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„Dass solch ein Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, haben wir nicht erwartet“, kommentierte ein Initiator die Studienergebnisse, „das ist erschreckend.“

Insektensterben

Insektensterben: Es hat sich ausgesummt

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Die Zahl und Vielfalt der Insekten schrumpft dramatisch. Eine Studie belegt: Heute gibt es vielerorts ein Drittel weniger Arten als vor zehn Jahren.

Nicht jeder mag Insekten. Bienen und Schmetterlinge schon, andere, wie Laufkäfer, Köcherfliegen oder Ameisen, schon weniger. Doch für die Biodiversität sind sie unersetzlich. Insekten stellen 70 Prozent aller Tierarten. Und auch der Mensch ist auf sie angewiesen, nicht nur als Blütenbestäuber für den Nutzpflanzenanbau. Ein Zusammenbruch der Bestäubungsleistung brächte in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie finanzielle Verluste von jährlich 235 bis 577 Milliarden US-Dollar, haben Forscher ausgerechnet. Umso erschreckender sind die Ergebnisse einer neuen Studie zum Insektenschwund, die die Technische Universität München (TUM) jetzt vorgelegt hat. Auf vielen Flächen gibt es danach heute etwa ein Drittel weniger Insektenarten als noch vor einem Jahrzehnt.

Das Thema sorgt für Schlagzeilen, seitdem ehrenamtliche Insektenkundler vom Entomologischen Verein Krefeld 2017 ihre Untersuchungen zu Fluginsekten in insgesamt 63 Gebieten in NRW, Rheinland-Pfalz und Brandenburg seit 1989 veröffentlichten. Dabei zeigte sich, dass der Rückgang zum Teil beträchtlich war – mit Spitzenwert minus 82 Prozent. Auch andere Studien zeigten in der Folge, dass es in der Tat auf deutschen Wiesen weniger summt, zirpt, kreucht und fleucht als noch vor einem Vierteljahrhundert.

Die bisherigen Untersuchungen konzentrierten sich aber entweder wie bei den Krefelder Experten nur auf die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, oder auf einzelne Arten oder Artengruppen. „Dass tatsächlich ein Großteil aller Insektengruppen betroffen ist, war bisher nicht klar“, sagt Sebastian Seibold, Wissenschaftler am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der Münchner TU, einer der Autoren der neuen Studie.

Ein Forscherteam unter Leitung von TUM-Wissenschaftlern hat dafür zwischen 2008 und 2017 auf 300 Flächen in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg über eine Million Insekten gesammelt. Sie konnten damit nachweisen, dass viele der fast 2700 untersuchten Arten rückläufig sind. Sowohl in Wäldern als auch auf Wiesen zählten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Ende der Beobachtungszeit etwa ein Drittel weniger Insektenarten. Einige seltenere Arten seien in den letzten Jahren in manchen der beobachteten Regionen gar nicht mehr gefunden worden. Die Auswertung der Studienergebnisse ist nun in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ vorgestellt worden.

Bisher sei zum Beispiel nicht klar gewesen, ob und wie stark auch der Wald vom Insektenrückgang berührt ist, erläutert Seibold. Das wurde nun nachgewiesen: Das Team stellte fest, dass die Biomasse der Insekten in den untersuchten Wäldern seit 2008 um etwa 40 Prozent zurückgegangen war. Im Grünland waren die Ergebnisse laut TU allerdings noch alarmierender. Am Ende des Zehnjahreszeitraums habe sich die Biomasse dort auf nur ein Drittel ihres früheren Niveaus verringert. TU-Ökologieprofessor Wolfgang Weisser, einer der Initiatoren des Untersuchungsprojekts, kommentiert: „Dass solch ein Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, haben wir nicht erwartet – das ist erschreckend, passt aber in das Bild, das immer mehr Studien zeichnen.“

Betroffen sind, so die Studie, ganz unterschiedliche Typen von Wald- und Wiesenflächen: Wiesen, die drei- bis viermal jährlich gemäht und gedüngt wurden, ebenso wie Schafweiden, forstwirtschaftlich geprägte Nadelwälder, aber sogar auch ungenutzte Wälder in Schutzgebieten.

Den größten Schwund stellten die Forscher auf Grünlandflächen fest, die von viel Ackerland umgeben sind. Dort hätten vor allem die Arten gelitten, die nicht in der Lage sind, große Distanzen zu überwinden. Im Wald hingegen schwanden vorwiegend jene Insektengruppen, die weitere Strecken zurücklegen. Es müsse noch untersucht werden, ob die mobileren Arten aus dem Wald während ihrer Ausbreitung stärker mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen oder ob die Ursachen doch auch mit den Lebensbedingungen in den Wäldern zusammenhängen, erläuterte Co-Studienautor Martin Gossner.

Der Insektenschwund ist freilich kein rein deutsches Problem. Bei fast der Hälfte der Insektenarten weltweit gibt es Rückgänge, ein Drittel der Arten ist sogar vom Aussterben bedroht, wie die Fachzeitschrift „Biological Survey“ berichtet hat. Pro Jahr nimmt die Biomasse der Insekten danach um 2,5 Prozent ab, besonders betroffen seien die Schmetterlinge, die Hautflügler, zu denen Bienen und Wespen zählen, sowie die Dungkäfer. Es drohe ein „katastrophaler Einbruch der natürlichen Ökosysteme“, warnten die Studienautoren Francisco Sánchez-Bayo und Kris Wyckhuys von den australischen Universitäten Sydney und Queensland.

Als Hauptursachen für den Insektenschwund identifizieren die Wissenschaftler vor allem die Zerstörung von Lebensraum, etwa durch Siedlungs- und Straßenbau, und die Intensivlandwirtschaft. Besonders gravierend wirkt der zunehmende Einsatz von Pestiziden wie den sogenannten Neonikotinoiden, die auf das Nervensystem der Insekten zielen, sowie die Überdüngung von Äckern und Wiesen, zum Teil bedingt durch die Güllefluten aus der Massentierhaltung. Die Experten warnen, dass die Insekten ohne eine Trendwende in 100 Jahren ausgestorben sein könnten.

Inzwischen hat das Thema Insektenschwund längst die Bürger und in der Folge auch die Politiker aufgerüttelt. Das Bundeskabinett hat im September ein „Aktionsprogramm Insektenschutz“ beschlossen, in Bayern hat ein erfolgreiches Volksbegehren „Rettet die Bienen“ stattgefunden, und in Baden-Württemberg ist ein ähnliches angelaufen. Laut dem Aktionsprogramm sollen ab 2021 bestimmte Pestizide in Naturschutzgebieten verboten sein, der Einsatz des Ackergifts Glyphosat ab Ende 2023. Zudem sollen Bauern unbelastete Ausgleichsflächen schaffen, wenn sie bestimmte Wirkstoffe auf ihren Feldern einsetzen. Ebenso soll die nächtliche Lichtverschmutzung eingedämmt werden, der viele Fluginsekten zum Opfer fallen. Der Opposition und Umweltverbänden geht all das jedoch nicht weit genug, vor allem die EU-Agrarpolitik müsse verändert werden, mahnen sie. Unterdessen verzichten laut Angaben des BUND bereits 500 Städte und Gemeinden in Deutschland ganz oder teilweise auf chemisch-synthetische Gifte.

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