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Der Klimawandel wird die Insektenwelt dauerhaft durcheinanderwirbeln - darin sind sich Biologen  und Artenschützer einig.

Insektensterben

Hitze hilft, Hitze tötet

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Steigende Temperaturen locken Insekten in den Norden, doch in den Tropen treibt der Klimawandel das Artensterben voran.

Als Hauptschuldiger für das Insektensterben in Deutschland gilt bislang die Intensivlandwirtschaft. In Zukunft dürfte allerdings auch der Klimawandel als Faktor hinzukommen, etwa durch langanhaltende Dürren. Insgesamt aber sehen Biologen im Klimawandel derzeit sogar noch einen Antreiber für die Artenvielfalt in Deutschland. „Netto müsste sich der Klimawandel bisher noch positiv auswirken auf die Insektenarten“, sagt der Biologe Axel Hochkirch von der Universität Trier.

Der Grund dafür liegt in der geografischen Umverteilung der Insektenarten. Je weiter man vom Äquator in Richtung der Pole wandert, desto stärker nimmt ihre Anzahl ab. Durch die Erderwärmung aber wandern Insekten aus dem Süden zu uns ein. „Die Zahl der Arten und die Biomasse müsste also eigentlich zunehmen“, sagt Hochkirch. Dass sie aber massiv abnimmt, deutet daraufhin, dass eher in der Intensivlandwirtschaft die Ursache für den aktuellen Schwund zu finden ist.

Ganz anders stellt sich die Situation in den Tropen dar. Dort sind die Insektenarten aufgrund des Fehlens der Jahreszeiten kaum darauf eingestellt, wenn die Temperaturen stark schwanken. Im El-Yunque-Regenwald in Puerto Rico stellte Brad Lister von der Rensselaer Polytechnic University New York einen Rückgang der Gliederfüßer um das Zehn- bis Sechzigfache zwischen 1976 und 2012 fest, was einen Kollaps des gesamten Nahrungsnetzes ausgelöst hatte. Der Biologe machte in einer Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der USA (PNAS) aus dem Jahr 2018 den Klimawandel als Hauptschuldigen aus, da es in der Region seit Jahren kaum noch Landwirtschaft gibt, sich die Luft aber um zwei Grad Celsius erwärmt hat. Auch in einem Trockenwald in Mexiko stellte Lister zwischen 1981 und 2014 einen Rückgang der Insekten um das Achtfache fest. Dort hatte sich die Luft um 2,4 Grad Celsius erwärmt. Und australische Forscher konnten in einer Studie 2009 einen massiven Einbruch in der Insektenpopulation in einem Eukalyptuswald belegen, was das Verschwinden vieler Vögel nach sich gezogen haben soll. Als Ursache gaben sie Dürre und Hitze an.

Studien solcher Art gibt es bisher nur wenige. Das könnte daran liegen, dass es kaum Daten aus den Tropen gibt. Experten warnen allerdings auch davor, vorschnell allein auf den Temperaturanstieg als Ursache des Insektenschwunds in den Tropen zu verweisen. „Der Effekt des Klimawandels ist sehr viel komplexer als eine einfache lineare Antwort auf einen durchschnittlichen Temperaturanstieg“, schreiben französische Biologen in einer Studie im Fachjournal „Integrative Zoology“ aus dem Jahr 2010. „Und die Antwort dürfte sich wahrscheinlich je nach Region unterscheiden.“

Einig sind sich aber Biologen und Artenschützer, dass der Klimawandel die Insektenwelt dauerhaft durcheinanderwirbeln wird – mit wirtschaftlichen Folgen auch hierzulande. Schon heute haben sich Hunderte Insektenarten aus tropischen oder subtropischen Gebieten in Europa etabliert. Prognosen gehen von einer rapiden Zunahme des Insektenbefalls für Getreidesorten wie Reis, Mais und Weizen aus. Pro Jahrzehnt dürften die Verluste um 10 bis 25 Prozent zunehmen, heißt es in einer „Science“-Studie aus dem Jahr 2018. Betroffen seien vor allem Europa, die USA und China. Um trotzdem die Weltbevölkerung ernähren zu können, halten die Autoren um Curtis Deutsch von der Universität Washington in Seattle einen stärkeren Pestizideinsatz für unabdingbar. Was wiederum zum aktuellen Problem führt.

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