Zimmer mit Aussicht in die Unendlichkeit: Die Internationale Raumstation im April 2018, aufgenommen von einem Crewmitglied nach dem Abdocken der Sojus-Kapsel.
+
Zimmer mit Aussicht in die Unendlichkeit: Die Internationale Raumstation im April 2018, aufgenommen von einem Crewmitglied nach dem Abdocken der Sojus-Kapsel.

Internationale Raumstation

Internationale Raumstation (ISS): Es gibt seit 20 Jahren Leben im All

  • Marvin Ziegele
    vonMarvin Ziegele
    schließen
  • Tanja Banner
    Tanja Banner
    schließen

Und das nur ein paar Flugstunden mit der Rakete entfernt: Heute vor 20 Jahren bezog die erste Langzeitcrew die Internationale Raumstation.

Da schwebt sie, hoch oben, ungefähr 400 Kilometer über unseren Köpfen: die Internationale Raumstation ISS. Oder, wie sie der Astronaut Alexander Gerst einmal umschrieb: Die „komplexeste, wertvollste und unwahrscheinlichste Maschine, die die Menschheit jemals gebaut hat“.

Die ISS wird seit 20 Jahren dauerhaft von Menschen bewohnt. Sie ist etwas größer als ein Fußballfeld und – von wegen schweben – umkreist die Erde mit einer Geschwindigkeit von 28 000 Kilometern pro Stunde. Wer sich auf der ISS aufhält, sieht alle 90 Minuten einen Sonnenaufgang, und umrundet die Erde 16 Mal am Tag.

20 Jahre ISS: Das größte internationale Projekt im Weltraum

Bei der ISS ist es, wie bei vielen großen Projekten: Die Idee, der Traum, eine Raumstation in der Erdumlaufbahn zu betreiben und Menschen zum Arbeiten und Wohnen hinaufzuschicken, ist deutlich älter als die Raumstation selbst. Bereits vor der ersten Mondlandung im Jahr 1969 träumte man in den USA von einer Raumstation, doch zunächst einmal konzentrierte man sich auf das „Apollo“-Programm und brachte insgesamt zwölf Astronauten auf den Mond. Die erste Raumstation schickte unterdessen die Sowjetunion in die Erdumlaufbahn: „Saljut-1“ startete im Jahr 1971 und war insgesamt an 24 Tagen mit einer Crew besetzt, bevor sie in der Erdatmosphäre verglühte.

Anfangspunkt: Eines der ersten Module wird per Space-Shuttle ins All gebracht.

Auch wenn das „space race“ zwischen den USA und der Sowjetunion mit den ersten Schritten von Neil Armstrong auf dem Mond als beendet galt, wetteiferten die beiden Weltraummächte weiter: Zwei Jahre nach der sowjetischen Pionierstation startete das erste US-Pendant: „Skylab“. Etwa acht Monate war die US-Raumstation besetzt, insgesamt wurde sie von neun Menschen im All besucht. In den folgenden Jahren richtete sich das Augenmerk der US-Raumfahrt auf die Entwicklung des wiederverwendbaren Space Shuttles, während die Sowjets einige weitere „Saljut“-Raumstationen starteten und 1986 schließlich die Raumstation „Mir“ ins All brachten.

Internationale Raumstation (ISS): „Space Race“ zwischen USA und der Sowjetunion

Zwei Jahre zuvor hatte US-Präsident Ronald Reagan erklärt, es sei das „nationale Ziel“ der USA, eine „ständig bemannte Raumstation innerhalb eines Jahrzehnts zu bauen“. Der Name des Projekts: „Freedom“. Doch die geplante Raumstation stand unter keinem guten Stern: Mehrfach wurden dem Projekt die Mittel gekürzt, bei mehreren großen Redesigns wurde die „Freedom“ immer weiter abgespeckt – letztlich wurde die US-Raumstation überhaupt nicht gebaut. An ihre Stelle trat etwas, das man zur Zeit des Kalten Kriegs wohl für undenkbar gehalten hätte: Eine großangelegte Kooperation mit Russland.

Mittlerweile war der Eiserne Vorhang gefallen und der Kalte Krieg beendet. Unter US-Präsident Bill Clinton wurden das „Freedom“-Projekt der Nasa und ein sowjetisches Projekt für eine Nachfolgerin der „Mir“ miteinander verschmolzen. Der Name der neu geplanten Raumstation: International Space Station (ISS). Bis zum Beginn des Aufbaus im All im Jahr 1998 hatten sich 13 weitere Länder dem Großprojekt angeschlossen: elf Esa-Staaten sowie Kanada und Japan.

20 Jahre ISS: Raumstation, Labor und Sternwarte

Entstehen sollte eine Raumstation, auf der Menschen unterschiedlichster Nationalitäten zusammenarbeiten. Im unwirtlichen Weltall wären sie nur geschützt durch das, was Wissenschaftler:innen und Ingenieure aus aller Welt gemeinsam entwickeln würden: die einzelnen Module der Internationalen Raumstation. Die ISS sollte Labor, Sternwarte und vieles mehr sein. Heute wird die Raumstation unter anderem auch für Bildungszwecke genutzt.

1998 startete das russische Modul „Sarja“ mit einer Schwerlastrakete ins All, zwei Wochen später transportierte ein Space Shuttle den Verbindungsknoten „Unity“ hinterher, der mit „Sarja“ verbunden wurde. Zwei Jahre später dockte das Wohnmodul „Swesda“ automatisch an die bisher nur sehr rudimentäre ISS. Im weiteren Verlauf brachten Logistikflüge Vorräte und Ausrüstung zur ISS, Astronautinnen und Astronauten installierten lebenswichtige Systeme, die beispielsweise Atemluft aufbereiten konnten.

ISS: Seit 20 Jahren forschen Astronauten auf der Raumstation

Und dann war es soweit: Am 2. November 2000 erreichte die erste Langzeitcrew die Internationale Raumstation. Juri Gidsenko, Sergej Krikaljow und William Shepherd lebten und arbeiteten bis März 2001 auf der ISS und bauten die Station dabei weiter aus. „Wir bezogen einen unbewohnten Außenposten und besitzen jetzt eine voll funktionsfähige Station“, freute sich der erste ISS-Kommandant Shepherd über den Erfolg der ersten Langzeitbesatzung. Bis heute sollten noch viele Astronautinnen und Astronauten, aber auch noch viele weitere ISS-Module folgen. 240 Menschen aus 19 Ländern haben die Internationale Raumstation bisher bewohnt.

Mehr als 200 Außenbordeinsätze wurden durchgeführt, um die ISS auszubauen und zu warten, während im Innern der Raumstation zahlreiche wissenschaftliche Experimente stattfinden. Dabei sind häufig die Astronautinnen und Astronauten selbst Forschungsobjekt, beispielsweise bei dem Experiment „Immuno-2“. Es soll herausfinden, wie das menschliche Immunsystem durch Stress beeinflusst wird. Medizinischen Untersuchungen zufolge kann Stress psychische Erkrankungen auslösen, wie etwa das Burnout-Syndrom. Für ein Stress-Experiment bietet die Internationale Raumstation die besten Voraussetzungen: Der Weltraum und die ISS sind Lebensräume mit zahlreichen Stressfaktoren, wie beispielsweise Isolation, Schwerkraft oder unregelmäßiger Schlaf. Das Experiment soll die Zusammenhänge zwischen Stress, dem menschlichen Gehirn und dem Immunsystem besser verständlich machen und möglicherweise zur Entwicklung neuer Therapien zur Behandlung stressbedingter Krankheiten führen.

Aussichtspunkt: Astronaut Koichi Wakata schaut von der Cupola ins All.

Zahlreiche Krankheiten, die auf der Erde weit verbreitet sind, wurden bisher auf der ISS ohne den Einfluss der irdischen Schwerkraft untersucht: Alzheimer, Parkinson, Krebs, Asthma, Herzkrankheiten – sie alle waren bereits Thema in dem schwerelosen Labor in der Erdumlaufbahn. Für einige Krankheiten wurden Medikamente auf Grundlage der Forschung auf der ISS entwickelt. Die Erforschung des Knochenschwunds in der Schwerelosigkeit führte zu neuen Behandlungen von Osteoporose-Patienten auf der Erde.

20 Jahre ISS: Experimente sollen neue Krankheitstherapien ermöglichen

Aber nicht nur die Medizin ist ein wichtiges Thema auf der ISS. Die Raumstation wird beispielsweise auch für „Icarus“ genutzt. Für dieses Experiment werden Vögel auf der Erde mit kleinen Sendern ausgestattet, die es den Forschenden auf der ISS ermöglichen, ihre Bewegungen zu verfolgen. Da die Raumstation einen Großteil der Erdoberfläche überblickt, können größere Datenmengen ausgewertet werden. Das Experiment soll dabei helfen, die Auswirkungen des Klimawandels abzuschätzen, das Verhalten von Zugvögeln zu erklären und die Ausbreitung von Epidemien wie der Vogelgrippe zu verhindern.

Auch physikalische Experimente werden auf der ISS durchgeführt. Im „Cold Atoms Lab“-Experiment werden Wolken von Rubidium- und Kaliumatomen erzeugt, deren Bewegung dann mit Laserlicht abgebremst wird. Anschließend bleiben nur die langsamsten und kältesten Atome übrig, die sich wie ein einziges großes Atom verhalten – ein „Bose-Einstein-Kondensat“ ist entstanden. Das Phänomen existiert in der Schwerelosigkeit länger und soll auf der ISS untersucht werden. Damit könnten Navigationssysteme sowie Atomuhren verbessert werden.

Internationale Raumstation (ISS): Bakterien überleben im All

Auch die Frage, ob kleinste Lebensformen im All überleben könnten, beschäftigt die Forschenden auf der ISS. Dazu setzten sie Bakterien des Stammes Deinococcus radiodurans für drei Jahre an der Außenhülle der ISS den harschen Bedingungen des Weltalls aus, anschließend wurden sie wieder an Bord der Raumstation geholt. Die äußere Schicht der Bakterien war zwar abgestorben, bildete aber gleichzeitig einen Schutzschirm für die sich im Inneren der Bakterien befindende DNA. Damit wurde erstmals nachgewiesen, dass kleinste Organismen den extrem unwirtlichen Bedingungen des Weltraums standhalten können.

Neben den zahlreichen wissenschaftlichen Experimenten betätigen sich viele der Astronautinnen und Astronauten an Bord der ISS auch als Fotografen. Es gibt unzählige faszinierende Aufnahmen der Erde aus der einmaligen Perspektive der Raumstation. Wer diese Bilder sieht, bekommt ein Gefühl dafür, warum viele Astronautinnen und Astronauten die Erkenntnis „Aus dem Weltall sieht man keine Grenzen“ mit zurück zur Erde bringen. Im Innern der ISS gibt es ebenfalls keine Grenzen – auch wenn sie offiziell aus einem russischen und einem amerikanischen Teil besteht. Das zeigte ein Beispiel ganz deutlich: Selbst als die Spannungen zwischen den USA und Russland auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise immer größer wurden, arbeiteten Russen und Amerikaner an Bord der ISS weiter zusammen. Zwar knirschte es auf der Erde in der Beziehung zwischen Nasa und der russischen Weltraumbehörde Roskosmos, doch in einer von der Nasa verbreiteten Erklärung hieß es damals, dass „Nasa und Roskosmos weiter gemeinsam am sicheren und andauernden Fortbetrieb der Internationalen Raumstation arbeiten“.

ISS: Nasa plant kommerzielle Nutzung der Raumstation

Wie geht es mit der ISS weiter? Einige Module haben ihre geplante Haltbarkeit längst überschritten, wie die immer häufiger auftretenden Probleme deutlich zeigen. Trotzdem soll die ISS rein technisch bis 2030 weiter genutzt werden können. Frühestens Ende 2021 soll erstmals ein privates Wohnmodul an die Raumstation angedockt werden, das möglicherweise später erweitert und als private Raumstation abgedockt wird. Die Nasa plant generell, die ISS für kommerzielle eine Nutzung zu öffnen – so soll in Zukunft ein Hollywoodfilm mit Tom Cruise in der Raumstation gedreht werden, außerdem ist der Dreh eines Werbespots im Gespräch.

Eine endgültige Entscheidung über das Ende der ISS gibt es derzeit nicht. Die Pläne von Nasa und Roskosmos reichen bis 2024, doch der Weiterbetrieb der Raumstation ist immer auch eine Frage des Geldes: Die ISS ist nicht nur das „unwahrscheinlichste“, sondern auch das teuerste Objekt, das jemals gebaut wurde. Alleine bis 2010 beliefen sich die Kosten auf 150 Milliarden US-Dollar – und seitdem dürften noch gewaltige Beträge dazugekommen sein. (Tanja Banner und Marvin Ziegele)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare