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Muslimische Schüler sollen sich im bekenntnisorientierten Unterricht??mit?ihrer Religion befassen.

Bekenntnisorientierter Unterricht

Islamische Religionslehrer?gesucht

Gut ausgebildete islamische Religionslehrer werden dringend gebraucht. Doch wie ein moderner islamischer Religionsunterricht in der Praxis aussehen soll und wie sich das Berufsbild künftig entwickelt, darüber wird in fast allen Bundesländern noch heftig diskutiert.

Von Michael Billig

Welchen Raum soll der Koran im Unterricht einnehmen? Wie sieht der Lehrplan für einen modernen islamischen Religionsunterricht einerseits – und der islamischen Theologie andererseits aus?

Seit Jahrzehnten kämpfen Muslime in Deutschland für bekenntnisorientierten Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. In Nordrhein-Westfalen nimmt die Umsetzung nun Gestalt an, denn das Bundesland gehört zu den Vorreitern bei diesem Thema. Landesregierung und der Koordinierungsrat der Muslime (KRM) hatten sich bereits im Februar auf einen bekenntnisorientierten Islamunterricht geeinigt. Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) kündigte die Einführung für das Schuljahr 2012/13 an.

Löhrmann will „pragmatisch vorgehen“ und den islamischen Religionsunterricht Schritt für Schritt einführen. Der Bedarf in NRW ist größer als anderswo. Denn von deutschlandweit 700.000 muslimischen Schülern lebt fast die Hälfte in dem einwohnerreichsten Bundesland.

Während ihre christlichen Mitschüler evangelischen oder katholischen Religionsunterricht besuchen, müssen sich die Muslime zwischen Rhein und Ruhr seit nunmehr zwölf Jahren mit einer Übergangslösung abfinden. „Islamkunde in deutscher Sprache“ heißt das Fach, das 1999 als sogenannter Schulversuch eingeführt wurde. An mehr als 130 Schulen steht es mittlerweile auf dem Stundenplan. Diese Schulen sollen auch die ersten sein, die bekenntnisorientierten Religionsunterricht anbieten. Bis es soweit ist, feilen das nordrhein-westfälische Schulministerium und der Koordinationsrat der Muslime an einem Lehrplan.

In Hessen ist man davon noch ein ganzes Stück entfernt. „Wann konkret islamischer Religionsunterricht eingeführt wird, lässt sich noch nicht sagen“, heißt es im Kultusministerium. Seit 2009 ist in Wiesbaden von einem Runden Tisch die Rede. Wer daran Platz nehmen darf, wird jedoch immer noch geprüft. Anträge liegen von der türkischen Religionsbehörde Ditib und dem Verein Ahmadiyya Muslim Jamaat vor.

Andere Bundesländer sind da weiter. In Niedersachsen arbeiten der Landesverband der Muslime und Ditib Seite an Seite mit der Landesregierung. Den Verbänden obliegt es, die Einstellung von Lehrern zu bestätigen.

Wie viele Lehrer jeweils in den Bundesländern gebraucht werden, ist noch unklar. Denn niemand kann vorhersagen, wie viele muslimische Schüler das Angebot tatsächlich nutzen werden. In NRW tritt Schulministerin Löhrmann deshalb erst einmal auf die Bremse: „Wir werden nicht sofort hunderte oder gar tausende Lehrerstellen benötigen.“ Klar aber ist, wo die Lehrer herkommen sollen: Die Uni Münster schmückt sich seit 2004 mit der Ausbildung islamischer Religionslehrer, doch richtig in Gang kommt sie erst jetzt.

In Kooperation mit der Uni Osnabrück gehört Münster neben Erlangen-Nürnberg, Tübingen und Frankfurt/Gießen zu den vier auserwählten Zentren für Islam-Studien. Der Wissenschaftsrat hatte im Januar 2010 die Gründung dieser Einrichtungen empfohlen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert sie in den nächsten fünf Jahren mit jeweils vier Millionen Euro. Politiker und Wissenschaftler sprechen ihnen eine Schlüsselrolle bei der Integration von Muslimen zu. Neben Lehrern sollen die Zentren künftig Theologen und Imame ausbilden.

Doppelstandort in Hessen

Der Doppelstandort in Hessen drohte beinah zu scheitern. Es gab Gerangel um Kompetenzen. Nun übernimmt die Uni Gießen die Lehrerausbildung. An der Uni Frankfurt siedeln die Professuren für islamische Theologie an.

Den Betrieb nehmen die Zentren für Islam-Studien offiziell zum kommenden Wintersemester auf. Voraussetzung ist ein Beirat, in dem Stellvertreter des Islams in Deutschland sitzen. Auch hier bekommen die muslimischen Verbände Einfluss zugesprochen. Der Beirat entscheide ausschließlich in bekenntnisrelevanten Fragen, heißt es von der Uni Tübingen, wo jüngst das erste Gremium dieser Art vorgestellt wurde. Andernorts müssen sich die Beiräte erst noch finden. Auch die Besetzung aller Lehrstühle wird laut Experten noch viel Zeit brauchen.

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