Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Im November zeigten Kinder bei der Klimakonferenz in Bonn Flagge für das Klima. Forscher sagen, zu viel Nachwuchs ist selbst klimaschädlich.
+
Im November zeigten Kinder bei der Klimakonferenz in Bonn Flagge für das Klima. Forscher sagen, zu viel Nachwuchs ist selbst klimaschädlich.

Gastbeitrag

Kinderlos das Klima retten?

  • VonPhilippe van Basshuysen
    schließen

Forscher streiten darüber, ob wir unsere Emissionen verringern können, indem wir weniger Kinder bekommen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: solange wir in einer Gesellschaft leben, die auf fossile Energiequellen angewiesen ist, führen mehr Menschen zu einem höheren Kohlenstoff-Ausstoß, und wir können den erwarteten Anstieg in der Atmosphäre verringern, indem wir weniger Kinder in die Welt setzen. Die Klimaforscher Seth Wynes und Kimberly Nicholas von den Universitäten Lund und British Columbia argumentieren in ihrem im Juli 2017 erschienenen Artikel „The climate mitigation gap: education and government recommendations miss the most effective individual actions“, dass die Entscheidung, weniger Kinder zu bekommen, die effektivste Lebensentscheidung überhaupt ist für Menschen, die sich um den Klimawandel sorgen.

Denn, so die Forscher, für eine Person in einem entwickelten Land sei die durchschnittliche jährliche Emissionseinsparung fast 60 Tonnen CO2e, sollte sie ein Kind weniger zeugen. (CO2e steht für Kohlenstoffdioxidäquivalente, die Treibhausgase wie Kohlenstoff, Methan oder Lachgas umfassen). Zum Vergleich: Die zweit-effektivste individuelle Entscheidung, nämlich ohne Auto zu leben, spart nur wenig mehr als zwei Tonnen CO2e pro Jahr ein.

Unter Forschern und Entscheidungsträgern wird nun debattiert, wer die Verantwortung für Emissionen zukünftiger Generationen trägt. Eine Antwort auf diese Frage zu finden ist aus mehreren Gründen wichtig. Sie würde Hilfestellung beim Abwägen einer wichtigen individuellen Lebensentscheidung, nämlich dem Zeugen von Kindern, hinsichtlich ihrer Konsequenzen für den CO2-Ausstoß geben. Sie ist auch wichtig, um Entschädigungszahlungen an zukünftige Leidtragende des Klimawandels zu quantifizieren. Wir brauchen eine zweifelsfreie Methode, um Verantwortung für Emissionen zuzuweisen.

Wer ist für die Emissionen verantwortlich?

Das ist beim Thema Kinder schwierig, denn ein Kind zu bekommen setzt nicht direkt Emissionen frei, sondern erst die Tatsache, dass Kinder heranwachsen und wie wir alle CO2 freisetzen, etwa durch ihre Mobilität, ihre Wohnungen, oder ihren Fleischkonsum. Wer ist für diese Emissionen verantwortlich? Die Eltern, die Kinder, beide? 

Alle drei Optionen scheinen problematisch. Wenn die Verantwortung einzig den Eltern übertragen wird, dann werden damit Kinder nicht als Personen behandelt, die für ihre Emissionen eigenständig verantwortlich sind. Wenn dagegen das direkte Verursacherprinzip zählt und Eltern nicht für die Emissionen ihrer Kinder verantwortlich wären, dann würde daraus folgen, dass Kinderwünsche keine Rolle bei der Berechnung individueller Emissionen spielen. Was wiederum falsch ist: Einige von uns gehören zur ersten Generation, die um das Jahr 2100 Teil sein wird der voraussichtlich größten Menschheitspopulation, die die Erde jemals sehen wird (aktuelle Schätzungen gehen von über elf Milliarden aus).

Selbst wenn individuelle CO2-Emissionen bis dahin deutlich sinken, könnte eine solche Anzahl diese Einsparungen wieder wettmachen.

Wenn Klimawissenschaftler sich mit generationenübergreifender Verantwortung beschäftigen, greifen sie üblicherweise auf diese Methode zurück: Die Verantwortung einer Person für die Emissionen ihrer Nachfahren wird proportional zur ihrer genetischen Nähe verteilt. Konkret bedeutet das, dass eine Mutter verantwortlich ist für ihre eigenen Emissionen, für die Hälfte der Emissionen ihrer Kinder, für ein Viertel der Emissionen der Kinder der Kinder, und so weiter.

Gleiches gilt für die Väter. Falls aber dieselbe Rechnung auch auf Kinder angewandt wird, dann wären diese verantwortlich für ihre Emissionen, obwohl ihre Eltern ebenfalls verantwortlich für ihre Emissionen sind. In der Statistik nennt man dies double counting, was zu Verfälschungen von Ergebnissen führen kann. Auch im Übereinkommen von Paris von 2015 ist das Vermeiden von double counting als wichtiges Ziel festgeschrieben.

Verantwortung bis zur Volljährigkeit

Wie könnte eine bessere Lösung aussehen? Zusammen mit einem Koautor plädiere ich dafür, dass Eltern verantwortlich sind für die Emissionen ihrer Kinder, bis diese die Volljährigkeit erreichen. Sobald eine Person ein Alter hat, in dem sie ihr Wahlrecht ausüben kann und strafmündig ist, ist sie auch voll verantwortlich für ihre Emissionen. Ob dies 18 Jahre sein sollten, darüber ließe sich streiten. Ich vermute, dass der Effekt besser wäre, wenn man ein jüngeres Alter ansetzen würde, um Kinder früh ihrer Verantwortung bewusst zu machen.

Das bedeutet aber auch, dass die Emissionen der ersten 18 Jahre eines jeden Lebens in der Verantwortung der Eltern liegen. Ein Paar mit zwei Kindern wäre also verantwortlich für dieselbe Anzahl von Jahren wie zuvor. Aber der Effekt macht Sinn: Mehr Kinder bedeuten Verantwortung für mehr Emissionen, und Menschen hätten Anreize, ihre Kinderwünsche hinsichtlich ihrer Emissions-Konsequenzen zu überdenken beziehungsweise ihre Kinder zur Emissionsarmut zu erziehen.

Individuelle Lebensentscheidungen, besonders von kohlenstoffintensiv lebenden Menschen in entwickelten Ländern, haben einen großen Einfluss auf die gesamten menschlichen Emissionen, die wiederum der Grund für den anthropogenen Klimawandel sind. Klimaforscher leisten einen wichtigen Beitrag, wenn sie über die Konsequenzen dieser Entscheidungen informieren, besonders deshalb, weil die Politik und Bildungseinrichtungen bisher nur einseitige Empfehlungen geben und oft versäumen, auf wenig opportune Tatsachen hinzuweisen.

Wussten Sie, dass man durch die Entscheidung, vegetarisch zu leben, ein Vielfaches der Emissionen einspart, die durch das Recyceln von Abfall eingespart werden können? Solange Tatsachen wie diese nicht allgemein bekannt sind, wird damit eine Chance verpasst, die zu einer Reduktion von Emissionen führen könnte: informiert individuelle Lebensentscheidungen abwägen zu können. Gerade weil dieser Beitrag so wichtig ist, sollte er auf einwandfreier Methodik beruhen.

Philippe van Basshuysen lehrt an der London School of Economics und forscht zu der Frage, wie Institutionen organisiert werden sollten, um gerechte und gleichzeitig effiziente Ergebnisse zu erzielen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare