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Selbst heute noch wirkt die Masse auf andere mitreißend.
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Selbst heute noch wirkt die Masse auf andere mitreißend.

Nationalsozialismus

Den Intellekt massenhaft ausgeschaltet

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Karl Marbe beschrieb als erster Wissenschaftler während der Nazidiktatur das Phänomen der Massenpsychologie – jetzt ist sein Werk wieder aufgetaucht.

Besonders beeinträchtigt wird die Intelligenz der Menschen auf suggestivem Wege, wenn sie zu Gliedern von Gemeinschaften werden, die psychologische Massenerscheinungen ... darstellen. Solche kommen immer dann zustande, wenn sich infolge der suggestiven Wirkung von Angst und Not, von Begeisterung, Hoffnungen und vielem anderem zunächst einige, dann viele und schließlich Massen von Menschen in Gedanken, Worten und Werken kritiklos nachäffen.“ Das konstatierte vor mehr als 70 Jahren, in düsteren Zeiten, der deutsche Psychologe Karl Marbe.

Als typische Beispiele solcher „Massenerscheinungen“, bei denen er den Intellekt der Beteiligten weitgehend ausgeschaltet sah, führt der Wissenschaftler denn auch den Zweiten Weltkrieg und „die ihm vorangegangene Revolution“ an. Was damals mit den Deutschen passiert ist, ihre maßlose, oft unreflektierte Begeisterung für Adolf Hitler – das vergleicht der Psychologe unter anderem mit dem religiös-wahnhaften Geißlertum des Mittelalters, als „Männer und Weiber aller Stände und jeden Alters, die Priester mit Kreuzen und Fahnen voran, selbst im strengsten Winter nackt bis zum Gürtel durch die Straßen der Städte umher zogen und sich selbst, geistliche Lieder singend bis aufs Blut peitschten“.

Karl Marbe, der 1905 Gründer des Instituts für Psychologie in Frankfurt und später Direktor des Würzburger Psychologischen Instituts war, schrieb seine Erkenntnisse zu massenpsychologischen Phänomenen unter dem Titel „Zeitgemäße populäre Betrachtungen für die kultivierte Welt“ während der nationalsozialistischen Diktatur nieder.

Er tat das allerdings nicht unter seinem eigenen Namen: Als Autorenzeile ist auf dem Deckblatt lediglich „Von einem deutschen Gelehrten“ zu lesen. In seinem Werk wird der Wissenschaftler deutlicher: Er erklärt das Wesen psychologischer Massenerscheinungen, die in Deutschland ein so verheerendes Ausmaß annahmen, nicht allein auf leicht verständliche Weise, sondern veranschaulicht seine Ausführungen auch anhand von historischen und zeitgenössischen Beispielen; eine damals brandgefährliche Form wissenschaftlicher Aufklärung. Sein 168 Seiten fassendes Buch hat Karl Marbe im August 1945 abgeschlossen; unmittelbar, nachdem das US-Militär Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatte und der Zweite Weltkrieg beendet war.

Manuskript jahrzehntelang verschwunden

Erschienen sind die „Zeitgemäßen Betrachtungen für die kultivierte Welt“ allerdings nie. Ob Marbe ursprünglich vorhatte, sein hochbrisantes Buch – er selbst sprach von der „verbotenen Schrift“ – noch zu Zeiten des Nationalsozialismus zu veröffentlichen, kann im Nachhinein nur spekuliert werden. Eine Notiz zu seinem Manuskript weist darauf hin, denn sie trägt die Anmerkung „Nur bis S. 45 zensurgerecht“.

Auf jeden Fall aber versuchte der Psychologe, sein Buch kurz nach Kriegsende auf den Markt zu bringen. Eines seiner Ziele dabei könnte es gewesen sein, „ein vom Nationalsozialismus verführtes und nun von großer Schuld gebeugtes Volk über die Mechanismen der Verführung aufzuklären und damit die Aufarbeitung des Geschehenen zu befördern“, sagt Armin Stock, Direktor des Adolf Würth-Zentrums für Geschichte der Psychologie in Würzburg.

Indes: Karl Marbe fand keinen Verlag, der sich bereit erklärte, die „Zeitgemäßen populären Betrachtungen für die kultivierte Welt“ herauszubringen. Eine Veröffentlichung erschien offenbar als politisch zu heikel, mutmaßt Stock. So riet ein Bekannter von Karl Marbe, der bei der Universitätsbuchhandlung Schöningh in Würzburg arbeitete, dem Psychologen in einem Brief, „Ihren Plan zur Herausgabe wohl noch etwas aufzuschieben“. Aber daraus wurde nichts.

Karl Marbe starb 1953, sein Manuskript blieb jahrzehntelang verschwunden, seine Erkenntnisse zur Massenpsychologie gerieten in Vergessenheit – bis Armin Stock nach langer Suche im Frühjahr 2013 den verschollen gewähnten Nachlass Karl Marbes in einem Keller fand. Darin unter Schul- und Studienheften: ein Packen schreibmaschinenbeschriebener Blätter mit dem Titel „Zeitgemäße populäre Betrachtungen für die kultivierte Welt“ samt eines Briefes von besagter Universitätsbuchhandlung Schöningh, wie Stock erzählt. Ein Schatz für die Wissenschaft, der nicht nur einem kleinen Kreis von Forschern vorbehalten bleiben sollte. Deshalb entschied sich der Direktor des Adolf-Würth Zentrums für Geschichte der Psychologie, den Plan Karl Marbes posthum doch noch zu verwirklichen und das Buch zu veröffentlichen.

So sind die „Zeitgemäßen populären Betrachtungen für die kulturvierte Welt“ nun, herausgegeben von Armin Stock, in der Reihe „Beiträge zur Geschichte der Psychologie“ erschienen – 71 Jahre, nachdem der Autor die letzten Zeilen verfasst hatte. Marbes Werk besitze weit mehr als nur historischen Wert, sagt Armin Stock: „Die Massenpsychologie ist bis heute ein vernachlässigtes Gebiet in der Psychologie. Die Mechanismen, die Karl Marbe beschrieben hat, liefern Erklärungen für das, was damals in Deutschland passiert ist. Und er zeigt auf, dass es stets Massenerscheinungen in der Geschichte der Menschen gab und sie auch in Zukunft wieder vorkommen können.“

Karl Marbe, 1869 in Paris geboren und 1953 in Würzburg gestorben, ist heute außerhalb der wissenschaftlichen Welt nur noch wenig bekannt. In Fachkreisen hatte er bislang vor allem einen Namen als Mitbegründer der Würzburger Schule der Denkpsychologie und als Gründer des Frankfurter Instituts für Psychologie, einem der bestausgestatteten der damaligen Zeit in Deutschland. Karl Marbe war ein kritischer und vielseitiger Kopf, er interessierte sich nicht nur für die klassischen Themen seines Fachs, sondern auch für Suggestion und Hypnose, forschte im Auftrag der Industrie zum Geruch von Seifen, zu den verschiedenen Typen von Tuben und zur Wirkung von Reklame.

Seine Erkenntnisse über die Effekte von Werbung und die Möglichkeiten der Einflussnahme auf Menschen spielen auch in seinem Werk zur Massenpsychologie eine große Rolle. Grundlage seiner späteren „Betrachtungen“ sind aber vor allem Marbes Thesen zur Gleichförmigkeit der Welt, die er bereits 1916 in einer umfangreichen Publikation formuliert hatte. Menschen, so eine seiner wichtigsten Aussagen, verhalten sich – bedingt vor allem auch durch einen angeborenen Nachahmungstrieb – oft extrem gleichförmig und lassen sich darüber hinaus leicht vom Denken und Handeln anderer beeinflussen. Als zeitloses Beispiel dafür führt er das Entstehen einer Massen-panik auf, nachdem jemand im Theater „Feuer“ gerufen hat.

Ansteckend wie eine „epidemische Krankheit“

Gleichwohl betont Marbe aber: Wahrnehmen, denken und handeln kann immer nur der Einzelne – den er deshalb auch nicht aus der Verantwortung für sein Tun entlässt. Auch den Ausgangspunkt für Massenerscheinungen bildeten stets einzelne Menschen, „denen die anderen zwangsmäßig mehr oder weniger kritiklos nachlaufen“: Psychologische Massen „ohne führende Personen gibt es nicht“, konstatiert der Wissenschaftler. Diesen einzelnen Menschen (man hat beim Lesen fast zwangsläufig Adolf Hitler oder Joseph Goebbels vor Augen) gelänge es, den anderen etwas zu suggerieren – und das häufig, ohne dass die Mitglieder der Menge selbst bemerken, dass sie „beherrscht und beeinflußt“ werden.

„In besonderen Fällen kann der geeignete Suggesteur durch sein Auftreten geradezu faszinierend (bezaubernd) wirken, so daß sich die beeinflußte Person ihm fast sklavisch unterwirft, alle Antriebe zu selbständigem Denken und Handeln verliert.“ Verstand, frühere Erfahrungen und Erziehung würden ausgeschaltet, „hemmungslos und triebhaft“ pflichteten die anderen den „Eingebungen“ dieser Führerfiguren bei: „Wir können daher sagen, daß das menschliche Verhalten sich unter dem Einfluß der Suggestion dem tierischen nähert.“

Als erfolgreiche Massenmanipulierer macht der Psychologe vor allem Personen mit sicherem Auftreten aus, die auf andere „imponierend“ wirken. Häufig werde der Führer zudem noch durch die Geführten „insofern überhöht, als sie seine Bedeutung überschätzen und übertreiben.“ Suggestion könne auch ansteckend wie eine „epidemische Krankheit“ sein, da Menschen dazu neigten, ihr Verhalten anderen anzupassen.

Ein weitreichender Effekt: Denn die Masse selbst, erläutert Karl Marbe, wirke auf andere „mitreißend und somit suggestiv“. Zur Veranschaulichung zieht er das Bild „einer in Schritt und Tritt marschierenden Truppe“ heran, deren Anblick dazu verführe, sich „unwillkürlich selbst im Schritt der Truppe“ fortzubewegen.

Als markante Beispiele historischer Massenerscheinungen nennt der Psychologe die Kinderkreuzzüge im 13. Jahrhundert, das Geißlertum, die in der Geschichte der Menschheit immer wieder auftauchende „Tanzwut als Teil eines religiösen Kultes“ oder die Tulpomanie, als im 17. Jahrhundert astronomische Preise für die damals neue, als vollkommen schön geltende Blume bezahlt wurden.

Und auch ein Phänomen, das aus der Gegenwart stammen könnte, zählt Karl Marbe auf: „So finden wir in der neuesten Zeit Tausende von Menschen, die an der Börse Geschäfte machen, ohne von den Fabriken, Firmen und überhaupt den sachlichen Unterlagen der entsprechenden Papiere auch nur eine Ahnung zu haben. Auch sie stehen unter dem Einfluß von wechselseitigen Suggestionen, zu denen vielfach Zeitungen und andere Druckerschriften redlich oder vielmehr größtenteils unredlich beitragen.“

Und dann natürlich als ewige Konstante in der Menschheitsgeschichte der Krieg: Wie alle anderen Massenerscheinungen geht auch er stets von einzelnen Menschen aus, denen andere als Mitläufer hinterherhecheln, konstatiert der Psychologe. Ein wichtiges Instrument, um die Menge dorthin zu bringen, wo die Herrschenden sie haben wollen, sei die Propaganda – die sich wiederum der gleichen Mittel wie die Reklame bediene. Einer der Leitsätze: das ständige Wiederholen des ewig Gleichen. Auch „sachlich unhaltbare Sätze“ – also Lügen – fänden dadurch „weithin Glauben“, betont Karl Marbe.

Mehr Propaganda für den Frieden

„So hat man im Zweiten Weltkrieg in Deutschland den unsinnigen Satz verbreitet: ,Der Wille zum Sieg ist der Sieg‘, dem in weiten Kreisen beigepflichtet wurde.“ Niemand, so schreibt der Psychologe, habe eine „kritiklose Begeisterung für den Krieg geschickter und erfolgreicher in die Wege geleitet als Adolf Hitler und sein Anhang“: „Er hat zunächst die beiden früher meist voneinander abgelegenen Ideale des Nationalismus und Sozialismus zu einem Kollektivideal, dem Nationalsozialismus, vereinigt und dadurch für einen großen Teil der Deutschen breite, bequeme Wege zum Eintritt in seine Partei geschaffen… Hitler hat auch sofort eine großzügige Reklame zugunsten seiner Partei inszeniert, wie sie bisher weder in der Politik noch im Geschäftsleben jemals erreicht oder auch nur versucht wurde.“

Wenn aber nun diese psychologischen Mechanismen immer wieder greifen – lassen sich Kriege dann überhaupt verhindern oder gehören sie zwangsläufig zur Natur unserer Spezies?

„Einen Fortschritt in der menschlichen Moral gibt es nicht“, stellt Karl Marbe pessimistisch fest. Aber er hat doch auch eine Vorstellung, wie künftig mehr Frieden über die Menschheit gebracht werden könnte: „Da die Menschen mit Leichtigkeit so oder so einstellbar sind, wäre eine erfolgreiche pazifistische Einstellung (auch ohne die betrügerischen Versprechungen und Brutalitäten der Nazi) sehr leicht möglich.“ Heißt: Es müsste einfach mehr Propaganda für den Frieden gemacht werden.

Zeitgemäße populäre Betrachtungen für die kultivierte Welt: Aus dem Nachlass eines deutschen Gelehrten (Beiträge zur Geschichte der Psychologie), Karl Marbe . Herausgegeben von Armin Stock. 168 Seiten. Peter Lang Verlag, 49,95 Euro.

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