eiert wie ein Kreisel mit einem Zyklus von 25700 Jahren um die Sonne. Mit einem Zyklus von 41000 Jahren ändert sich zudem der Neigungswinkel der Erdachse. Und im Abstand von 100000 Jahren schwankt die Umlaufbahn um die Sonne zwischen einer Kreisform und einer Ellipse. Erst später wurde entdeckt, dass die großen Planeten Jupiter und Saturn auch noch die gesamte Erdbahnebene im Weltall verschieben. Milankovis führender Nachfolger ist der belgische Klimatologe André Berger, der an der Katholischen Universität von Louvain lehrt. Er sagt zwar für die kommenden 200 Jahre noch steigende Temperaturen voraus. Denn die Erdbahn nähert sich derzeit immer mehr der Kreisbahn an, so dass es eine gleich bleibend hohe Sonneneinstrahlung geben wird. Mit einer starken Abkühlung des Planeten sei nach den Computermodellen erst in 50000 Jahren zu rechnen, berichtet Berger.

Der Höhepunkt der kommenden Eiszeit sei dann in rund 100000 Jahren erreicht. Dann erst dürfte das Szenario eintreten, das die Redakteure des Spiegel bereits 1974 heraufdämmern sahen.

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