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In den Hochhaussiedlungen im Bremer Brennpunktbezirk Tenever leben Menschen aus 80 verschiedenen Nationen.

Leistungsförderung

Hochbegabte im Brennpunkt

Mit inklusivem Unterricht wollen Bremer Schulen leistungsstarke Kinder fördern, darunter viele aus Migrantenfamilien.

Von Birgitta vom Lehn

Wie alt sind Sie? Wie heißen Ihre Kinder? Können Sie mir beim Ausschneiden helfen? Diese wachen Augen, die erwartungsvollen Blicke, die kessen Fragen, der höfliche Umgangston, das nahezu fließende Deutsch: Wer hätte damit gerechnet, wenn er Erst- und Zweitklässler besucht, die zu 90 Prozent aus Migrantenfamilien stammen, deren Eltern teilweise Analphabeten sind, die oft mit großer Geschwisterschar in den umliegenden Betonburgen des sogenannten Bremer Brennpunkt-Bezirks Tenever aufwachsen, einem „Klein-Manhattan“ mit 2600 Sozialwohnungen für Menschen aus 80 verschiedenen Nationen?

Sollten diese Kinder aus türkischen, arabischen, afrikanischen, polnischen und russischen Familien womöglich bildungshungriger, lernbegieriger und sozial kompetenter sein als jene übersättigten, vorlauten, verwöhnten deutschen (Einzel-) Kinder aus besserem Hause und feineren Villenvierteln?

„Armut ist nicht gleichbedeutend mit Bildungsarmut“, sagt Schulleiterin Maresi Lassek. Sie ist eine kleine und resolute Frau. „Begabung hat man bislang fast immer an bestimmte Bevölkerungsgruppen gebunden. Es ist aber spannend zu sehen, welch starke Kinder wir hier haben.“

Ihr Stolz scheint begründet, den Eindruck muss man tatsächlich gewinnen an diesem Vormittag in der „Ponygruppe“ der Grundschule am Pfälzer Weg. Die Jungen und Mädchen arbeiten, nachdem die Morgenkreis-Kerzen ausgepustet sind, eifrig und selbstständig an ihren Arbeitsbögen. „Wir machen die Kinder angstfrei vor dem weiteren Bildungsgang“, sagt Lassek. Wichtig sei, den Übergang in die weiterführende Schule eng zu begleiten. „Dann trauen die Eltern ihren Kindern auch etwas zu.“ Der Kontakt mit den Eltern sei „ausgezeichnet“.

Engagement am Brennpunkt

Jeder vierte Schüler erhält am Ende eine Gymnasialempfehlung. Lassek ist von der Bildungsnähe vieler Migranten überzeugt: „Die Armut hindert die Eltern nur häufig daran, ihre Kinder so zu fördern, dass sie ihre Stärken entwickeln können.“
Hier muss die Schule ansetzen. Damit das künftig noch besser gelingt, wird sich die Karg-Stiftung an diesem Brennpunkt engagieren. Vor allem auch deshalb, weil gleich gegenüber die Oberschule Koblenzer Straße liegt. Hierher können die Kinder nach der Grundschulzeit kommen. Die Oberschule wird sie auf ihren weiteren Bildungsweg – wenn’s gut geht bis zum Abitur – vorbereiten.

Allerdings können seit diesem Schuljahr Bremer Eltern ihre als auffällig eingestuften Kinder mit speziellem Förderbedarf, die bislang ein Förderzentrum besucht haben, auf einer solchen Oberschule anmelden. Das hat zu großer Unruhe geführt. Lernt mein Kind auch genug, wenn es mit den Schwächsten in einer Klasse sitzt? Diese Sorge stand und steht vielen Müttern und Vätern auf die Stirn geschrieben.

Auch die Lehrer treibt das Problem um, denn, so stellt Oberschulleiter Gerd Menkens nüchtern fest: „Eine Schule ist nur so gut, wie sie leistungsstark ist. Nur zu sagen „Wir sind gut“, reicht nicht. “ Seine Schule hatte überdies daran zu knabbern, dass sie das bei Eltern und Schülern beliebte bilinguale Profil des Gymnasialzweigs im Zuge der jüngsten Schulreform aufgeben musste. Wie soll sie also weiterhin bei bildungsnahen Schichten punkten, wenn sich künftig alles nur noch um Förderkinder dreht und niemand nach den starken Schülern fragt?

Sonderpädagogin Michaela Rastede, die an der Schule Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche betreut, hatte die zündende Idee: Wir fragen die Karg-Stiftung, ob sie etwas für unsere besonders begabten Kinder tun will. Gesagt, getan. „Das ist ein spannendes Projekt, weil sich hier eine Grundschule und eine nicht-gymnasiale Schule zur Hochbegabtenförderung bereit erklären“, erzählt Ingmar Ahl, Vorstand der Karg-Stiftung. Er geizt nicht mit Superlativen und bezeichnet das Vorhaben als „bundesweit einzigartig“.

Der Stiftungsrat gab im Dezember grünes Licht. 47.500 Euro will die Stiftung in den nächsten drei Jahren in Bremen investieren. „Wir wollen Kindern helfen, die gute Anlagen haben, aber nicht in der Lage sind, diese in entsprechende Leistung umzusetzen“, sagt Michaela Rastede. Sie vermeidet bewusst den Begriff „Hochbegabung“, auch wenn sie dabei jene zwei bis drei Prozent der Schülerschaft im Blick hat, die einen Intelligenzquotienten von über 130 aufweisen. Warum sollen sie nicht auch bei Migrantenkindern aus armen Verhältnissen zu finden sein?

Woher kommt die Intelligenz?

„Es gibt kein Gen für Intelligenz“, sagt Elsbeth Stern, Begabungsforscherin an der ETH Zürich. „Dafür spricht die nicht sehr hohe Familienähnlichkeit beim IQ.“ Hinzu komme, dass jeder erst entwickeln müsse, was er in seinen Genen mitbekommen habe.

In der Regel seien hochbegabte Kinder gut integriert, sozial unauffällig und selbstbewusst, betont Carola Benz, Leiterin der Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. 15 Prozent würden aber auch leiden, „und zwar dann, wenn Bedürfnisse der Kinder und Anforderungen der Umwelt nicht übereinstimmen“.

Benz bezeichnet eine solche Situation als „Misfit“. „Geborgenheit“ zu erfahren sei gerade auch für diese Kinder ein hohes Gut, das berühmte Klassenüberspringen daher nicht für jeden geeignet.

Felix ist erst seit wenigen Tagen von einer niedersächsischen Realschule zur Oberschule Koblenzer Straße gewechselt. Seine Eltern überzeugte das Begabtenförderkonzept der Inklusionsklasse. Der Junge hat einen IQ von 138, tut sich aber mit dem Schreiben schwer. Auf seinem Mathe-Arbeitsblatt rechnet er im Milliardenbereich, während andere noch mit Plus und Minus um Hundert hantieren.

Zu den leistungsstarken Schülern zählen auch Farah, Tamen, Mohamed, Hanan und Maryama. Für sie sind die blauen Arbeitsblätter gedacht. Sherat, Mikalay, Sharon, Newraz und Nahmud versuchen sich an den grünen, der leichtesten Kategorie. Daneben gibt es noch die Farben Gelb und Rot. „Wir haben hier die Ampelphase“, erklärt Rastede.

Das inklusive, individualisierte Lernprinzip erfordert von den Lehrern eine besonders gründliche Vorbereitung – sowohl bei der Einstufung der Schüler als auch bei der Vorbereitung der Unterrichtseinheit. Sarah Groeneveld, 27, frisch gebackene Sekundarstufenlehrerin für Mathe und Physik, findet aber, es laufe „wunderbar“. Während des Unterrichts wandert sie von einem zum anderen und gibt Anregungen, leistet Hilfestellung nach Bedarf. An der Tafel steht sie so gut wie nie. „Das ist passé“, sagt sie.

Allerdings hat die Schule Notenfreiheit für die 5c beantragt. Der Ernst des Lebens wird also auf später vertagt. Ob das Prinzip funktioniert, wird sich erst in einigen Jahren erweisen: Dann, wenn die ersten Schüler ihren Abschluss machen.
„Wir wissen, dass wir die Vergleichstests schaffen müssen“, sagt Sonderpädagogin Rastede. Um Leistung führe kein Weg vorbei. „Kernstück“ von gutem Inklusionsunterricht seien zwei Lehrkräfte pro Klasse, bekräftigt Professorin Simone Seitz von der Uni Bremen, die das Projekt begleitet. In der 5c ist das zurzeit der Fall, die Bildungsbehörde spendiert

20.000 Euro jährlich für zusätzliche Lehrkräfte über drei Jahre hinweg: insgesamt 60.000 Euro.

Sitzordnung wichtig

„Entscheidend sind aber auch Klassenzusammensetzung und Sitzordnung. Es muss ein ausgewogenes Verhältnis von starken und schwachen Schülern geben, das ist das A und O“, ergänzt Michaela Rastede und fährt deshalb jetzt schon los in die vier Grundschulen, deren Kinder nach den Sommerferien die Oberschule besuchen werden. Sie will dort bereits die künftige Inklusionsklasse planen. Derzeit gibt es an der Koblenzer Straße nur eine Inklusionsklasse. „Wir müssen mit kleinen Schritten anfangen“, meint Schulleiter Menkens.

„Bildungsgerechtigkeit heißt, Unterschiede zu respektieren, aber zugleich zu ermöglichen, dass alle einen Sprung nach oben machen“, lautet das Credo von Begabungsforscherin Stern. „Weniger intelligente Menschen brauchen einfach nur mehr Zeit. In vielen Gebieten kann man mit einem niedrigeren IQ auf das gleiche Niveau kommen. Wissen schlägt Intelligenz, das kennen wir aus der Mathematik.“

Die Bremer Oberschule ist aber auch deshalb bei Müttern und Vätern so beliebt, weil sie ihren Kindern mehr Zeit zum Lernen lässt: Vom Turbo-Stress der Gymnasiasten bleiben sie verschont. Oberschüler dürfen sich 13 Jahre Zeit bis zum Abitur lassen.

Gerade für die starken Kinder aus Bremen-Tenever, die in ihrer ersten Fremdsprache alphabetisiert werden, ist das eine große Chance.

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