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Die Malerei zeigt die Bewegungsabläufe einer rennenden Raubkatze.

Höhlenmalerei

Kino der Steinzeit

Der Trickfilm ist keine Erfindung der Neuzeit. Wie französische Archäologen nun berichten, stellten bereits Höhlenmalereien Bewegungen künstlerisch dar.

Von Alice Ahlers

Was Walt Disney berühmt machte, kannten die Menschen schon vor mehr als 30?000?Jahren. Bereits die Höhlenmaler der Steinzeit waren Trickfilmkünstler. Das berichtet der Archäologe Marc Azéma von der französischen Universität Toulouse-Le Mirail.
Um Bewegungen darzustellen, malten sie zum Beispiel einen Bison mit acht Beinen. Die übereinanderliegenden Zeichnungen ahmen die einzelnen Phasen der Beine beim Laufen nach. Im zuckenden Feuerschein oder durch das Schwenken einer Fackel könnte die Illusion entstanden sein, dass sich die Bisons über die Felswände bewegten. Womöglich benutzten die Steinzeit-Menschen also das grafische Prinzip des modernen Animationsfilms wie er Jahrtausende später ins Kino kam.

Marc Azéma untersuchte unter anderem die Malereien in der Chauvet-Höhle in Südfrankreich. Die vielen Tier- und Symboldarstellungen, die die frühen Menschen dort mit Kohle hinterließen, sind mit Hilfe der Radiokarbonmethode auf ein Alter von mehr als 30?000 Jahre datiert worden. Sie zeigen neben Bisons auch eiszeitliche Tierarten wie Wollnashörner, Höhlenlöwen, Wildpferde und Mammuts. Durch das Übereinanderlegen von zwei oder mehreren Bilder ahmten die Zeichner nicht nur Bewegungsabläufe wie Laufen, sondern auch Kopfschwenken oder Schwanzwedeln nach, berichtet der französische Wissenschaftler im Fachmagazin Antiquity. Azéma isolierte die einzelnen übereinanderliegenden Sequenzen am Computer und ließ sie in einem Film hintereinanderablaufen. Das Bison trabt darin verblüffend arttypisch voran. Pferde heben und senken den Hals wie im vollen Galopp.

„Die steinzeitlichen Künstler wollten ihre Bilder animieren“, schreibt Azéma. Die Betrachter hätten auf diese Weise den Eindruck gehabt, eine richtige Geschichte zu verfolgen. So hätten die Höhlenkünstler zum Beispiel auf einer zehn Meter langen Bildwand in der Chauvet-Höhle die Geschichte einer Jagd erzählt. In der linken Hälfte sind mehrere Löwen mit zurückgelegten Ohren und gesenkten Köpfen zu sehen. Sie schleichen sich an einige Bisons heran. In einem zweiten Abschnitt des Bildes jagen einige der Löwen den Bisons hinterher. Andere Tiere sind kleiner dargestellt, um sie weiter entfernt erscheinen zu lassen.

Optisches Spielzeug

Bereits vor einigen Jahren berichtete Azéma gemeinsam mit seinem Kollegen Florent Rivière von einer kreisrunden, durchbohrten Knochenscheibe, die vor mehr als 15?000 Jahren als eine Art optisches Spielzeug gedient haben könnte. Sie wurde 1868 an der französischen Grabungsstelle Laugerie-Basse gefunden. Das kleine Plättchen zeigt auf der einen Seite einen stehenden, auf der anderen Seite einen liegenden Gamsbock. Aufgrund des Lochs in der Mitte, wurde der Fund lange als Knopf interpretiert.

Azéma und Rivière fertigten eine originalgetreue Kopie der Scheibe an, zogen eine Schnur durch das Loch und ruckten so daran, dass sich das Plättchen um sich selbst drehte. Durch die schnelle Rotation gehen die beiden Tiermotive im Auge des Betrachters ineinander über. Es entsteht der Eindruck, als ob der Gamsbock abwechselnd aufsteht und sich wieder hinlegt.

Diese optische Täuschung wurde unter dem Namen Thaumatrop (griechisch: Wunderscheibe) in der ersten Hälfte des 19.?Jahrhunderts bekannt und war vor allem bei Kindern beliebt. Man bemalte die Vorder- und Hinterseite von kleinen Papierkreisen etwa mit einem Vogel und einem Käfig. Mit Fäden an den Rändern ließ sich die Scheibe rasch drehen. Schon saß der Vogel im Käfig. Der Wunderdreher gilt auch als Urahn der Filmkamera. Offensichtlich kannte die Menschheit das Prinzip schon weit länger. Es ist steinalt.

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