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Die Kalkindustrie unterliegt zwar dem EU-Emissionshandel, erhält aber kostenfreie Emissionszertifikate großzügig zugeteilt.

Klimawandel

Kalkiger Klimaschutz auf Zeit

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Die Industrie kann Kohlendioxid wiederverwerten und in Papier oder Plastik einbauen.

Feines weißes Papier eignet sich als Stoff, auf dem wichtige Briefe oder kunstvolle Kalligrafien geschrieben werden – aber als industrieller CO2-Speicher? Ja, als das auch. Das hat zuletzt sogar den Europäischen Gerichtshof (EuGH) beschäftigt. Vor das Gericht war die Firma „Schäfer Kalk“ aus Hahnstätten in Rheinland-Pfalz gezogen. Das Unternehmen entlässt einen Teil des beim Kalkbrennen entstehenden CO2 nicht einfach in die Luft, sondern verwendet es zum Herstellen von künstlichem Kalziumkarbonat, abgekürzt PCC („precipitated calcium carbonate“).

Bei der Produktion von PCC wird der ursprüngliche Brennprozess praktisch umgekehrt: Normalerweise wird dem natürlichen Kalkstein (Kalziumkarbonat – CaCO3) unter hohem Energieaufwand das Kohlendioxid entzogen und es entsteht Branntkalk (Kalziumoxid – CaO). Für das künstliche Kalziumkarbonat wird der Branntkalk zunächst mit Wasser zu einer Kalkmilch gemischt und dann gibt man wieder CO2 hinzu.

Das entstehende Kalziumkarbonat ist chemisch gesehen dasselbe wie das natürliche, aufgrund der kontrollierten Herstellung hat es aber eine hohe chemische Reinheit, genau definierte Kristallstrukturen und Korngrößen. Deswegen ist das künstliche Kalziumkarbonat gut geeignet als Pigment und Füllstoff in Papieren und Farben, in Kunststoffen, Kosmetika oder auch in Dicht- und Klebstoffen. Papier erhält durch das PCC höchste Weiße und Dichte, es lässt sich besser bedrucken oder in ein Spezialpapier umwandeln. Klimapolitisch gesehen ist die Erzeugung von Kalk ein ziemliches Ärgernis. Beim Brennen wird jede Menge Treibhausgas frei, pro Tonne Branntkalk sind es nach Angaben der Branche rund 785 Kilo CO2. „Dieses Verhältnis ist naturgesetzlich vorgegeben und kann nicht verändert werden. Das sind die rohstoffbedingten Prozessemissionen“, rechtfertigt sich der Chef des Kalkindustrie-Verbandes, Werner Fuchs.

Dennoch ist das Kalkbrennen vergleichsweise so „schmutzig“ wie Strom aus Braunkohle. Aus dem industriellen Prozess stammen dabei nur zwei Drittel bis drei Viertel der gesamten Emissionen bei der Kalkherstellung. Der „Rest“ kommt noch aus dem eingesetzten fossilen Brennstoff hinzu. Die Kalkindustrie unterliegt zwar dem EU-Emissionshandel, erhält aber kostenfreie Emissionszertifikate großzügig zugeteilt. Auf diese preiswerte Weise konnte nach Angaben der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) die Branche 2015 etwa 88 Prozent ihres CO2-Ausstoßes abdecken und musste nur für zwölf Prozent ihrer Emissionen Zertifikate zukaufen.

Dass ein Teil des beim Kalkbrennen frei werdenden CO2 zum Herstellen des künstlichen Kalziumkarbonats verwendet wird, verbessert zwar rechnerisch die Klimabilanz – Firmen wie „Schäfer Kalk“ mussten aber auch für diese Emissionen Zertifikate vorweisen. Der finanziell lukrativen Idee, die kostenlos zugeteilten, aber dank CO2-Recycling eingesparten Zertifikate am Markt zu verkaufen, schob bislang der EU-Emissionshandel einen Riegel vor. Die Regeln erlaubten nämlich die Anrechnung solcher dauerhaft gebundenen industriellen CO2-Emissionen nur für den Fall, dass diese mit der umstrittenen CCS-Technologie tief in den Untergrund verfrachtet werden.

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Bei „Schäfer Kalk“ wie bei der gesamten Kalkbranche war und ist man aber der Meinung, dass das aus dem Brennen stammende CO2 in dem künstlichen Kalziumkarbonat nicht in die Atmosphäre gelange und deswegen auch keine „Emission“ sein könne. Die EU-Kommission weigerte sich dennoch, diese sogenannte „Carbon Capture and Utilisation“ (CCU) im Bereich der Kalkindustrie als Mittel zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen anzuerkennen. Diese Auffassung ist rechtswidrig, entschied nun Mitte Januar 2017 der Europäische Gerichtshof und legte fest, dass diese Art industrieller Nutzung von CO2 nicht unter den EU-Emissionshandel fällt.

Bisher nur marginale Verbesserung der Klimabilanz

Die Emissionshandelsstelle warnt aber davor, das Urteil sogleich auf alle möglichen Formen industrieller (Wieder-)Verwendung von CO2 zu beziehen. Nach Ansicht der staatlichen Emissionsexperten muss nun für jeden einzelnen Stoff und jede einzelne Verwendung geklärt werden, ob ein mit PCC vergleichbarer Fall vorliegt. Unabhängig von den rechtlichen Fragen sind allerdings die Mengen an Klimagas, die sich durch das künstliche Kalziumkarbonat „festlegen“ lassen, relativ gering. Nach den Daten der Emissionshandelsstelle ließen sich derzeit höchstens rund 100 000 Tonnen CO2 im Jahr auf diese Weise „einsparen“, davon könnten die Papier- und die Sodaindustrie 70 000 und die Kalkindustrie 30 000 Tonnen beisteuern.

Selbst das scheint noch Zukunftsmusik zu sein. Bisher verbessert die stoffliche Nutzung des CO2 die Klimabilanz der Kalkbranche nur marginal. Verbandschef Fuchs geht davon aus, dass der Anteil des gesamten, bei der Kalkherstellung in Deutschland entstehenden CO2, das dann in PCC eingebunden wird, „sehr, sehr gering ist“ – und wahrscheinlich deutlich unter einem Prozent liegt. Fraglich ist auch, wie lange das CO2 wirklich in dem PCC festgehalten wird. Hochwertige Papiere mit dem künstlichen Kalziumkarbonat landen nach Benutzung meist innerhalb weniger Wochen im Altpapier. Wird dieses recycelt, entstehen Papierschlämme, in denen das PCC größtenteils gelöst ist. Die Schlämme werden wiederum in Kraftwerken oder in der Zementindustrie als lukrativer Zusatzbrennstoff eingesetzt. Dabei wird das CO2 aus dem Kalziumkarbonat wieder freigesetzt. In Kunststoffen oder Farben verbleibt das künstliche Kalziumkarbonat zwar deutlich länger, aber auch nicht ewig.

Die stoffliche Nutzung ist damit mehr ein Klimaschutz auf Zeit. Dessen ungeachtet hält die Emissionshandelsstelle, die dem Umweltbundesamt angegliedert ist, es für sinnvoll, Klimagase wie CO2 stofflich zu nutzen und mögliche Minderungspotenziale zu untersuchen.

Jörg Staude ist Journalist beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die Frankfurter Rundschau die Berichterstattung zu Klima und Umwelt intensiviert.

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