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Was tun, wenn muslimische Schüler jüdische Mitschüler mobben?

Religiöse Gewalt an Schulen

Keiner wird als Rassist geboren

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Bildungsexperte Peter Struck erläutert, was religiöse Gewalt an Schulen mit der vernachlässigten Pädagogik zu tun hat. Der Gastbeitrag.

Die Inklusion – die gemeinsame Beschulung von behinderten und nichtbehinderten jungen Menschen – ist weitgehend gescheitert, und zwar an Billiglösungen, die nicht unbedingt für den guten Willen der Regierenden stehen. Wenn vier Kinder mit Handicap gemeinsam mit 20 anderen Schülern in einer Klasse sitzen und nur eine Lehrerin zugegen ist, die sonderpädagogisch nicht ausgebildet ist, dann werden sie weniger stark gefördert als in speziell für sie konzipierten Sonderschulen.

Die Inklusion ist gescheitert an der Vernachlässigung der „Lehre von den sinnvollen Größen in der Pädagogik“. Denn die Minimalvoraussetzung für eine erfolgreiche Inklusion wäre: Zwei Inklusionsschüler unter 18 Schülern zweier Jahrgänge, die das die Pädagogen entlastende Lernen der Kinder voneinander ermöglichen, bei zwei gleichzeitig anwesenden Lehrkräften und einer Sonderschullehrerin, die in jeder dritten Stunde hinzukommt. Gleichzeitig müsste der Einsicht der skandinavischen Länder gefolgt werden: Etwa zehn Prozent der behinderten Kinder benötigen sowieso eigene Sonderschulen.

Ebenfalls gescheitert ist in Deutschland weitgehend die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund: Mehr als 30 Prozent von dieser Gruppe in einer Klasse, das geht nur selten gut. Und da zugewanderte Familien oft geballt in einzelnen Stadtteilen oder Straßenzügen wohnen, wachsen die Herausforderungen für Pädagogen, die so selbst nicht aufgewachsen sind, ins Unermessliche. Die Ansiedlung von Spätaussiedlern oder Flüchtlingen in nur wenigen Häuserblocks begünstigt keineswegs eine erwünschte gesellschaftliche Integration. Im Moment liegt der Anteil muslimischer Kinder in deutschen Schulen noch insgesamt unter 30 Prozent, obwohl er in einzelnen Schulen gelegentlich die 90-Prozent-Marke überschritten hat.

Eine Hamburger Lehrerin, die in einer Grundschule mit mehr als 90 Prozent Migrantenkindern unterrichtet, versucht die Problematik aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus so zu verstehen: „Wir setzen in unserem modernen Deutschland Kindern relativ wenige Regeln, während Kinder aus anderen Kulturen zumeist sehr strengen Regeln unterworfen sind, die aber in deutschen Schulklassen nur eine geringe oder sogar mit Recht gar keine Rolle spielen. Solche Kinder leiden dann unter Orientierungsdissonanzen, zumal wenn daheim ein rigider Vater obwaltet, in der Schule jedoch eine modern ausgebildete Lehrerin unterrichtet“. Und sie fährt fort: „Eine moderne schulische Erziehung zur Freiheit und Selbstbestimmung interpretieren Kinder aus engregulierenden Milieus als ‚Weicheigesinnung‘, und sie fühlen sich dann sogar den ‚ungläubigen‘ Mitschülern überlegen“.

Kinder werden nie als Rassisten und auch nie als Machos geboren, aber sie saugen dementsprechende Verhaltensweisen und Einstellungen bereits in ihren Familien auf, bevor sie in den Kindergarten und in die Schule kommen.

Ingrid Freimuth, eine erfahrene Hauptschullehrerin, schlägt in ihrem gerade erschienenen Buch „Lehrer über dem Limit – Warum die Integration scheitert“ (Europa Verlag) vor, für Kinder, die mit konträren Weltbildern aufwachsen und in der Folge den Schulalltag massiv stören, „Sanktionsräume“ einzurichten, Brennpunktschulen mit Sicherheitskräften auszustatten, und sie empfiehlt den Kindergeldentzug für Schulverweigerer. Das hört sich nicht überzeugend an, weil es die gemeinten Schüler wohl nicht überzeugen wird.

Gerade wird bundesweit diskutiert, was man tun könnte, wenn muslimische Schüler jüdische Mitschüler mobben, bedrohen oder zusammenschlagen. Cem Özdemir von den Grünen schlägt als Gegenmittel Pflichtelternabende vor. Eine solche Pflicht würde aber bedeuten, dass man bundesweit zahlreiche Bußgeldstellen schaffen müsste, um so etwas umzusetzen. Und würde das am Weltbild der Täter etwas ändern? Kämen diese Eltern dann mit erheblichen inneren Widerständen tatsächlich in die Schule, wie sollte sie dann eine junge Klassenlehrerin überzeugen?

Die Schule Slomanstieg im Hamburger Stadtteil Veddel hat das schon vor vielen Jahren besser gelöst: 90 Prozent der Kinder sind Migrantenkinder, zu den Elternabenden kam kaum jemand. Daraufhin hat die Leiterin gemeinsam mit ihrem türkischen Lehrer Hausbesuche gemacht, und sie hat gemeinsam mit dem Imam des Stadtteils Veranstaltungen für alle Eltern in der Moschee durchgeführt.

Da sie gleichzeitig mit dem großen Metallwerk Aurubis in ihrer Nachbarschaft einen Kooperationsvertrag abgeschlossen hatte, der Betriebspraktika ihrer Schüler in dem Werk vorsah und eine Ausbildungsplatz- und Beschäftigungsgarantie beinhaltete, schuf sie eine wunderbare integrative Perspektive für die Familien ihres Stadtteils mit dem Resultat, dass Schulweg-, Schulhofgewalt, Mobbing und Schulverweigerung kaum noch vorkamen. Und die Eltern oder zumindest die älteren Geschwister erschienen endlich mehrheitlich zu den Elternabenden.

Eine Schlüsselrolle spielte dabei anfangs der türkische Lehrer, dem die Väter eher zuhörten als ihr; da sie aber auch resolut auf den Tisch zu schlagen und laut zu werden vermochte, konnte sie sich schließlich allein durchsetzen. Die Einschränkung: Wenn der türkische Lehrer nicht relativ neutral über den Glaubensrichtungen der Sunniten, Aleviten und Schiiten gestanden hätte und er nicht eine kritische Position gegenüber dem türkischen Präsidenten Erdogan gehabt hätte, und wenn der Imam nicht so aufgeklärt wäre, dann wäre ihre Arbeit vielleicht gescheitert. Denn wie sagt Cem Özdemir mit Recht: „Gewaltbereitschaft und Antisemitismus bei Muslimen lassen sich am effizientesten bekämpfen, wenn sie von den Mitgliedern der eigenen ethnischen oder religiösen Gemeinschaft angeprangert werden“.

Der Erfolg der Gräfe-Oberschule in Berlin-Kreuzberg, wo mehr als 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben, liegt unter anderem darin begründet, dass sie mehr als andere Schulen die Lehre von den sinnvollen Größen beachtet: 23 Schüler zweier Jahrgänge werden von zwei Lehrkräften stets gemeinsam unterrichtet; und bei diesem Teamteaching ist der eine Moslem, der andere nicht.

Und was sagt die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, dazu? „Die Herausforderungen durch Inklusion, Integration von Migrantenkindern, Ganztagsschulen und digitalem Lernen werden wir keineswegs mehr mit Antworten aus dem letzten Jahrhundert bewältigen können.“

Was ist für Kinder und Jugendliche das Wichtigste? Es sind andere Kinder und Jugendliche. Das Zweitwichtigste ist im Moment das Smartphone. Whatsapp, Instagram, Snapchat, Facebook und was es dazwischen noch so an anderen und auch immer wieder neuen sozialen Netzwerken gibt und die vielen Filme, die sie sich über Netflix herunterladen, bestimmen ihr Weltbild so, dass sich inzwischen viele fragen, ob wir unsere Jugend an das Digitale verloren haben. Religiöses steht in dieser Rangordnung ganz unten.

Da ihnen das Digitale mittlerweile mehr Friedliches als Böses vermittelt, wie auch 800.000 gegen Waffen demonstrierende Schüler in den USA bewiesen haben, und da die über das Digitale vermittelten Werte grenzüberschreitend wirken, lässt sich trotz aller Nachteile des modernen Medienkonsums zumindest darauf hoffen, dass die religiöse Strenge der Vorvorderen keine große Zukunft mehr hat. Junge Menschen im Iran, in Saudi-Arabien, in Ägypten und auch in der Türkei machen da Hoffnung. Die Wahrnehmung von Kinder- und Jugendgewalt hat zwar zugenommen, weil häufiger darüber berichtet wird; in Wirklichkeit hat sie aber in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen.

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