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Ein Forscher entnimmt eine Stammzellenkultur für die biomedizinische Diagnostik aus einer Stickstoff-Kühlung.

Interview

Gentechnik: „Ich habe die Sorge, dass Dinge geschehen, deren Folgen wir nicht absehen können“

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Ethik-Wissenschaftler Sturma über die Vorteile des medizinischen Fortschritts und seine Risiken.

Dieter Sturma ist Direktor am Deutschen Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften in Bonn. Er beobachtet bereits seit mehr als 20 Jahren die Entwicklung in der Stammzellenforschung.

Professor Sturma, haben die Nachrichten über die Experimente mit menschlichen Stammzellen aus Japan und China Sie überrascht?
Nein, das war zu erwarten. Die Praxis in China betrachten wir etwas argwöhnisch, vor allem auch den Umgang mit Tieren in der Forschung.

Ist es nicht ein Einschnitt, wenn der japanische Forscher Nakauchi Stammzellen in sich entwickelnde Tier-Embryonen verpflanzen will – und es dann heißt: Japan erlaubt die Geburt von Mischwesen aus Mensch und Tier?
Aus ethischer Sicht befürchte ich schon, dass dort Überbietungswettläufe in der Grundlagenforschung stattfinden. Ich habe die Sorge, dass Dinge geschehen, deren Folgen wir nicht absehen können. Allerdings hat Nakauchi nach eigenen Angaben eine Revisionsklausel eingebaut. Er will die Experimente stoppen, wenn die menschlichen Stammzellen sich im Tier-Organismus auch unkontrolliert ausbreiten. Wir haben es bei den Experimenten ja nicht wirklich mit Mischwesen tun, sondern um menschliche Stammzellen, die abgegrenzt im Tier-Organismus gezüchtet werden sollen. Sollten tatsächlich Mischwesen entstehen, wäre das eine ganz andere Qualität.

Teilen Sie die grundsätzliche Vision, Organe zu züchten und die Tiere als Containerkörper zu verwenden?
Nein. Tiere sind definitiv kein Ersatzteillager. Auf der anderen Seite lehnen wir mit guten Gründen Menschenversuche ab. Dann muss man überlegen, welche Zumutungen man bereit ist zu akzeptieren. Wir alle profitieren von einer drastisch verbesserten Medizin, gerade in den westlichen Ländern werden die Menschen immer älter und bleiben fit im Alter – das hat natürlich mit Forschungen in der Biomedizin zu tun. Wenn nun neue Therapien möglich werden oder die Knappheit von Spenderorganen beseitigt werden kann, darf man nicht einfach mit den Totschlagsargumenten dagegenhalten, die man jetzt hören kann. Jetzt heißt es: „Das ist ein Dammbruch“ oder „Die wollen Gott spielen“. Das ist ein Versuch, Diskussionen zu unterbinden, und zwar in einer undemokratischen Weise. Wer heute sagt: Hier ist in der Forschung Schluss, nimmt nachfolgenden Generationen die Chance, anders zu entscheiden.

Dieter Sturma

Aber muss es nicht eine Grenze in der Forschung mit Stammzellen geben?
Die muss es geben, und die hat auch der deutsche Ethikrat beschrieben. Allerdings ist „Natürlichkeit“ keine Grenze, denn die gibt es nicht. Die Natur zieht keine Grenzen. Wir als Menschen sind ja Teil der Natur, und teilen sie mit vielen anderen Lebewesen. Wir müssen nach Gründen für unseren Umgang mit der Natur suchen. Wir müssen zuerst die Frage klären: Welche Gesundheitsvorsorge und Qualität des Lebens wollen wir für uns und nachfolgende Generationen haben – das sind hochrangige Ziele. Das heißt allerdings nicht, dass wir alles diesem Ziel opfern sollten. Klar ist: Wir dürfen Tiere dazu nicht instrumentalisieren. Zum Glück nimmt die tierethische Sensibilisierung allerorten zu, außer vielleicht in China. Es ist praktisch Konsens, dass Tierversuche und tierverbrauchende Forschung weiter heruntergefahren werden müssen. Ich wäre froh, wenn wir auch bei der industriellen Tierhaltung für die Ernährung so weit wären.

Die biotechnologischen Möglichkeiten wachsen, wie die Versuche in Japan und China zeigen. Besteht hier nicht Handlungsbedarf zur Regulierung?
Ja, auf jeden Fall. Und ich denke, dass wird passieren. Allerdings sehe ich nicht, dass grundsätzlich neue Entwicklungen schnell kommen werden. Ich beobachte die Stammzellen-Forschung bereits seit den 1990er Jahren. Es gibt eine Vielzahl von vielversprechenden Ansätzen, doch ein grundlegender Durchbruch ist hier noch längst nicht in Sicht. Der Nakauchi-Ansatz gefällt mir gut, die eigene Forschung mit möglichen Stoppschildern zu versehen. Ich habe nicht den Eindruck, dass da jemand mit dem Kopf durch die Wand und vermeintlichen Sachzwängen folgen will. Das ist ein interessanter Testfall.

Müssten diese Grenzen dann nicht weltweit gelten, auch zum Beispiel in China?
Eigentlich ja. Aber – realistisch gesehen – das wird nicht geschehen. Das Biorecht ist generell national geprägt, gerade auch im Bereich der Stammzellen-Forschung. Allerdings gibt es ein gemeinsames Verständnis davon, was gute wissenschaftliche Praxis ist. Ich bin optimistisch, dass sich hier ein praktisch globaler Standard etablieren wird. Eine Ausnahme macht China. Auch dort kennt man die Regeln, aber man hält sich nicht unbedingt daran. Es hat ja auch Fälle gegeben, wo Forscher aus dem Westen dorthin gegangen sind, um Versuche mit nichtmenschlichen Primaten machen zu können. In Deutschland jedenfalls gibt es wenig Möglichkeiten, diese Vorgaben zu unterwandern.

Kann es sein, dass Forscher in Hinterzimmern schon mehr machen, als wir wissen?
Das kann man nicht ausschließen. Eine große Hürde ist allerdings, dass die Technik, die für die Stammzellen-Experimente benötigt wird, immer komplizierter wird. Man kann nicht ins Hinterzimmer gehen und dort „Big Science“ machen. Da braucht man große Labore, man braucht viel Ressourcen, und die gegenseitige Kontrolle unter den Forschern ist groß. Es hat zwar in der Stammzellenforschung auch einige Betrugsfälle gegeben, die aufgeflogen sind. Doch die Vorstellung, dass irgendwo jemand heimlich Frankenstein spielt, halte ich zumindest zurzeit für abwegig.

Interview: Joachim Wille

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