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Affenpocken: So soll die Verbreitung gestoppt werden

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Von: Pamela Dörhöfer

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Das Affenpockenvirus wird in immer mehr europäischen Ländern nachgewiesen.
Das Affenpockenvirus wird in immer mehr europäischen Ländern nachgewiesen. © Cynthia S. Goldsmith/AP/dpa

Europäische Ländern arbeiten an Impfstrategien und Empfehlungen zur Eindämmung der Affenpocken. In Belgien ist eine Isolation von Infizierten verpflichtend.

Stockholm/Berlin – Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) will den Mitgliedsstaaten der EU empfehlen, Strategien für mögliche Impfprogramme gegen die Affenpocken auszuarbeiten. Das habe die Behörde der „Financial Times“ auf Nachfrage mitgeteilt, berichtete die britische Zeitung am Sonntag. Hintergrund sind die seit Anfang Mai in Europa, Nord- und Südamerika und Australien aufgetretenen Fälle von Affenpocken – einer Erkrankung, die bisher nur in Afrika vorkam oder sich zumindest dorthin zurückverfolgen ließ, etwa bei Reisenden oder durch importierte infizierte Tiere. Insgesamt gab es bis Sonntag mehr als 100 bestätigte Fälle außerhalb Afrikas.

Allerdings sind laut einer vor drei Monaten im Fachmagazin „Plos Vernachlässigte Tropenkrankheiten“ veröffentlichten Übersichtsarbeit in den letzten Jahren auch die Fälle in Afrika stark gestiegen. Sie sollen sich demnach um „mindestens das Zehnfache“ erhöht haben. Die Autorinnen und Autoren führen als wahrscheinlichsten Grund eine abnehmende Immunität gegen die humanen Pocken durch das Ende der weltweiten Impfkampagne vor 40 Jahren an.

Fallzahlen von Affenpocken in Europa steigen: Pockenimpfung „keine leichte Empfehlung“

Denn Immunität gegen die Pocken schützt aufgrund der engen Verwandtschaft beider Erreger auch zu etwa 85 Prozent vor den Affenpocken. Diskutiert werden laut des Forschungsteams aber auch die zunehmende Entwaldung in Afrika und die damit verbundene größere Nähe zwischen Menschen und Wildtieren sowie mögliche genetische Veränderungen des Affenpockenvirus.

Zum jetzigen Zeitpunkt eine Pockenimpfung zu empfehlen, sei „keine leichte Empfehlung“, zitiert die „Financial Times“ die europäische Gesundheitsbehörde. Empfohlen werde die Immunisierung demnach für jene, die Kontakt zu Infizierten hatten. Für jede betroffene Person müsse eine „Nutzen-Risiko-Analyse“ durchgeführt werden. In Großbritannien werden seit Ende vergangener Woche solche sogenannten Ringimpfungen angeboten für Menschen, die vermuten, dem Virus ausgesetzt gewesen zu sein oder ein erhöhtes Risiko dafür haben wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Auch wer bereits Symptome hat, kann sich im Vereinigten Königreich bis zu fünf Tage nach Beginn der ersten Krankheitszeichen noch impfen lassen. Eine Impfung kann in diesem Fall den Verlauf abschwächen.

Affenpocken-Virus: Deutschland prüft Impfempfehlung und Quarantäneregeln

In Deutschland wird derzeit ebenfalls eine Impfung von Kontaktpersonen und Menschen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko geprüft. Wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gestern sagte, würden zusammen mit dem Robert Koch-Institut zudem aktuelle Empfehlungen zu Isolation und Quarantäne erarbeitet. Die britische Gesundheitsbehörde UKHSA empfiehlt, dass Menschen mit Verdacht auf eine Infektion sich 21 Tage lang isolieren sollten (so lange kann die Inkubationszeit dauern). Als erstes Land weltweit hat Belgien eine Isolation für Infizierte verpflichtend eingeführt. Ziel der Maßnahmen ist es, Infektionsketten zu durchbrechen und so eine weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.

Da in Europa kein Vakzin gegen Affenpocken zugelassen ist, müsste bei der Impfung ein Vakzin gegen die humanen Pocken eingesetzt werden. Zur Verfügung steht ein noch relativ neues Vakzin mit Namen „Imvanex“ des dänischen Pharmaunternehmens Bavarian Nordic, dessen Aktienwerte seit dem Bekanntwerden der Affenpocken-Fälle in Europa laut „Financial Times“ um etwa 55 Prozent gestiegen sein sollen.

Impfstoff gegen Affenpocken: Zugelassen „unter außergewöhnlichen Zuständen“

„Imvanex“ ist in der Europäischen Union für Erwachsene ab 18 Jahren als Schutz vor den Pocken zugelassen, wird aber auch off label gegen Affenpocken verabreicht. Die Europäische Arzneimittelbehörde Ema schreibt in einem Informationsblatt, dass der Impfstoff „unter außergewöhnlichen Umständen“ zugelassen wurde – weil es „aufgrund der Seltenheit der Krankheit nicht möglich war, vollständige Informationen über Imvanex zu erlangen“. Deshalb will die Ema jedes Jahr „sämtliche neuen Informationen“ prüfen.

Anders als in Europa ist der Impfstoff von Bavarian Nordic in den USA und Kanada unter dem Markennamen „Jynneos“ sowohl gegen Pocken als auch gegen Affenpocken zugelassen. Wie das Unternehmen auf seiner Internetseite mitteilt, hat es mit einem nicht genannten europäischen Land einen Vertrag über die Lieferung des Impfstoffs geschlossen, außerdem soll mit den USA eine Vertragsoption in Höhe von 119 Millionen Dollar für die Herstellung von gefriergetrocknetem Impfstoff in den Jahren 2023 und 2024 ausgehandelt worden sein.

Affenpocken-Impfung: Neuer Impfstoff löst beim Menschen keine Erkrankung aus

Das Vakzin, dessen Entwicklung 15 Jahre gedauert hat, unterscheidet sich von den alten Pockenimpfstoffen, wie sie vor der offiziellen Ausrottung 1980 der Krankheit eingesetzt wurden: Damals enthielt der Impfstoff vermehrungsfähige Viren. Sie hinterließen bei den Geimpften eine Narbe am Oberarm, außerdem bestand das – wenn auch geringe Risiko, dass sich die Impfviren im Körper verbreiteten oder auf Kontaktpersonen übertragen wurden.

Diese Gefahr soll bei „Imvanex“ nicht mehr bestehen, auch wenn es sich wie bei den früheren Pockenvakzinen um einen Lebendimpfstoff handelt. Er basiert auf einer modifizierten Form des Vaccinavirus „Ankara“, „die beim Menschen keine Erkrankung auslöst und sich in menschlichen Zellen nicht replizieren kann“, wie es bei der Ema heißt. Die europäische Zulassungsbehörde schreibt, sie sei zu dem „Schluss gelangt, dass Imvanex wirksam die Bildung von Antikörpern zu Spiegeln anregt, bei denen ein Schutz vor den Pocken zu erwarten ist, der mindestens so hoch ist wie bei konventionellen Pockenimpfstoffen.“

Verbreitung von Affenpocken: Drei Viertel der Weltbevölkerung sind nicht mehr geschützt

Dass die Aussage so schwammig klingt, hat damit zu tun, dass der Impfstoff seine Wirksamkeit bisher noch nicht beweisen konnte, da die Pocken als ausgerottet gelten. Auch ist nicht bekannt, wie lange der Schutz anhält. Für die alte Pockenimpfung wird ein jahrzehntelanger, wenn nicht gar lebenslanger Schutz angenommen. Allerdings sind mittlerweile fast drei Viertel der Weltbevölkerung nicht mehr gegen die Pocken geimpft und damit auch nicht geschützt – weder vor den klassischen Pocken noch vor den eng verwandten, aber milder verlaufenden Affenpocken.

Wie die frühere Pockenimpfung muss „Imvanex“ zweimal injiziert werden, der Abstand soll mindestens 28 Tage betragen. Als mögliche Nebenwirkungen führt die Ema Kopfschmerzen, Übelkeit, Muskelschmerzen, Müdigkeit und Reaktionen an der Injektionsstelle auf.

Forschungsteams arbeiten zudem bereits an Impfstoffen anderer Machart: auf Proteinbasis (wie bei den Grippevakzinen oder dem Corona-Impfstoff von Novavax) oder auf genbasierter DNA-Technologie. Neben der Impfung gibt es auch die Möglichkeit der Behandlung. Zur Therapie von Affenpocken bei Erwachsenen und Kindern mit einem Gewicht von mindestens 13 Kilogramm wurde in der EU erst vor wenigen Monaten das antivirale Medikament Tecovirimat zugelassen. (Pamela Dörhöfer)

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