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Je unterschiedlicher junge Menschen sind, desto vielfältiger müssen Erziehungsansätze sein.

Erziehung

Jedes Kind darf eigentümlich sein

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Die Besonderheit junger Menschen stößt an Grenzen unserer Akzeptanz, wenn sie zu extrem ist. Dabei ist jedes Kind einmalig. Der Gastbeitrag.

Die mit unserem Grundgesetz gewollte Meinungs- und Wertevielfalt nimmt im Moment weltweit ab; Journalisten beispielsweise haben darunter zunehmend zu leiden. Aber auch das pädagogische Gebot, dass Kinder voneinander verschieden sein dürfen, scheint bedroht. Im Laufe der Geschichte schwankte das vorherrschende Menschenbild zwischen der genetischen Lehre und der Umwelttheorie mehrfach hin und her. Einige glaubten, die Persönlichkeit werde im Wesentlichen vom Erbgut bestimmt, andere – wie die Marxisten – gingen davon aus, dass vor allem die Erziehung das Wesen des Menschen beeinflusst.

Der deutsche Psychiater Ernst Kretschmer sah sich in den 1920er Jahren sogar veranlasst, verschiedene Körperbautypen wie den Pykniker, den Leptosomen und den Athleten mit der Neigung zu speziellen Geisteskrankheiten wie der manischen Depression oder der Schizophrenie in Verbindung zu setzen und angeblich dazu passende Temperamente zu typisieren, wenn er in Anlehnung an Ärzte der Antike wie Hippokrates und Galenos von Phlegmatikern, Sanguinikern, Cholerikern und Melancholikern sprach.

Heute wissen wir, dass die Wahrheit – wie immer – in der Mitte liegt, dass also der einzelne Mensch je etwa zur Hälfte Produkt seiner Gene und der auf ihn wirkenden Einflüsse, die neun Monate vor der Geburt beginnen, ist. Und die von Kretschmer beschriebenen Körperbautypen und Temperamente kommen in den reinen Formen nur sehr selten vor.

Schon jedes Kind ist einmalig; ein solches gab es noch nie zuvor, und ein solches wird es auch nie wieder geben. Das gilt selbst für eineiige Zwillinge, die gemeinsam in einem Milieu aufwachsen. Wenn wir sie von außen nicht gut unterscheiden können, so kann es ihre Mutter dennoch, auch weil beide sich in ihren Vorlieben voneinander unterscheiden wollen. Jeder Zwilling will auch immer etwas Eigenes haben, mit dem er unverwechselbar wird.

Die Bandbreite menschlicher Eigentümlichkeiten stößt jedoch auch auf Grenzen der Akzeptanz, und zwar an ihren Extremen: Ein Baby, das unentwegt schreit, wollen wir mit seiner Eigentümlichkeit nicht dulden, auch dann nicht, wenn uns mit Zahlen verdeutlicht wird, dass Jungen eher und öfter schreien als Mädchen und dass sein Schreien immer auch einen konkreten Grund hat, weil es beispielsweise Ohrenschmerzen hat. Also gibt es in Deutschland Schreiambulanzen für solche Kinder, ebenso wie es Brutkästen für Frühgeborene, Pflege- und Adoptionsfamilien sowie Vollheime für Waisen, Privatgymnasien für Legastheniker, Schwimm-, Tennis-, Fußball- und Skigymnasien, Internate für Hochbegabte, Kliniken für Asthmatiker und Neurodermitiker, erlebnispädagogische Reisen und Segelschiffprojekte für Drogenabhängige und so weiter gibt.

 Recht auf Eigentümlichkeit immer?

Innerhalb einer akzeptierten Bandbreite fangen wir Kinder mit Musikschulen, als Mitglieder der Waldjugend, als Überspringer von Klassen oder gar als 14-jährige Studenten ein; außerhalb der akzeptierten Bandbreite schalten wir Erziehungsberatungsstellen, Kinderärzte und Schulpsychologen ein, greifen zum Hörer, um Hilfe über Erziehungs- und Schulsorgentelefone zu suchen, und fordern geschlossene Heime und Jugendstrafanstalten für besonders „verhaltensoriginelle“ junge Menschen.

Wie gehen wir damit um, wenn wir unseren zwölfjährigen Sohn beim Rauchen oder Onanieren erwischen? Was bedeutet es, wenn ein zehnjähriger Junge die Genitalien seiner fünfjährigen Schwester anfasst? Wie sieht es mit dem Recht auf Eigentümlichkeit aus, wenn ein neunjähriges Mädchen esssüchtig und übergewichtig ist oder wenn ein 15-Jähriger sich immer wieder stundenlang in seinem Zimmer einschließt und nur noch mit dem Internet kommuniziert? Und wie sieht es aus, wenn ein Jugendlicher ständig überlaut Rapmusik hört, sich nie die Zähne putzen will oder in eine rechtsextreme Gruppierung abdriftet? Ist die Eigenart der Tochter, überall zu spät zu erscheinen, genauso zu bewerten oder gar hinzunehmen wie die ihres Bruders, überall zu früh zu erscheinen?

In unserer Zeit der sich aufrichtenden Ichs und zunehmender Konkurrenz in unserer Winner-and-Loser-Society fordern viele, die vom Grundgesetz begünstigte Individualisierung ein wenig zurückzufahren. Die Beamten und Soldaten Preußens sollten alle noch in etwa gleicher Weise funktionieren; in unserer modernen Gesellschaft wollen wir so etwas nicht mehr; wir möchten eher die unverwechselbare Besonderheit des Einzelnen betonen und sind deshalb auch gegen Schuluniformen. Aber wenn die Eigentümlichkeiten zulasten der Allgemeinheit gehen, dann ist für uns Schluss, außer wenn der Einzelne nichts für seine Besonderheit kann, weil er Rot-Grün-blind, IQ-schwach oder körperbehindert ist. Die Eigentümlichkeit des Einzelnen bereitet nicht nur oft der Gesellschaft Schwierigkeiten, sondern meist auch dem Betroffenen selbst; er ist deshalb geneigt, die Nähe zu ähnlich Eigentümlichen zu suchen. Viele Kinder müssen gestärkt werden, um mit ihrer Besonderheit besser klarzukommen, sonst werden die Rothaarigen gehänselt, die Lernbehinderten ausgelacht, die Hyperaktiven gemieden, die Übergewichtigen in keine Fußballmannschaft gewählt, die Schwulen gezwungen, Heterosexualität vorzugaukeln, und vaterlos aufwachsende Jungen zur Lüge gezwungen, ihr Papa sei beruflich im Ausland unterwegs.

Übereinstimmung von Eigentümlichkeit und Ichfindung 

Wenn die Eigentümlichkeit des jungen Menschen unveränderbar ist, muss er seiner Besonderheit zustimmen. Erziehungsauftrag ist dann, eine Übereinstimmung von Eigentümlichkeit und Ichfindung hinzubekommen, was nur über viele Erfolge und eine dadurch bewirkte Erhöhung des Selbstwertgefühls gelingt sowie über das Eintrainieren von Verhaltensalternativen für kritische Lebenssituationen.

Sollte die Eigentümlichkeit des jungen Menschen hingegen nicht akzeptabel, aber veränderbar sein, dann muss er deutlich auf einen anderen Weg gebracht werden, was umso schwieriger gelingt, je älter er ist. Aber selbst bei 17-Jährigen kann es noch funktionieren, wenn man die vorherige Verständnis- und Appellationspädagogik verlässt, wenn man seine bisherigen Hauptbezugspersonen mit ihren eingefahrenen Verhaltensweisen austauscht und ihn stattdessen überdeutlich – am besten unerwartet – mit seinen eintrainierten Besonderheiten – seien es Körperverletzungen, Eigentumsdelikte, schwerer Drogenkonsum oder Sprachgewalt – konfrontiert.

Dabei muss man sogar eventuell mit Gewalt gegen Gewalt vorgehen, etwa im Rahmen des Antiaggressivitätstrainings „auf dem heißen Stuhl“ in Jugendstrafanstalten. Dabei stellen Gleichaltrige, die früher auch etwas Schlimmes getan haben, den in der Mitte Sitzenden massiv und körperlich bedrängend für seine Taten zur Rede, und zwar so lange, bis er sich gegenüber den anderen und sich selbst zu einer entschiedenen Wandlung verpflichtet.

 Wir bräuchten neun Millionen verschiedene Schulformen 

Dass Kinder sehr eigentümlich, also ganz anders als andere sein dürfen, muss als großer Fortschritt in der menschlichen Geschichte betrachtet werden. Erziehung wird dadurch jedoch nicht leichter, denn je mehr Eigentümlichkeiten wir akzeptieren, desto mehr unterschiedliche Erziehungsweisen benötigen wir. Je mehr Eigentümlichkeiten wir akzeptieren, desto mehr begünstigen wir aber auch das Entstehen neuer Eigentümlichkeiten, die wir nicht mehr bejahen.

Freuen wir uns zunächst bei einem jungen Menschen über einen Ohrring oder ein kleines Tattoo, kann es passieren, dass in der Folge mit ihm jemand heranwächst, dessen ganzer Körper schließlich mit Ringen gepierct oder von Tattoos übersät ist.

Jedenfalls werden wir nie ganz die Spannung auflösen können, dass Ältere nicht akzeptieren, was bei Jungen eine hohe Akzeptanz hat, dass Junge nicht mehr weiterführen wollen, was für Ältere noch wünschenswert ist, dass Christen nicht mitmachen mögen, was für Moslems selbstverständlich ist, und dass heutige Kinder eine ganz andere Erziehung benötigen, als Erwachsene kennen und umzusetzen bereit sind.

In unserer so oft beschriebenen schnelllebigen Zeit verändert sich die Gesellschaft rascher, als die meisten Menschen bereit sind, dazu passend auch die Erziehungsweisen zu ändern. Eigentlich bräuchten wir für die knapp neun Millionen Schüler, die wir zur Zeit in Deutschland haben, auch knapp neun Millionen verschiedene Erziehungsweisen und auch knapp neun Millionen verschiedene Schulformen – eigentlich.

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