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Die Technologie erkennt sogar die Hologramme.

Versicherungen

Identifikation in zwei Minuten bestätigt

Das automatisierte Verfahren für Versicherungskunden steuert innerhalb der App kein Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz.

Identifikationsverfahren erweisen sich häufig als mühsam und kompliziert. Der Gang zur Postfiliale oder Videotelefonie mit Callcenter-Agents ist oft nicht mehr zeitgemäß. Mit der Software eines Hamburger Start-ups kann man nun seine Identität völlig automatisiert – mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) – und ohne Wartezeiten bestätigen.

Ein Versicherungskunde will auf wichtige Vertragsunterlagen zugreifen. Dafür nutzt er das Kundenportal und muss zunächst seine Identität bestätigen – per Selfie-Video in einer App. Nach einer kurzen Videoanweisung über die allgemeine Funktion des Verfahrens, prüft die App, welche Ausweisart vorliegt.

In Deutschland gibt es beispielsweise die neuen und alten Personalausweise und Reisepässe. Und das geht so: Der Kunde nimmt ein Selfie-Video auf, in dem er sein Gesicht mittig platziert. Daraufhin tauchen auf dem Bildschirm zwei Wörter auf, die er während der Aufnahme nacheinander ausspricht: „Telefon“ und „Kaffeetasse“. Zuletzt zeichnet er die Vorder- und Rückseite des Ausweises auf.

Wichtig hierbei ist, dass er den Ausweis während der Aufnahme hin und her schwenkt, sodass die einzelnen Hologramme auf dem Ausweisdokument ausgewertet werden können. Nun verarbeitet die App im Hintergrund die ermittelten Daten und bestätigt innerhalb weniger Sekunden die Identität. Der gesamte Prozess nimmt rund zwei Minuten in Anspruch. Damit soll eine hohe Nutzerakzeptanz gewährleistet werden. Das Besondere: Das komplette Verfahren steuert kein Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz.

„Unsere Kunden sind von der Schnelligkeit und Nutzerfreundlichkeit des Verfahrens fasziniert“, berichtet Christian Arndt, Product-Owner der „Meine R+V“ Plattform. Die R+V Versicherung ist das erste Unternehmen, das so ein Identifikationsverfahren anbietet. Von den rund neun Millionen Kunden nutzen rund 40 Prozent das Verfahren bereits.

Die Technologie ist allerdings nicht von der Versicherung programmiert worden. Arndts Kollegen aus der Abteilung „Digitale Transformation“ wurden auf dem Insur-Lab in Köln auf das Verfahren aufmerksam. Beim Insur-Lab bekommen Start-Ups die Möglichkeit, digitale Produkte für die Versicherungswirtschaft zu entwickeln und vorzustellen.

Das Start-Up „Nect“ aus Hamburg ist eines dieser Unternehmen. Dessen Gründer Benny Bennet Jürgens kennt das Problem bisheriger Identifikationsverfahren: „Während der Registrierung in den Apps müssen die User ihre Identität nachweisen. Dort hat man im Moment eine Abbruchrate von 60 Prozent.“ Er suchte nach einer Lösung und entwickelte zusammen mit seinem Kollegen Carlo Ulbrich ein Identifikationsverfahren, in der eine künstliche Intelligenz die Identität bestätigt und zwar per Selfie-Video in einer App. Die künstliche Intelligenz kommt bei diesem Verfahren in mehreren Bereichen zum Einsatz. So erkennt die Technologie auf Basis der Hologramme auf dem Ausweisdokument, ob es sich um ein echtes Dokument handelt oder ein gefälschtes.

Die Entwickler nutzen dabei eine Analogie in der Art und Weise, wie ein Mensch ein Originaldokument erkennen würde: „Diese menschliche Interaktion haben wir der Maschine beigebracht“, sagt Jürgens. „Wir nutzen die künstliche Intelligenz, um wirklich präzise arbeiten zu können.“ Bei der Erkennung eines gefälschten Ausweises arbeiten die Gründer mit den Behörden zusammen. So wurden ihnen gefälschte Ausweisdokumente bereitgestellt, um zu testen, wie gut die Maschine funktioniert: „Bei unserem Verfahren ist nicht eine Fälschung durchgekommen“, betont Jürgens.

Ein noch interessanterer Einsatz der künstlichen Intelligenz erfolgt bei der Unterscheidung zwischen einem realen Menschen und dem Foto eines Menschen. Ein Faktor für die Erkennung ist die Tiefenwahrnehmung in dem Selfie-Video. Bei einem Foto ist keine Tiefe und keine dritte Dimension zu sehen. Wir Menschen erkennen einen Menschen auf Basis unserer Tiefenwahrnehmung. Genauso verhält es sich mit der künstlichen Intelligenz. Der Maschine wird beigebracht, in den Bildern Tiefen wahrzunehmen, sprich eine dreidimensionale Abbildung zu erkennen. Auf dieser Basis lässt sich erkennen, ob ein Mensch das Video aufnimmt, oder der Kamera lediglich ein Foto vorhält. Neben diesen zwei Bereichen findet die KI auch in der Gesichts- und Spracherkennung ihren Platz.

Die Auswertung der erhobenen Daten findet auf deutschen Servern statt, die im Moment in Hamburg, Hannover und Bremen stehen. Diese Daten werden mit großer Sorgfalt verarbeitet. Im Zuge der im Mai 2018 eingetretene Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) herrschen in der EU viel strengere Regeln als in anderen Ländern. Die Daten der Nutzer archiviert das Programm aus rechtlichen Gründen. So werden bei Vertragsabschlüssen Daten zehn Jahre lang aufbewahrt.

„Der wichtigste Punkt dabei ist immer der Nutzer, er kann entscheiden, wie lange die Daten genutzt werden“, versichern die Gründer. Ein Angriff auf diese Daten kann fatale Folgen haben. Die Gründer garantieren jedoch, dass das System kontinuierlich überprüft wird und Angriffe auf die Server jederzeit verteidigt werden.

Derzeit arbeiten die Gründer mit mehr als 180 verschiedenen Ausweisdokumenten. Mit ihrer Technologie möchten sie andere Märkte anvisieren, denn eine Identitätsprüfung ist überall notwendig. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis solche Identifikationsverfahren Bestandteil unseres Alltags werden.

Was kann Künstliche Intelligenz(KI)?

Journalismus-Studierende der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Frankfurt fragen Experten aus Wirtschaft und Forschung: Wo und wie kommt KI zum Einsatz? Worin liegen Chancen und Risiken? Die Serie in der FR gibt Antworten – im Rahmen eines Projekts des Wissenschaftsjahres 2019.

Von Osaf Ahmad

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