Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Wiederverwenden hilft, die Umwelt zu schonen.
+
Wiederverwenden hilft, die Umwelt zu schonen.

Recyclingpapier

Die Mär von der hohen Quote

Noch immer greifen die Bundesbürger zu häufig zu Papier aus Frischfasern. Recycelte Ware ist dagegen ein Ladenhüter – obwohl es gar nicht mehr so grau ist.

Von Sandra Kirchner

Sechzehn Millionen Tonnen. Soviel Altpapier verwendet die deutsche Papierindustrie zur Herstellung von Papier, Pappe und Kartonagen. Damit beträgt die Quote des Altpapiereinsatzes in Deutschland ganze 74 Prozent. Der Eindruck, Deutschland sei in Sachen Recyclingpapier Vorreiter, täuscht allerdings. Noch immer greifen die Bundesbürger zu häufig zu Papier aus Frischfasern. Recycelte Ware ist dagegen ein Ladenhüter. „Der Markt nimmt Recyclingpapier nicht an und der Verbraucher schaut meistens doch nicht so genau hin“, sagt Monika Nolle von der Waldschutzorganisation Ara. Denn seit Jahren halten sich die Vorurteile zu Recyclingpapier fest in den Köpfen: Zu rau, schlecht beschreibbar, nicht tauglich für Drucker oder Kopierer, wenig praktikabel. Selbst dutzende Imagekampagnen von Behörden und Umweltorganisationen haben daran wenig geändert.

Während die privaten Haushalte Recyclingpapier noch immer links liegen lassen, ist die Nachfrage in verschiedenen Sektoren recht unterschiedlich. So hat bei den Kommunen ein Bewusstseinswandel eingesetzt, die öffentlichen Verwaltungen verwenden vermehrt Recyclingpapier. „Die deutschen Großstädte setzen zu 85 Prozent Papier mit dem Blauen Engel ein“, sagt Sönke Nissen von der Initiative Pro-Recyclingpapier. Die Verwaltungen des Bundes und der Länder sowie die Hochschulen zögen mittlerweile nach. „In der Wirtschaft ist Recyclingpapier hingegen noch nicht so verbreitet wie wir uns das wünschen.“

Dabei hat heutiges Recyclingpapier nichts mehr mit den grauen, kratzigen Produkten aus den 1980er Jahren gemein. Längst lässt sich recyceltes Papier in beinahe allen Bereichen einsetzen. So werden Zeitungen heutzutage ausschließlich auf Altpapier gedruckt. Nicht überall hat sich das allerdings rumgesprochen: „Medikamentenverpackungen und bestimmte Filterpapiere werden jedoch ausschließlich aus Frischfasern hergestellt“, sagt Gregor Andreas Geiger vom Verband Deutscher Papierfabriken. Gleiches gelte für qualitativ hochwertige Bilderdruckpapiere. Auch Magazine und Kataloge würden wegen der Produktionsbedingungen höchstens zu 30 Prozent aus Altpapier hergestellt.

Dabei ist technisch einiges möglich: Selbst hochweiße Recyclingpapiere sind heute keine Ausnahme mehr. Allerdings sind hohe Weißgrade mit zusätzlichem technischen Aufwand verbunden. Und: „Hochweiße Recyclingpapiere haben den Nachteil, dass für die Herstellung die nur in geringen Mengen verfügbaren höherwertigen Altpapiersorten verwendet werden oder optische Aufheller eingesetzt werden“, sagt Nissen.

Und nicht jedes hochweiße Recyclingpapier stammt aus Altpapier. So werden Schnittreste aus der Papierherstellung auch als recycelt deklariert, obwohl sie nie den Kreislauf vom Hersteller zum Verbraucher und wieder zum Hersteller durchlaufen haben. Für Umwelt- und Verbraucherschützer ist das ein klarer Fall von Verbrauchertäuschung. Im Fachjargon heißen solche Produkte „Preconsumer“-Papier. Wer auf Nummer sicher gehen will, achtet auf die Bezeichnung „100 Prozent Altpapier“ oder setzt auf Umweltsiegel wie den Blauen Engel. „Bei dem Label werden mindestens 65 Prozent Altpapier aus Haushaltsammlungen verwendet“, sagt Nolle. Zudem erhalten Produkte den Blauen Engel nur für vier Jahre, dann müssen Hersteller erneut nachweisen, dass sie die Anforderungen erfüllen.

Schonung für die Wälder

Die Verwendung von Recyclingpapier verringert den Einsatz von Frischfasern erheblich und schont die Wälder. Zwar arbeitet die Industrie laut Papierverband – auch aus ökonomischem Interesse – an einem geringeren Einsatz von Ressourcen, aber die Herstellung von Papier ist ein aufwendiger Prozess, bei dem jede Menge Energie und Wasser verbraucht wird. „Das Herauslösen der einzelnen Fasern aus dem Holz ist der aufwendigste, energie- und wasserintensivste Schritt der Papierherstellung“, sagt Almut Reichart vom Umweltbundesamt (UBA).

Sobald die Fasern einmal vorliegen, können sie aufgrund von Recycling bis zu sechsmal wiederverwendet werden. Weniger ressourcenintensiv ist dagegen die Herstellung von Recyclingpapier: Dafür wird Altpapier sortiert, mit Seifen gewaschen und mit speziellen Verfahren die Tinte entzogen. Durch den Einsatz von wiederaufbereitetem Material lässt sich der Holzverbrauch erheblich senken und die Nachfrage nach Holz senken. Laut UBA landet jeder fünfte Baum, der auf der Welt gefällt wird, in der Papierherstellung. Zwar loben Umweltschützer die hohe Altpapierquote bei der Papierproduktion, doch die mangelnde Nachfrage im Inland führt dazu, dass das Papier ins Ausland verkauft wird. „Knapp die Hälfte des in Deutschland hergestellten Recyclingpapiers geht in den Export“, sagt Friederike Farsen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Im Gegenzug werden dafür Billigpapiere importiert, die überwiegend aus Frischfasern hergestellt wurden – häufig mit verheerenden Folgen für die Wälder in den Ursprungsländern. Doch auch Importe von Kinder- oder Schulbüchern unterlaufen die Recycling-Standards der deutschen Papierhersteller. Mitunter lässt sich bei solchen eingeführten Gütern auch die Verwendung unter Schutz stehender Tropenhölzern nachweisen.

Kritisch sind auch die Importe von Zellstoffen. 90 Prozent des hier verarbeiteten Zellstoffes wird eingeführt – vorrangig aus Skandinavien und Brasilien. Doch häufig werden die Zellstoffe zu sogenannten Hygienepapieren – also Toilettenpapier, Papiertaschentücher und Küchenrollen – verarbeitet. „Die Zellstoffimporte aus Brasilien sind oft billiger als Altpapier“, sagt Verbraucherschützerin Farsen. Denn die Eukalyptus-Monokulturen Brasiliens liefern schneller und günstiger Nachschub als heimische Hölzer. Der Verbraucher verschließt oft dabei nach wie vor seine Augen. Meist wird Papier eben doch nur einmalig verwendet und landet später in der Tonne.

Denn aller Wiederaufbereitung zum Trotz: Der Papierverbrauch in Deutschland ist immens. Hierzulande wird fast so viel Papier verwendet wie in Afrika und Südamerika zusammen. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Pappe, Papier und Karton liegt in Deutschland pro Jahr bei 251 Kilogramm. „Zumindest rechnerisch“, sagt Almut Reichart vom Umweltbundesamt. Ganz genau lasse sich das nicht sagen. Die Papierindustrie zieht die Zahlen in Zweifel, weil eben auch Verpackungen einberechnet werden. Und der Anteil der Verpackungen an unserem jährlichen Papierverbrauch ist erheblich: Über 40 Prozent des Papieraufkommens wird zum Verpacken verwendet. Ein Wert der im Zuge des Online-Handels noch weiter wachsen wird, warnen Umwelt- und Verbraucherschützer.

Sandra Kirchner ist Journalistin beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die Frankfurter Rundschau die Berichterstattung zu den Themen Klima und Umwelt intensiviert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare