Vorsichtig wird ein Eisenfund freigelegt – der Schuhnagel eines römischen Soldaten.
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Vorsichtig wird ein Eisenfund freigelegt – der Schuhnagel eines römischen Soldaten.

Archäologie

Das Imperium schlägt zurück

Neue Funde im Harzvorland beleuchten die Geschichte von Römern und Germanen: Dort, wo heute die A7 verläuft, haben sich die beiden Völker wohl erbitterte Schlachten geliefert - weit nach Roms gewaltiger Niederlage in der Varus-Schlacht.

Von Lilo Berg

Das Römerheer kommt aus dem Norden. Bis zu den Winterquartieren an Rhein und Main sind es nur noch wenige Tagesmärsche. In langen Kolonnen bewegen sich die Soldaten durch Feindesland: vorn die Bogenschützen, dann die Infanterie, gefolgt von den Reitern und Tross, und dazwischen immer wieder Artilleristen mit ihren gefährlichen Katapulten. Plötzlich gellende Alarmrufe. Ein Hinterhalt! Germanen greifen an! Getöse, Durcheinander, Waffengeklirr, Befehle schwirren durch die Luft. Die Germanen lauern an einer Engstelle auf ihre Feinde: auf der einen Seite ein Sumpf, auf der anderen Seite eine steile Felswand. Die Römer bringen sich in Stellung.

So könnte es sich zugetragen haben, vor knapp 1800 Jahren, im Harzvorland zwischen Kalefeld und Bad Gandersheim. Dort, wo heute die Autobahn A7 verläuft, kam es zu erbitterten Kämpfen zwischen Römern und Germanen, die mit einem Sieg der Römer endeten. Das belegen immer mehr archäologische Funde.

Besonders erstaunlich daran ist der Zeitpunkt. Denn die Militäraktion fand zwischen 230 und 240 unserer Zeit statt. Was wollten die Römer zu jener Zeit in Germanien? Hatte ihnen die gewaltige Niederlage in der Varus-Schlacht, zweihundert Jahre zuvor, nicht alle Eroberungsfantasien ausgetrieben? Nach dem Gefecht waren Zehntausende römische Soldaten umgekommen, danach zog die damalige Weltmacht – abgesehen von kleinen Gefechten – sich aus Norddeutschland zurück. So steht es in vielen Geschichtsbüchern und davon waren die meisten Historiker lange Zeit überzeugt.

Ernste Zweifel an der Theorie kamen im Jahr 2008 auf. In einem Waldstück am sogenannten Harzhorn hatten Hobbyarchäologen Überreste eines römischen Kriegsplatzes gefunden. Sie informierten das Niedersächsische Amt für Denkmalpflege. Das Gelände wurde gesichert, es folgte eine systematische Suche mit Metalldetektoren. Dann ein spektakulärer Zwischenbericht vor gut anderthalb Jahren: Mehr als sechshundert Relikte aus römischer Zeit hatte man aufgespürt, darunter Münzen, Speer-, Lanzen- und Pfeilspitzen, Katapultbolzen, Sandalennägel, Pferde- und Waffengeschirr und eine Pionieraxt.

Inzwischen liegen genauere Erkenntnisse vor. Vorgestellt wurden sie am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Bad Gandersheim. „Münzfunde und naturwissenschaftliche Untersuchungen machen es zunehmend wahrscheinlich, dass das Gefecht im Jahr 235 erfolgte“, sagte der niedersächsische Bezirksarchäologe Michael Geschwinde in einer Zwischenbilanz. Man habe mittlerweile 1800 Fundstücke gesichert und ihren Fundort genau kartiert. Geschwinde: „Offenbar waren die Kampfhandlungen viel umfangreicher als zunächst vermutet.“ Immer deutlicher zeichne sich ab, dass die Entdeckung am Harzhorn das Bild der römisch-germanischen Beziehungen im dritten Jahrhundert verändere.

„Am spektakulärsten sind die Pferdeknochen, die wir in einer Grube am Hang entdeckten, etwa einen Meter unter der Erdoberfläche“, sagt Michael Meyer vom Institut für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin. Am Harzhorn arbeitet inzwischen ein großes interdisziplinäres Wissenschaftlerteam und die Berliner Archäologen sind seit zwei Jahren ein Teil davon. Das Pferd sei auf dem Weg nach oben gewesen, berichtet Meyer, das lasse die Anordnung der Knochen erkennen. Und es verendete in dem Erdloch – irgendwann zwischen 230 und 240 nach Christus, wie eine Radiokarbondatierung zeigte. Damit wird der allmähliche radioaktive Zerfall des ?Kohlenstoffisotops 14C gemessen.

Der Todeszeitpunkt des Pferds entspricht dem Alter der elf bislang gefundenen Münzen: Die jüngsten Münzen wurden unter Kaiser Severus Alexander im Jahr 228 nach Christus geprägt, die Kämpfe am Harzhorn müssen also danach gewesen sein.

Vervollständigt wird das Bild durch die literarischen Quellen. So berichtete der römische Geschichtsschreiber Herodian über eine Schlacht im Moor im Jahr 235. Dabei sollen die Römer unter Führung des ersten Soldatenkaisers Maximinus Thrax von Mainz aus tief in germanisches Gebiet eingedrungen sein und einen Sieg über die Germanen errungen haben. Herodian erzählt von einem großen Heer mit mauretanischen Speerschleuderern und Bogenschützen aus den afrikanischen Provinzen. Die Militäraktion dürfte eine Reaktion auf die Attacke der germanischen Alemannen gewesen sein, die im Jahr 233 plündernd und brandschatzend durch grenznahe römische Provinzen gezogen waren. Dem Bericht des Herodian hatte man lange Zeit keinen Glauben geschenkt, nun sieht es so aus, als habe er die Wahrheit überliefert. Was die Archäologen bisher ausgraben konnten, ist in einem erstaunlich guten Zustand. „Bessere Eisenwaffen hatte ich noch nicht in der Hand“, sagt der Archäologieprofessor Michael Meyer. Zu verdanken ist das dem Kalkgestein, das am Harzhorn bis dicht unter die Oberfläche reicht. So bildete sich ein basisches Milieu, das die Metallfunde ausgezeichnet konserviert. Die meisten Speerspitzen und Katapultbolzen stecken noch so im Fels wie vor 1800 Jahren.

Unklar ist immer noch, was die Römer derart weit in den Norden führte. Sie waren auf dem Rückweg, das lässt die Lage der Geschosse erkennen, das ergibt sich auch aus der Anordnung der Schuhnägel. Kamen sie zurück von Verhandlungen mit den germanischen Warlords an der Niederelbe? Hatten sie dort Geiseln befreit? Weitere Ausgrabungen am Harzhorn sollen Licht in das Dunkel bringen. Um die Finanzierung müssen die Archäologen sich offenbar keine Gedanken machen. Johanna Wanka, die neue niedersächsische Wissenschaftsministerin, sicherte gestern weitere Landesmittel zu.

Filmhinweis: Am Dienstag, 31. August, zeigt der NDR in der Reihe „45 Minuten“ den Film „Die Schlacht am Harzhorn – Roms letzter Feldzug nach Germanien“. Beginn: 22.30 Uhr.

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