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Keine Covid-Impfung bei gesunden Kleinkindern

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Von: Pamela Dörhöfer

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Der Impfstoff von Biontech/Pfizer hat in der EU eine Zulassung für Kinder im Alter von sechs Monaten bis vier Jahren erhalten. Getty
Der Impfstoff von Biontech/Pfizer hat in der EU eine Zulassung für Kinder im Alter von sechs Monaten bis vier Jahren erhalten. Getty © Getty Images

Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Immunisierung für die bis zu Vierjährigen nur bei schweren Vorerkrankungen

Die Ständige Impfkommission (Stiko) spricht für Kleinkinder zwischen sechs Monaten und vier Jahren keine generelle Empfehlung für eine Covid-Impfung aus. Außerdem ändert das Gremium in seinem am Donnerstag veröffentlichten Epidemiologischen Bulletin die Empfehlung für Fünf- bis Elfjährige.

Eine Person mit einem Risiko für einen schweren Verlauf im engeren Umfeld gilt demnach nicht mehr wie bisher als Grund, die Kinder mit einer zweifachen Impfung grundimmunisieren zu lassen, empfohlen wird für diese Altersgruppe nun lediglich eine einzelne Dosis. Da die meisten Kinder ohnehin schon eine Infektion durchgemacht hätten, wird das als ausreichend angesehen. „Die Daten zeigen deutlich, dass der Schutz vor Infektion und Weitergabe des Virus nur sehr begrenzt und nicht sicher ist“, begründet der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens in einem Pressegespräch die Entscheidung der Kommission, die frühere Empfehlung aufzugeben.

Deren Hintergrund war die Annahme, mit einer Impfung könnten die Fünf- bis Elfjährige gefährdete Menschen in ihrer Familie schützen.

Zur Impfung von Kleinkindern hatte sich die Stiko vorher noch nicht geäußert. In der EU ist das mRNA-Vakzin Comirnaty von Biontech/Pfizer seit kurzem für Fünf- bis Elfjährige ohne Einschränkung als Erstimpfung zugelassen; diese besteht aus drei Dosen zu je drei Mikrogramm. Die ersten beiden Dosen sollen im Abstand von drei Wochen verabreicht werden, die dritte mindestens acht Wochen nach der zweiten. Mertens betont, dass die Zulassung nicht gleichbedeutend sei mit einer Empfehlung der Europäischen Arzneimittelagentur Ema. Kleinkinder impfen zu lassen. Jedes europäische Land gebe „seine eigene Impfempfehlung“ ab, erklärte der Virologe. In den USA empfiehlt die America Academy of Pediatrics die Impfung von Säuglingen und Kleinkindern, sofern keine Kontraindikation besteht.

Die Ständige Impfkommission vertritt eine grundlegend andere Haltung: Kleinkinder sollen nur dann gegen Covid-19 geimpft werden, wenn sie unter bestimmten Vorerkrankungen leiden. Der Berliner Kinder- und Jugendarzt Martin Terhardt, der Mitglied der Stiko ist, zählt einige Beispiele dafür auf: Frühgeborene Kinder, Immunschwäche, Krebs, Herzfehler und Herzschwäche, chronische Lungen- oder Nierenleiden, neurologische oder muskuläre Erkrankungen sowie Trisomie 21.

Die Stiko habe sich gegen eine allgemeine Empfehlung für Kleinkinder entschieden, weil Studien zur Covid-Impfung in dieser Altersgruppe bisher nur eine begrenzte Aussage zuließen, sagt Terhardt. Das wiegt nach Ansicht der Stiko umso schwerer, da Kinder fast nie schwer an Covid-19 erkranken. Gerade in der Altersgruppe zwischen sechs Monaten und vier Jahren sei das angeborene Immunsystem noch sehr stark – von dem man mittlerweile wisse, dass es besser bei der Abwehr von Sars-CoV-2 sei als das spezifische Immunsystem, das sich erst im Laufe der Jahre ausbildet, erklärt der Mediziner. Man wisse nicht genau, was passiere, „wenn man dann mit einem Impfstoff kommt, mit dem man noch nicht so viel Erfahrung hat“.

Und was ist mit den Langzeitfolgen einer Infektion? Bereits zum Thema Long Covid bei Erwachsenen liefern Studien kein eindeutiges Bild.

Bei Kindern ist noch schwerer einzuschätzen, ob etwa Müdigkeit und Abgeschlagenheit auf das Konto einer durchgemachten Erkrankung oder auf die Folgen von Lockdown, fehlenden Kontakten und all die weiteren Belastungen durch die Pandemie gehen, sagt die Infektiologin Clara Lehmann von der Uniklinik Köln, die nicht Mitglied der Stiko und selbst an der laufenden Long Covid-Studie „Beyond Covid“ beteiligt ist. Auch bei Erwachsenen können Langzeitbeschwerden nach einer Infektion zum einen „biologisch-organisch“ bedingt, zum anderen aber auch psychosomatisch begründet sein.

Manche Beschwerden wie ein anhaltender Geschmacks- und Geruchsverlust seien zudem vor allem bei den ganz Kleinen kaum festzustellen, da sie sich dazu noch nicht äußern können, erläutert die Wissenschaftlerin. Es verhalte sich keineswegs so, dass Kinder und Jugendliche nach einer Infektion nie an Langzeitfolgen litten, sagt sie, doch es komme „deutlich weniger“ vor als bei Erwachsenen.

Nach Ansicht von Stiko-Chef Thomas Mertens spielt Long Covid bei Kindern „keine große Rolle“. Martin Terhardt ergänzte, dass auch Pims, ein heftiges, den ganzen Körper erfassendes Entzündungssyndrom, als Folge einer Corona-Infektion mit dem Aufkommen der milderen Omikron-Varianten „deutlich rückläufig“ sei: „Kein Kind in Deutschland ist daran gestorben.“ Vor diesem Hintergrund und der Thematik des erst noch ausreifenden Immunsystems kleiner Kinder bewertet Stiko-Chef Mertens die Erkenntnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe in dieser Altersgruppe als zu „begrenzt“. Grundsätzlich spreche aber nichts dagegen, zu einem späteren die jeweilige Impfempfehlung anzupassen, „wenn sich neue Daten ergeben“.

Unabhängig von der Einschätzung der Stiko können Eltern, die das dennoch wollen, ihre Kleinkinder freilich impfen lassen – das Vakzin von Biontech/Pfizer ist dafür zugelassen (in geringerer Dosierung als für Erwachsene). „Es ist nicht verboten“, sagt Martin Terhardt. Er geht allerdings nicht davon aus, dass allzu viele das in Anspruch nehmen. Die Nachfrage zur Impfung von Fünf- bis Elfjährigen sei schon relativ gering gewesen.

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