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Eckhard Klieme: Die aktuelle Debatte zeigt wieder einmal, dass Noten sehr viel Aufmerksamkeit erhalten.

Bildungspolitik

„Man kann im Schulalltag auf Noten verzichten“

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Bildungsforscher Eckhard Klieme spricht in der FR über den Sinn und Unsinn von Tests und faire Bewertungen.

Herr Klieme, der Philologenverband fordert eine strengere Benotung von Abiturienten, weil der Notenschnitt immer besser wird. Welche Position vertreten Sie?
Es ist unbestreitbar, dass es einen Trend zu besseren Noten gibt. Dahinter steckt aller Wahrscheinlichkeit nach kein ebenso großer Leistungsanstieg auf Seiten der Schüler. Diese sogenannte Noteninflation beobachten wir seit Jahrzehnten. Im Prinzip verschieben sich aber nur die Maßstäbe. Die Konkurrenz um Ausbildungs- und Studienplätze gab es vor 20 Jahren ebenso wie heute. Aber ein Notenschnitt, mit dem man damals noch einen Medizinstudienplatz bekam, reicht heute nicht mehr aus. Beispielsweise bedeutet aktuell eine Vier im Zeugnis keineswegs mehr, dass die Leistung „ausreichend“ ist, um eine gute Zukunft zu sichern.

Auch die Zahl der Einser-Abis steigt kontinuierlich. Kritiker behaupten, dass dadurch das Abitur entwertet wird.
Das stimmt nicht, denn das Abitur ist eine Prüfung, die nach wie vor viele Chancen eröffnet. Nur muss man sich von der Illusion lösen, dass die Noten eines heutigen Abiturienten vergleichbar sind mit den Zensuren seiner Eltern.

In Thüringen etwa hatten 2017 knapp 14 Prozent der Schüler eine Eins.
Eine Eins vor dem Komma bedeutet nicht mehr automatisch, dass es eine exzellente Leistung ist. Heute ist eine 1,0 herausragend, eine 1,3 oder 1,7 schon nicht mehr. Diese Verschiebung im oberen Bereich wäre kein Problem, wenn über Schulen und Länder hinweg einheitliche Bewertungskriterien gälten. Objektiv wissen wir aber leider nicht, wie die Abiturnoten zustande kommen.

Offenbar haben viele den Eindruck, dass es bei der Benotung nicht fair zugeht.
Die Kernfrage ist, was messen Noten, sind sie unterscheidbar und vor allem sind sie vergleichbar. Um in der immer wieder aufflammenden Diskussion über die Gültigkeit von Noten voranzukommen, brauchen wir endlich auch in der gymnasialen Oberstufe eine wissenschaftliche Untersuchung, wie sich die Leistungen bundesweit entwickeln. Darüber liegen uns seit 20 Jahren keine Daten mehr vor.

De facto tappt man im Dunkeln, welchen Leistungsstand die Noten von Abiturienten abbilden?
Ja, denn nationale Bildungsstandards und Vergleichstests gibt es nur in der Grundschule und der Mittelstufe. Seit ihrer Einführung wurden nachweisbare Erfolge bei der Vergleichbarkeit erzielt. Zuvor gab es bei der Benotung deutlich größere Unterschiede. Bildungsstandards geben Lehrern eine Orientierung, welche Kompetenzen die Schüler erreichen sollen. Anhand der Tests bekommen Schulen eine Rückmeldung, wo sie bundesweit stehen. Im Abitur aber nutzen die Länder lediglich einen gemeinsamen Aufgabenpool. Bei Prüfungsbedingungen und Bewertungsmaßstäben gibt es Unterschiede. Nur standardisierte Tests gewährleisten letztlich eine vergleichbare Benotung.

Abiturienten sollten zusätzlich in der stressigen Prüfungsphase noch getestet werden?
Man muss sie ja nicht wenige Wochen vor dem Abitur testen, sondern man kann einen Tag in der Mitte der 12. oder 13. Jahrgangsstufe für einen solchen Test reservieren. Wenn das computergestützt abläuft, kann eine zügige Rückmeldung zum Leistungsstand sogar hilfreich für die Lernenden sein. Ich plädiere keineswegs für so häufige und so stark standarisierte Tests wie in England und den USA. Aber auch wenn sich unsere pädagogische Kultur im internationalen Vergleich durch ein flächendeckend hohes Niveau von Schulen und Hochschulen auszeichnet, brauchen wir mehr Kontrollmechanismen, um Noten fairer zu machen. Leider setzen sich Lehrkräfte oft nicht gern professionell mit der Leistungsbewertung auseinander.

Deutlich mehr junge Menschen machen heute ein Abitur als früher. Verändert sich dadurch der Stellenwert des Abschlusses?
Wenn heute jeder zweite oder dritte ein Abitur macht, garantiert der Abschluss nicht mehr automatisch einen Studienplatz. Viele Abiturienten entscheiden sich mit guten Gründen für eine Ausbildung. Dadurch gibt es in der Oberstufe mehr gemeinsame Bildung für unterschiedliche Schülergruppen. Genau davon haben Politiker in den 1970er-Jahren geträumt, nur ist das derzeit in den Lehrplänen noch nicht umgesetzt. Denkbar wären mehr berufsbezogene Inhalte wie Wirtschaft oder Informatik.

Machen Noten überhaupt Sinn?
Die aktuelle Debatte zeigt wieder einmal, dass Noten sehr viel Aufmerksamkeit erhalten. Aus wissenschaftlicher Sicht kann man im Schulalltag auf Noten verzichten. Viel wirksamer ist eine detaillierte Rückmeldung an Eltern und Schüler zu Stärken und Schwächen sowie eine Beratung zu künftigen Lernfortschritten. In der Grundschule hat sich das weitgehend durchgesetzt, nur gibt es vielerorts ein Rollback. Am Ende der Schulzeit müssen Jugendliche allerdings anhand von Noten auf dem Ausbildungs- und Studienmarkt ihre Qualifikationen dokumentieren. Daher ist es am Ende der Schulzeit besonders wichtig sicherzustellen, dass Noten vergleichbar sind.

Interview: Franziska Schubert

Zur Person

Eckhard Klieme, 64 Jahre, leitet die Abteilung „Bildungsqualität und Evaluation“ am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungs-information (DIPF) in Frankfurt. Seine Forschungsschwerpunkte sind Unterrichtsqualität, Schulwirksamkeit und Messung von Kompetenzen. Außerdem ist er auf internationaler Ebene an der Entwicklung der Fragebögen für die Pisa-Studien beteiligt. (isk)

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