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Theodor W. Adorno (m.) bietet auch 50 Jahre nach seinem Tod reichlich Stoff für grundsätzliche Debatten.

Adorno

„Intellektuelle Quelle gegen die Intoleranz“

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Der US-Historiker Peter E. Gordon hält in Frankfurt die Adorno-Vorlesungen. Ein Gespräch.

Herr Gordon, Sie werden diese Woche die Vorlesungen in Frankfurt zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno halten. Um was wird es gehen?
Die Vorträge sollen die drei allgemeinen Sphären in Adornos Philosophie reflektieren. Ich habe sie lose an Kants drei Kritiken – materialistische Erfahrung, Moral und Ästhetik – angelehnt. Da ich ein wenig Musik studiert habe, hoffe ich, dass die dritte Vorlesung helfen wird zu verstehen, wie Adornos Reflexionen über Kunst und vor allem Musik zum Verständnis seiner Philosophie beitragen.

Was bedeutet Adornos Werk heute für Sie?
Es ist für mich eine große Ehre, die Adorno-Vorlesungen zu halten. Als Enkel von deutsch-jüdischen Flüchtlingen fühle ich eine Verwandtschaft mit Vertretern der Frankfurter Schule, die während der Nazi-Zeit Zuflucht in den USA fanden. Traurigerweise ist die Stimme für Akzeptanz schwächer geworden, nicht nur in den Staaten. In Adorno sehe ich eine wichtige intellektuelle Quelle, um dem Trend der Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit zu widerstehen.

Adorno wurde von seinen Studenten kritisiert, er wäre zu theoretisch. Die Studierenden wollten praktische Lösungen.
Adorno war in allererster Linie ein Philosoph, der sich mit sehr abstrakten Problemen beschäftigte. Es stimmt, dass seine erste Aufgabe nicht die eines politischen Wissenschaftlers war, der praktische Fragen über eine post-kapitalistische Gesellschaft stellte. Er ist besser darin, Fragen zu stellen als praktische Lösungen zu geben. Für ihn war es wichtig, eine kritische Perspektive auf die Gesellschaft zu haben, sie nicht als gegeben zu akzeptieren und zu erkennen, welche Probleme sie haben könnte.

War Adorno ein Marxist?
Ich denke, dass er auf eine Art mit Marx verbunden war, aber in einem sehr undogmatischen Sinn. Er gab jede Art von Überzeugung eines revolutionären Klassenbewusstseins auf, er glaubte auch nicht an die Produktionsweise als grundlegende Kraft des sozialen Wandels. Aber auch Marx war eher ein Kritiker des Kapitalismus als ein Utopist. Sein berühmtes Buch war eher eine Kritik der politischen Ökonomie als ein revolutionärer Aufruf. Trotzdem war der Materialismus sehr wichtig für Adorno. Er nahm den Gedanken sehr ernst, dass die Kerneigenschaft des menschlichen Lebens ein sinnhaftes Verständnis der materiellen Welt sei. Und wenn die materiellen Voraussetzungen nicht befriedigt werden, entstehen alle möglichen Widerstände, sozial und kulturell.

Ihr Kollege Steven Pinker geht in „Aufklärung jetzt!“ von einem radikalen Fortschrittsoptimismus aus und wirft der Frankfurter Schule Pessimismus vor.
Ich interessiere mich nicht für solche populären Erklärungen. Ein aufrichtiger philosophischer Anspruch versucht die Unterscheidung zwischen „optimistisch“ und „pessimistisch“ zu vermeiden hinsichtlich des komplexen Erbes der Aufklärung. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Pinker ausreichend mit der Frankfurter Schule auseinandergesetzt hat, um solche Urteile zu fällen. Der Frankfurter Schule „Pessimismus“ vorzuwerfen, ist sicherlich unpräzise. Die „Dialektik der Aufklärung“, welche allgemein als „dunkelstes Werk“ angesehen wird, wurde geschrieben in der Hoffnung, dass die Aufklärung gerettet werden kann, dass wir selbst-reflektiert denken können. Adorno wird oft als Pessimist gesehen, wenn er sagt, es gäbe kein richtiges Leben im falschen. Ich würde sagen, dass dies eine falsche Interpretation ist. Adorno erlaubt flüchtige utopische Blicke. Er sieht sie in der Kindheit, in Tieren und natürlich in der Kunst. Die Frankfurter waren Verteidiger von Widerstand und Freiheit, sie glaubten an die „Erziehung zur Mündigkeit“.

Der Historiker Peter E. Gordon.

Aber in der „Dialektik der Aufklärung“ steht, dass der Nationalsozialismus trotz der Hochkultur in Deutschland entstand.
Horkheimer und Adorno waren sehr belesen, durchdrungen von der europäischen Hochkultur. Sie sahen das scheinbare Paradoxon, dass ihr zivilisiertes Geburtsland in eine solche Barbarei zurückfallen konnte. Für sie war der Rückfall in die Barbarei aber gar nicht so abwegig. Die moderne Zivilisation hat es nicht geschafft, ihre eigenen moralischen und politischen Ideale zu erfüllen. Die Moderne bringt technische Möglichkeiten, während sie gleichzeitig die Schutzlosen ausgrenzt oder sogar verfolgt.

Sehen wir das Umschlagen von Zivilisation in Barbarei am aktuellen Erfolg rechter Parteien?
Es gibt natürlich Ähnlichkeiten zwischen dem Faschismus des 20. Jahrhunderts und den neuen rechten Bewegungen. Stephen Bannon beispielsweise bewundert Julius Evola, einen der Ideologen des europäischen Faschismus. Es gibt auch einzelne Versuche, Sprache und Symbole der alten Bewegungen zu übernehmen: Trumps „America First“ ist entliehen aus dem fremdenfeindlichen Vokabular des 20. Jahrhunderts. Aber es gibt auch Unterschiede, so kann die neue Bewegung das Bewusstsein der Vergangenheit nicht unterdrücken. Es ist weniger der Aufschwung einer echten populistischen Stimmung als die „fabrizierte“ Stimmung der Bevölkerung, welche unter einer Übersättigung durch Pseudo-Information in den Medien leidet, also das, was Adorno „Kulturindustrie“ nannte.

Könnte das Umschlagen in die Barbarei durch eine Wirtschaftskrise entstehen?
Der neue Populismus ist nicht wirklich das Produkt der ökonomischen Krise. Es gibt einen gewissen Glauben, dass Trump der verzerrte Ausdruck eines ökonomischen Missstands sei. Das ist sicherlich nicht falsch, jedoch ist es nicht die ganze Wahrheit. Eine Handvoll Staaten, der „Iron Belt“, die früher für Obama gestimmt hatten, wechselten 2016 zu Trump. Aufgrund der Eigenarten des „Electoral College“ verhalf diese kleine Veränderung beim Wahlmännerkollegium Trump, Präsident zu werden. Die technische Frage, warum Trump gewann, sollte jedoch nicht mit der allgemeinen Frage verwechselt werden, was Trump und seine Bewegung repräsentieren. Seine Bewegung ist nichts Neues in der Tradition des Rassismus, der Xenophobie oder der Bewunderung von Reichtum, welche seit Jahrzehnten alltäglich im amerikanischen Mainstream sind. Trump macht diese Trends nur klarer.

Adorno sah die Wurzeln des Faschismus unter anderem in einer autoritären Erziehung. Werden Kinder nicht mehr so autoritär erzogen?
Die Studie ist heute leider immer noch aktuell. Die Idee war, psychometrische Techniken zu entwickeln, die messen, wie unpolitische Einstellungen mit der Empfänglichkeit für faschistische Propaganda korrespondieren. Es wäre naiv zu glauben, dass das Potenzial für Faschismus auf die Erziehung der Kinder reduzierbar ist. Die generelle Erkenntnis der Studie ist aber immer noch gültig: Faschismus ist mehr als nur eine politische Form unter anderen, und nur das verkrampfteste universitäre Denken würde behaupten, dass die Standardinstrumente der politischen Wissenschaft ausreichen würden, die unheimliche Irrationalität, einer Figur wie Trump, zu erklären.

Interview: Nikolaus Gietinger

Zur Person

Peter E. Gordon ist Geschichtsprofessor an der Universität Harvard in den USA. Sein Schwerpunkt liegt auf der europäische Kontinentalphilosophie,

in Person von Martin Heidegger und Theodor W. Adorno. Er ist Co-Autor des 2018 erschienenen Buches „Authoritarianism“. Die Vorlesungen werden vom 12. bis 14. Juni jeweils um 18.30 Uhr, im Hörsaalgebäude, Mertonstraße 17 - 21, Hörsaal IV, auf dem Campus Bockenheim gehalten. prng

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